Michael Niebler hält solche Zahlen für Panikmache. Als geschäftsführendes Vorstandsmitglied beim AGV, dem Arbeitgeberverband der Versicherungsunternehmen, kennt er die Zahlen. Im vergangenen Jahr seien im Innendienst nur 0,9 Prozent der Stellen weggefallen, insgesamt seien es in der Branche 1,5 Prozent gewesen. „Wir dürfen die Arbeitgebermarke nicht kaputtreden“, warnt Niebler. „Das Geschäftsfeld der Versicherer löst sich nicht auf, sondern verändert sich.“ Die Unternehmen würden immer mehr zum „Haus der einhundert Berufe“ und damit zu vielseitigen Arbeitgebern. Und angesichts der realen Zahlen seien sie auch langfristig ein Hort der Stabilität.
Dass das so bleibt, wollen die Arbeitnehmer aber gern schriftlich verankern. Die Gewerkschaft Verdi handelt seit Anfang 2017 mit dem Arbeitgeberverband einen Zukunftstarifvertrag Digitalisierung aus. Ziel ist es, der Entwicklung nicht hinterherzuhinken, sondern sie aktiv im Sinne der Beschäftigten zu gestalten. Der Zukunftstarifvertrag soll vor allem langfristig Jobs in der Branche sichern und ein Recht auf Fortbildung regeln, damit alle Beschäftigten ins neue Zeitalter mitgenommen werden können.

Wer Talente anlocken will, muss ihnen Work-Life-Balance bieten

Davon profitieren faktisch alle Angestellten, ist die Versicherungswirtschaft doch die Branche mit dem höchsten Grad an Tarifbindung. Unabhängig davon engagieren sich viele Unternehmen schon heute, um ihren Angestellten nicht nur interessante Aufgaben, sondern eine funktionierende Work-Life-Balance zu ermöglichen. Flexible Arbeitszeiten sind ebenso im Angebot wie Teilzeitstellen, das Bewusstsein um den Wert betrieblicher Gesundheitsvorsorge wächst. Auch um kleine Kinder wird sich gekümmert: Rund die Hälfte der Arbeitgeber bietet eine Kinderbetreuung bei Notfällen oder in den Ferien. 16 Prozent der Versicherer haben einen eigenen Betriebskindergarten, besagen aktuelle AGV-Zahlen, mehr als ein Drittel zahlt Zuschüsse zu externen Kitas oder hat dort ein Firmenkontingent. Und 33 Prozent bieten ihren Angestellten ein Eltern-Kind-Büro.
Den Versicherern ist klar: Um als attraktive Arbeitgeber zu glänzen, müssen sie mehr offerieren als spannende Aufgaben. Das Gesamtpaket muss stimmen, sonst gehen die Talente trotzdem zu anderen Arbeitgebern. Doch wenn der Rahmen passt – und darauf legen die Versicherungsunternehmen viel Wert – , dann gilt wieder: „The trend is your friend.“ Und dieser Trend ist klar: weniger Routine, mehr Innovation.

Eine App mitentwickelt – und das in der Tarifabteilung

So wie bei Martin Ballerstein, der in einem eigentlich ganz klassischen Versicherungsfeld arbeitet. Der 34-Jährige ist bei der HUK-Coburg Teamleiter Tarifierung. Er berechnet die Beiträge für alle Versicherungen – außer Lebensversicherung und Krankenkasse –, mehr Kerngeschäft geht wirklich nicht. Doch selbst da verfolgt er einen Ansatz, der noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wäre. Beispiel Kfz-Versicherung: Früher, erzählt Ballerstein, hätte der Kunde sich ein Auto gekauft, einen Termin mit dem Versicherungsvertreter abgesprochen und eine Versicherung abgeschlossen. Heute verkauft der Autohändler die Versicherung in einem großen Servicepaket gleich mit. Um dagegen anzukommen, müssten die Leistungen der Versicherer individueller sein.

Martin Ballerstein, Teamleiter Tarifierung: Der 34-Jährige ist Wirtschaftsinformatiker. Promoviert hat er über mathematische Verfahren zur Optimierung von chemischen Prozessen. Statt in der Chemieindustrie landete er 2013 bei der HUK-Coburg, wo er sich jetzt vor allem mit Telematik befasst. Foto: Simeon Johnke

Ballerstein hat dafür eine App mitentwickelt – und das in der Tarifabteilung. Da werden heute mittels Telematik Tools geschaffen, die den Kunden maßgeschneiderte Policen ermöglichen. Die App wertet das Fahrverhalten der Versicherten aus. Dafür muss der Kunde im Auto ein kleines Gerät in den Zigarettenanzünder stecken. Das zeichnet während der Fahrt die Geschwindigkeit, die Position und Beschleunigung auf. Anhand der Daten kann die Versicherung die Fahrqualität beurteilen und bei umsichtiger Fahrweise einen individuellen Abschlag auf den Tarif anbieten. „Wir sitzen per Big Data praktisch auf dem Beifahrersitz“, sagt Ballerstein.

Wir sitzen per Big Data praktisch auf dem Beifahrersitz

Martin Ballerstein erfindet Telematik-Tarife

Wenn er solche Sätze sagt, merkt man ihm die Begeisterung an. Ballerstein ist jemand, der für sich ursprünglich einen ganz anderen Berufsweg sah. Während des Studiums hatte er noch vor, in die Chemieindustrie zu gehen. In diese Richtung zielte auch seine Dissertation. Hätte man ihm da gesagt, er werde eines Tages in einer Versicherung Tarife errechnen, hätte er womöglich gelacht. Heute aber hat er sein Feld gefunden. „Die Nutzung der Telematik in der Tarifierung ist ein Quantensprung“, sagt Ballerstein. „Die Technik ermöglicht und erfordert die Entwicklung ganz neuer Ideen. Ich finde das sehr spannend.“

Tools wie die Fahr-App werden natürlich nicht allein von Systementwicklern entwickelt. Sie zu er finden setzt voraus, anders und unvertraut zu denken. Dafür werden Spezialisten gebraucht, die man früher eher nicht bei einer Versicherung vermutet hätte. Bio-Informatiker. Klimaexperten. Und eben Astrophysiker. Ballerstein sagt: „Man muss heute ressortübergreifend vorgehen.“

Die Leute wollen mit zwei Klicks zum Produkt

So bilden sich ganz neue Teams. Und das gibt neue Impulse. Genau auf die kommt es an. „Wir müssen ein bisschen Start-up-Kultur in die Unternehmen bringen“, sagt André Dörfer, Change-Berater und Personalentwickler bei der R+V Versicherung. „Wir sind in einer Phase, in der wir über alles anders nachdenken und Neues ausprobieren. Start-ups sollten wir nicht als Bedrohung sehen, sondern als Inspirationsquelle zur Entwicklung agiler Strukturen.“

Iris Ganz, Abteilungsleiterin IT Konzeption und Steuerung: Die 47-Jährige ist bei der R+V im IT-Kundenmanagement aktiv. Im Versicherungsgeschäft ist sie noch neu: Zuvor hat Ganz bei einer Bank gearbeitet, war aber auch dort schon in der IT. Foto: Jonas Ratermann

Deshalb sitzt Iris Ganz, 47 Jahre alt, bei R+V im IT-Kundenmanagement, also an der Schnittstelle zwischen Kunden und IT. Schon dass das überhaupt als Schnittstelle definiert wird, ist Ausdruck der Umwälzung. Früher, erzählt Ganz, waren das getrennte Bereiche. Erst hat das Kundenmanagement ein Produkt entwickelt und als Auftrag an die IT formuliert. Die war Dienstleister: Sie hat die Idee des Kundenmanagements technisch umgesetzt. Die Arbeitsbereiche waren eingegrenzt. Und damit auch das Denken der einzelnen Kolleginnen und Kollegen.

Neue Produkte entwickeln wir konsequent aus Sicht der Kunden

Iris Ganz bringt IT und Kundenmanagement zusammen

Inzwischen läuft die Planung von vornherein zusammen: die ersten Schritte zur Ideenfindung, die Entwicklung eines Prototyps, die Testphase für das Produkt. Die Herangehensweise ist eine ganz neue. Und vor allem der Fokus. Wer heute in einer Versicherung Produkte entwickle, denke alles aus Sicht des Kunden, erzählt Ganz. Es gehe nicht mehr darum, möglichst viele und komplexe Policen anzubieten, zwischen denen der Kunde sich entscheiden muss. Der gibt selbst den Takt vor. Er will leicht bedienbare, überschaubare Onlineangebote. „Niemand will mehr viele Seiten Text lesen“, sagt Ganz. „Die Leute wollen mit zwei Klicks zum Produkt.“

Der Wille zum Kulturwandel

Wenn Kunden das bei ihrem Versicherer nicht bekommen, gehen sie eben zum nächsten. Für die Beschäftigten in den Versicherungsunternehmen bedeutet das eine spannende Herausforderung. Wer den Weg in die Zukunft mitgehen will, muss multimedial denken, in den sozialen Netzwerken ebenso zu Hause sein wie im klassischen Versicherungsgeschäft und vor allem: den Kulturwandel wollen.

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