Und flexibel sein für das Unperfekte? Ja. Das ist keine Frage von Geld, sondern eine von Mentalität – von Herz. Wir haben es heute mit Alten zu tun, die sind unternehmenslustig, die sind neugierig, die wollen nicht nur sonntags zum Gottesdienst gehen. Die wollen mittendrin leben.

Werden aber mit 63 in Rente geschickt. Genau das Gegenteil brauchen wir. Wir brauchen gewerkschaftlich und unternehmerisch geschützte Formen von Beschäftigung über die traditionelle Altersbegrenzung hinweg.

Wie weit sind wir davon noch entfernt? Es bewegt sich viel, weil wir zu wenig Fachkräfte haben. Daher gibt es immer mehr Unternehmer, die attraktive Angebote für Ältere machen – etwa die halbe Stundenzahl. Das wird immer stärker nachgefragt. Deshalb hat sich auch das faktische Rentenalter in den letzten zehn Jahren ständig erhöht: Wenn das Angebot stimmt, ist die Nachfrage da.

Bis die Gewerkschaft sagt: „Jetzt wirst du 65, jetzt musst du raus.“ Die Gewerkschaften fangen an umzudenken. Und ich weiß von einer ganzen Reihe von Betriebsräten, die das regeln, über Betriebsvereinbarungen.

Rettet es das Rentenversicherungssystem, wenn alle bis weit jenseits des 70. Geburtstags arbeiten? Das deutsche Rentenversicherungssystem ist eines der solidesten der ganzen Welt, mit Rücklagen wie noch nie. Die haben richtig gut gebunkert, sind also das Gegenteil von pleite. Wenn wir aber perspektivisch die nächsten 30 Jahre betrachten, müssen wir über das Eintrittsalter nachdenken. Die Rente mit 67 ist ein erster Schritt. Eigentlich müssen wir über die 70 reden – nicht für alle, und nicht als Pflicht. Aber als Option.

Wenn ich mich mit 70 Jahren noch fit fühle, kann ich doch in Rente gehen und das Leben genießen! Wer das Leben genießen will, indem er sich in den Lehnstuhl setzt und guckt, was im Fernsehen läuft…

… der stirbt als erster? Ja, der stirbt als erster. Wer noch etwas unternimmt, was ausprobiert und neugierig bleibt, sich bewegt und sich auch körperlich nicht einfach gehen lässt, der gestaltet sein Altersleben klug. Und lebt dann auch länger.

Und Alten-WGs helfen dabei besser als die Pflegeversicherung, die oft nur „satt und sauber“ abdeckt? Die Pflegeversicherung ist im Grunde richtig. Wir haben anfangs zu viel Kommerz zugelassen, Kurkliniken wurden umfunktioniert zu Altenpflegeeinrichtungen. Die älter werdenden Menschen wollen in ihrem Zuhause bleiben – und dabei soll die Pflegeversicherung helfen, indem sie die Angehörigen entlastet. Die müssen wir unterstützen, und nicht die Geschäftemacher. Deshalb wird derzeit umgesteuert, von den stationären Einrichtungenhin zur Ambulanz. So entwickelt sich ein Netzwerk zwischen Angehörigenhilfe, Nachbarschaftshilfe und dann auch ambulanten Professionellen. Das ist die Zukunft, da setze ich drauf.

Was auch den Pflegenotstand lindert? Im besten Fall wird Pflege gar nicht nötig. Deshalb bin ich dafür, dass man die alten Leute mobilisiert und nicht abwartet, bis sie irgendwann bettlägerig werden. Die Pflegevermeidung ist ganz wichtig.

Henning Scherf wurde am 31. Oktober 1938 in Bremen geboren. Von 1995 bis 2005 war der SPD-Politiker und promovierte Jurist Bürger­meister und Präsident des Senats der Freien Hansestadt Bremen. Von 1971 bis 1978 war er­ Mitglied der Bremischen Bürgerschaft, von 1978 bis 2005 Mitglied der Landesregierung. Henning Scherf lebt in einer Hausgemeinschaft und schreibt seit 2007 Bücher über das Älterwerden.

Henning Scherf

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