James W. Vaupel ist wahrlich kein Milchmädchen. Wie realitätsnah seine Rechnung ist, darüber lässt sich streiten: Würden alle Deutschen im Alter zwischen 20 und 65 Jahren arbeiten und die Senioren bis 70 zusätzlich mit anpacken, müsste niemand länger als 25 Stunden pro Woche arbeiten. Ohne dass die deutsche Wirtschaftsleistung sinkt, ohne dass das Rentensystem implodiert. Adieu, 40-Stunden-Woche! Bonjour, Freizeit!
Vaupel geht es um mehr als um Freizeit. Der Leiter des Max- Planck-Instituts für demografische Forschung will Arbeit neu verteilen: weniger Stress für alle. Dass wir älter werden, sei eine große Chance, um die Gesellschaft so umzubauen, dass die Menschen flexibler und glücklicher leben können. Wer mit der Aussicht auf ein 100-jähriges Leben geboren werde, sagt Vaupel, wolle nicht 35 Jahre davon mit Nichtstun verplempern. Gerade wenn sie nicht dauergestresst – Überstunden und gleichzeitig die Kinder! – zu viel „vitale Energie“ verloren haben, dürften künftige Alte eher gewillt sein, etwas länger als heute üblich zu arbeiten.

Hauptsache fit: Moderne Technologien krempeln unser Arbeitsleben um. Wer sich auf sie einlässt, wird neue Aufgaben finden – das ist eine Frage der mentalen Fitness, nicht des Alters

Denn wir werden nicht nur älter, uns erwartet ein längeres gesundes Leben. Wenn uns ein zweiter Frühling statt des Lebensherbsts bevorsteht, können wir unsere Zeit schon heute besser einteilen. Wir müssen uns im Alter zwischen 25 und 50 Jahren, in der „Rushhour des Lebens“, nicht so verausgaben – uns bleibt ja noch Zeit genug! Es sei noch nie sinnvoll gewesen, als Rentner „endlich Zeit zu haben, wenn man sie für die Kinder gar nicht mehr braucht“, sagt Vaupel. Der starre Dreiklang aus Ausbildung, Arbeitslast/Elternschaft und Rente sei überholt. Gerade die Frauen und Männer in diesem Lebensabschnitt sehen das genauso. Mehr als die Hälfte der 30- bis 59-Jährigen etwa würde am liebsten zwischen 20 und 35 Stunden pro Woche arbeiten, so eine GDV-Umfrage.
Weil es eben so viel anderes zu tun gibt. Oder gäbe – wenn man denn Zeit dafür fände. Wer zwischendurch beruflich kürzertreten will, ohne die Rente zu gefährden, muss Gelegenheit bekommen, verpasste Zeit nachzuholen. Und das heißt: mehr Flexibilität beim Renteneintritt.

Kleine Helferlein: Ob Haushaltsroboter oder Virtual-Reality- Brille: Der Fortschritt erleichtert uns den (Arbeits-)Alltag

Eine Möglichkeit wäre die Kopplung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung. So haben zum Beispiel die 1964 geborenen Männer, die als erster Jahrgang mit 67 in Rente gehen, anschließend im Schnitt noch 19 Jahre vor sich. Ihre im Jahr 2000 geborenen Söhne würden bei unverändertem Renteneintrittsalter aber schon knapp 22 zusätzliche Jahre zu leben haben.

Wenn wir alle älter werden, müssen wir auch länger arbeiten

So geraten die Proportionen unseres Lebens aus den Fugen, sagt Altersforscher Axel Börsch-Supan: „Wenn wir heute zwei Drittel unseres Erwachsenenlebens arbeiten, müssen diese zwei Drittel auch in Zukunft erhalten bleiben.“ Der Direktor des Munich Center for the Economics of Aging hält starre Altersgrenzen für nicht zeitgemäß, er will Rentenalter und Lebenserwartung koppeln. „Wenn wir drei Jahre älter werden, müssen wir zwei Jahre länger arbeiten. Ein Jahr können wir dann länger im Ruhestand verbringen.“
Um die Grenze zwischen Beruf und Ruhestand durchlässiger zu machen, führt Deutschland im nächsten Jahr immerhin die Flexi-Rente ein. Wer vor Erreichen der Altersgrenze in den Ruhestand geht, soll mehr hinzuverdienen können, ohne dass ihm oder ihr die Rente gekürzt wird. Wer über das offzielle Rentenalter hinaus weiterarbeitet, kann Rentenansprüche aufstocken. Eine Anhebung der Regelaltersgrenze taucht in den Rentenreformplänen jedoch nicht auf. Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) hält die Idee für lebensfremd und verweist auf ihren Vater, einen Maurer, der mit 73 Jahren gestorben sei. „Wenn mir da einer mit Arbeiten bis 70 kommt, werde ich sauer“, sagt Nahles.

Personal Touch: Prozesse lassen sich automatisieren, der menschliche Austausch nicht: Persönliche Beratung bleibt weiter

Doch die Menschen werden älter, gleichzeitig ändern sich die Arbeitsbedingungen. „Knochenjobs“ werden seltener, Maschinen übernehmen zunehmend körperlich anstrengende Aufgaben. Freiräume in der Lebensmitte statt Überstunden und Doppelbelastung würden helfen, dass der Mensch sich nicht mehr so schnell verschleißt.
Diese Freiräume könnten noch andere Schwierigkeiten mildern. Kindermangel? Beruf und Familie ließen sich leichter vereinbaren. Altersleiden wie Demenz? Nichts hält den Geist so fit wie soziale Einbindung und eine regelmäßige Aufgabe. Fachkräftemangel? Die Unternehmen könnten ihn besser abfedern. Auch der Zusammenhalt zwischen den Generationen würde gestärkt, wenn Jung und Alt enger in Kontakt blieben und einander entlasteten. „Alle Generationen sind Lernende und Lehrende“, sagt Alternsforscher Andreas Kruse, Direktor des Instituts für Gerontologie an der Universität Heidelberg.
Mit mehr Flexibilität im Arbeitsleben tun sich aber nicht nur Politiker, sondern auch Unternehmen schwer. Das zeigt sich beispielhaft am Stand der Langzeitarbeitskonten. Die Idee: Beschäftigte arbeiten in bestimmten Phasen mehr und sparen so Zeit auf einem Konto an. Darauf können sie später bei Bedarf zurückgreifen und die vorgearbeitete Zeit frei für sich nutzen – ein Ausgleich also über die gesamte Erwerbsbiografie hinweg. Aktuell bieten jedoch nur rund zwei Prozent der Firmen in Deutschland diese Möglichkeit an.

Auch Teilzeitmodelle sind keineswegs Standard. Nur wenige Firmen gewähren ihren Mitarbeitern ein Sabbatical, damit die sich in Ruhe weiterbilden oder etwa eine lebensprägende Weltreise unternehmen können. Die Wirtschaft wird sich auf solche Konzepte einstellen müssen. Denn im Kampf um Talente und Fachkräfte werden die Arbeitgeber mit den besten Angeboten gewinnen. Wer heute ins Berufsleben einsteigt, achtet auf solche Angebote. Umgekehrt gilt aber auch: Die Unternehmen müssen Senioren mehr Chancen geben. Denn anders als die Jungen werden sie künftig öfter für Arbeit verfügbar sein.
„Wir fordern eine neue Berufswelt“, sagt Kerstin Bund. In ihrem Buch „Glück schlägt Geld“ beschreibt sie das Lebensgefühl der „Generation Y“, der zwischen 1980 und 1995 Geborenen. Arbeiten? Ja, gern. Aber ohne das Gefühl, versklavt zu werden. Ohne endloses Laufen im Hamsterrad. Dafür mit Freiräumen etwa für Kinder, Eltern, für Freunde oder Hobby.

Geld ist nicht so wichtig wie das Gefühl, weiter mitzumischen

Die Flexibilität, die die Jugend für sich reklamiert, könnte zwangsläufig auf sie zukommen. Digitalisierung und Automatisierung krempeln die Wirtschaft um, Wissen wird in immer kürzeren Zyklen zu Halbwissen, feste Arbeitsplätze gehen verloren. Immer mehr Menschen könnten künftig zu Auszeiten gezwungen sein, weil sie sich noch einmal fortbilden oder die Zeit zwischen zwei befristeten Jobs überbrücken müssen. Für sie wäre es möglicherweise sogar ein Segen, wenn sie auch noch im Rentenalter arbeiten könnten.

Jetzt ist ein hervorragender Zeitpunkt, um unsere Art zu Leben und zu Arbeiten umzukrempeln

James W. Vaupel, Leiter des Max-Planck-Instituts für Demografische Forschung

Viele Ruheständler tun das heute schon – obwohl sie meist gar nicht müssten. 665.000 Menschen im Alter von 65 bis 70 haben einen Job (siehe Karte), der Anteil der Erwerbstätigen in dieser Altersgruppe hat sich mehr als verdoppelt. Der Faktor Geld spielt dabei eine untergeordnete Rolle, besagen Umfragen. Wie auch das Gespräch mit der 75-jährigen Daggi Prüter zeigt: Viel wichtiger sind der Spaß an der Arbeit und die Möglichkeit, mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen.