Ende Mai 2014 hat die Bundesregierung angekündigt, dass der Garantiezins für Lebensversicherungen zum 1. Januar 2015 um 0,5 Punkte auf 1,25 Prozent sinken soll. Das Lamento ist groß: Mit dem geringen Zinssatz lohne sich ein Abschluss einer klassischen Lebensversicherung nicht mehr, so der Tenor. Doch dass der staatlich festgelegte Höchstrechnungszins, wie der Garantiezins eigentlich heißt, bei Lebensversicherungen schon immer schwankte, bleibt dabei meist außen vor.

Ein kurzer historischer Abriss: Erste Zahlen lassen sich für den Zeitraum zwischen 1903 und 1922 finden, damals betrug er 3,5 Prozent, orientiert an der allgemeinen Zinshöhe, stieg dann auf 4,0, um dann im Jahr 1942 auf 3,0 Prozent abgesenkt  zu werden. Auf diesem Niveau blieb er bis 1986, um im Gefolge langjährig gestiegener Zinsen wieder auf 3,5 und 1994 sogar wieder auf 4,0 Prozent zu steigen. Seitdem fällt er parallel zum kontinuierlich sinkenden Zinsniveau, das mit der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank einen historischen Tiefstand erreicht.

Rechenhilfe für die Versicherer

Den Rechnungszins benutzen Versicherungsunternehmen, um das Verhältnis zwischen den  Versicherungsleistungen und den Beiträgen ihrer Kunden zu berechnen. Er ist also zuallererst eine Rechengröße für den Versicherer. Der maximal zulässige Rechnungszins wird vom Bundesfinanzministerium anhand einer Formel festgelegt, die sich an einem Prozentsatz der Umlaufrendite von Staatsanleihen orientiert. Damit können die Versicherungsunternehmen kalkulieren, wie viel Kapital sie vorhalten müssen, um die Ansprüche ihrer Kunden aus allen Versicherungsverträgen jederzeit sicher erfüllen zu können.

Schon seit der Kaufmann Ernst-Wilhelm Arnoldi im Jahr 1827 die Gothaer Lebensversicherungsbank für Deutschland gründete und damit die ersten Lebensversicherungspolicen hierzulande verkaufte, brauchten die Unternehmen Rechnungsgrundlagen für ihre Policen. Bis im Jahr 1901 das „Gesetz über die privaten Versicherungsunternehmen“ in Kraft trat, und damit auch der Rechnungszins eingeführt wurde, konnten Versicherer frei kalkulieren. „Ganz am Anfang haben die deutschen Lebensversicherer sogar noch mit englischen Sterbetafeln gerechnet, obwohl die Sterblichkeit in England eine ganz andere war als in Deutschland“, sagt Hans-Jörg Ehler, der lange Jahre die Geschäfte des Verbands deutscher Lebensversicherungs-Unternehmen führte und die Geschichte der deutschen Lebensversicherer als Buch veröffentlicht hat.

Nach dem neuen Gesetz mussten sich die Versicherungsunternehmen den Rechnungszins genehmigen lassen – in der Bundesrepublik Deutschland vom Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen. Das änderte sich nach der Deregulierung des Versicherungsmarktes ab dem 1. Juli 1994. Bis heute legt nun das Bundesfinanzministerium  den maximal zulässigen Zins fest. Und der Zins bekommt einen anderen Namen: Aus dem Rechnungszins wird durch die Deckungsrückstellungs-Verordnung vom 6. Mai 1996 der Höchstrechnungszins.

Für den Kunden hat der Höchstrechnungszins den Vorteil, dass ihm implizit eine bestimmte Mindestverzinsung des Sparanteils seiner Prämie zu diesem Satz zugesichert ist – im Gegensatz übrigens zu England und anderen angelsächsischen Ländern, die einen solch garantierten Zins nicht kennen. Deshalb heißt er umgangssprachlich auch Garantiezins. „Das ist für den Kunden auch bildhafter und plastischer“, sagt Lebensversicherungs-Experte Ehler. Zusätzlich zu dieser Garantie bekommen die deutschen Kunden auch noch laufende und Schlussüberschüsse. Laut der Überschussbeteiligungsstudie 2014, bei der die Ratingagentur Assekurata die Angebote von 68 deutschen Lebensversicherungsunternehmen verglichen hatte, liegt die laufende Verzinsung derzeit bei durchschnittlich 3,5 Prozent und die durchschnittliche Gesamtverzinsung sogar bei 4,0 Prozent.

Garantie für den Kunden

Hinzu kommt noch der große Vorteil jeder klassischen Lebensversicherung: „Sie schafft Sicherheit und Planbarkeit, weil ein Kunde alles, was er abzüglich Kosten und Risikoschutz eingezahlt und bereits verzinst bekommen hat, am Ende wirklich in seinen Händen hält“, sagt Dr. Peter Schwark, Mitglied der Hauptgeschäftsführung beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. Wer also bei seiner Altersvorsorge ein hohes Maß an Berechenbarkeit haben will, der entscheidet sich für die klassische Lebensversicherung mit einer fest garantierten Leistung plus der jeweiligen Überschüsse – egal, wie hoch der Höchstrechnungszins gerade ist. Wem ein verlässlicher Halt weniger wichtig ist als eine höhere Rendite, der wählt eine fondsgebundene Variante mit mehr Risiko.