Henning Scherf bietet Tee und Gebäck an, er selbst trinkt nur heißes Wasser – „die Angewohnheit habe ich aus China mitgebracht“. Wir reden über das Leben im Alter: was wichtig bleibt und was wichtig wird. Der frühere Bremer Bürgermeister muss es wissen, er lebt in einer Alten-WG. Das klingt kommunardiger als es ist: Jeder der WG-Bewohner hat seine eigene Wohnung, mit Treppenhaus und Klingelschild. Eher eine Hausgemeinschaft also. Einsamkeit, diese Geißel des Alters, kommt hier nicht auf. Dagegen ist Henning Scherf sowieso gefeit: Wie wir beim Spaziergang durch „sein“ Bremen lernen, ist der 76-Jährige ein passionierter Auf-Menschen-Zugeher.

Alt werden ist nichts für Feiglinge, Herr Scherf. Woher den Mut nehmen? Dafür gibt’s kein Patentrezept. Bei mir sind es drei Kraftquellen, aus denen ichschöpfe: meine Frau, mit der ich seit 55 Jahren verheiratet bin; meine Kinder, zu denen ich einen engen Draht pflege –und dieses Haus, in dem wir seit 28 Jahren leben. Das ist ebenfalls eine Familie, und ein großes Glück. Wir haben hierüber Jahre zwei Sterben begleitet und auch das gemeistert. Das hat uns noch enger zusammengeschweißt. Und wir selbst werden ja auch nicht jünger, haben erste leichte Schlaganfälle, müssen uns mit Krebs beschäftigen, haben Schwierigkeiten mit dem Hören…

Das klingt gut, braucht aber Mut. Naja, wenn man einfach nur dasitzt und jammert, wird da nichts draus. Wer jammert, der sitzt in der Falle. Also bitte mit dem Jammern aufhören und sich umgucken. Wer nicht alleine wohnen möchte, muss Leute im Freundes- oder Bekanntenkreis ansprechen. Es gibt so viele, die nicht allein wohnen wollen. Ganz viele wünschen sich das, aber nur wenige kriegen das hin. Der erste Schritt besteht darin, auf die anderen zuzugehen und mit ihnen zu reden.

Sind die Erwartungen nicht zu hochgeschraubt: nicht mehr allein, dafür harmonisch und konfliktfrei? Überwinden kann solche Idealvorstellungen nur, wer es ausprobiert. Sonst löst eine Enttäuschung die nächste ab. Ich muss gucken, was es gibt und was möglich ist – das muss ich versuchen zu erreichen. Es kommt niemand um die Ecke und sagt: „Hier habe ich genau das Richtige für dich.“

Weil ich es mir mit meiner mageren Rente eh nicht leisten könnte. Unsinn. Wer finanziell fürs Alter vorgesorgt hat, tut sich leichter, klar. Für alle anderen heißt es: kreativ sein.

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