So kräftig spritzt die Fontäne aus dem Rohr, dass sie den Putz aus der Wand wäscht. Drei Bar sorgen für ordentlich Druck. Als Joachim Kamieth das Zischen aus dem Keller hört, steht das Wasser dort bereits zwei Zentimeter hoch. Der 66-Jährige dreht sofort die Hauptleitung an der Wasseruhr ab. Dann wischt er das Wasser auf. So, alles wieder trocken, alles wieder gut.
Denkt Kamieth, und täuscht sich gewaltig. Sechs Wochen später ruft er seine Versicherung an, weil im Keller die Wände blühen: Schimmel. Und das ist nur das sichtbare Problem. Heute, ein Jahr später, weiß der Limburger, wie aufwendig es ist, einen ganzen Keller komplett zu sanieren. Und was an Kosten anfällt: in seinem Fall mehrere Zehntausend Euro.
Wasserschäden sind teuer, und sie nerven. Und zwar so richtig. Beim Rotweinfleck auf dem Teppich wird einfach der Teppich ausgetauscht; fällt die Vase runter, bezahlt die Versicherung die neue Vase. Fertig. Aber ein Wasserschaden? Da quellen anschließend die Dielen aus dem Boden, den Teppich kann man sowieso wegschmeißen. Das Wasser kriecht in die Schränke und erobert die Sessel – alles unbrauchbar. Was an elektrischen Geräten auf dem Boden stand, wandert direkt in den Müll. Und was sich an Feuchtigkeit in den Wänden hält, das stellt sich oft erst nach Wochen heraus, wenn sich die ersten Schimmelblüten hervorwagen.

Muntere Wasserfontäne: Wird die Hauptleitung nicht umgehend abgestellt, steht das Wasser schnell knöchelhoch. Foto: Henrik Sorensen/Stone/Getty Images

Mehr als eine Million Schäden an Wasserleitungen werden Jahr für Jahr in Deutschland gemeldet. Statistisch gesehen platzt alle 30 Sekunden ein Rohr, löst sich eine Dichtung oder leckt eine Armatur. Mehr als 2,6 Milliarden Euro kosten solche Wasserschäden die Wohngebäude- und Hausratversicherer in Deutschland. Tendenz: steigend.
Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Sanierung meist teurer wird als geplant – oder gehofft. So wie im Fall von Jürgen Kamieth: Der wird schreckensbleich, als ihm der Sanierer der Versicherung aufzählt, was auch Wochen nach der Spritzfontäne alles im Argen liegt. Noch immer ist die Dämmschicht im gesamten Keller durchfeuchtet. An den Wänden blüht weiterhin der Schimmel. Die Türen sind aufgequollen. Und das Wasser muss durch die Fugen auch unter den Boden gelaufen sein. Heißt: Der gesamte Kellerboden muss raus. Die neben dem Heizungskeller installierte Einbausauna muss abgebaut, quasi der gesamte Keller grundsaniert werden.

Ganz schlechte Verbindung

Das Limburger Einfamilienhaus am Ufer der Lahn ist jetzt ein Großschaden. Bei einem ersten Ortstermin war der Vertreter der Sparkassen Versicherung noch von einem Schaden von 2000 Euro ausgegangen. Anschließend hatte er den Sanierer eingeschaltet, der möge sich das Ganze auch noch mal anschauen. Dessen erste Kostenschätzung nach der Bestandsaufnahme: mindestens das Zehnfache.

Wie ein Reiseleiter nehme ich Kunden mit auf die Reise durch ihren Schaden

Ralf Schardt, Schadenregulierer der Sparkassen Versicherung

Bei Wasserschäden sind die Folgen und damit auch die Kosten für die Betroffenen nur schwer abschätzbar. Und auf die Frage, ob und wie sie das Malheur hätten verhindern können, gibt es keine eindeutige Antwort, zu vielfältig sind die Ursachen. „Häufig sind falsche Materialen verbaut worden, Eckventile falsch angebracht oder die Installationsanleitung von Geräten nicht richtig gelesen worden“, sagt Thorsten Pfullmann, der beim Institut für Schadenverhütung und Schadenforschung (IfS) im Auftrag der Versicherer jährlich rund 600 Schäden untersucht. Mangelhafte Rohrverbindungen, kaputte oder falsche Dichtungen sorgen IfS-Statistiken zufolge für jeden vierten Schaden. Auch Armaturen an Waschtischen, die häufig von Heimwerkern selbst eingebaut werden, können schnell zu einem überfluteten Bad führen. Ein echter Rohrbruch ist nur in 21 Prozent der Fälle die Ursache für feuchte Wände und nasse Fußböden.

Eine rostige Schraube sorgt für ein Desaster

„Es kommt zum Beispiel immer noch häufig vor, dass kleine, für den drucklosen Betrieb vorgesehene Heizboiler falsch an die Trinkwasserinstallation angeschlossen werden“, erzählt Pfullmann. Die Folge: Der Überdruck lässt den Boiler platzen – und das Bad oder die Küche steht in Minuten unter Wasser. Selbst von Installateuren werde dieser Fehler gemacht.

Bei Familie Kamieth sorgte eine verrostete Schraube in der Entkalkungsanlage für den nassen Keller. Die Ursache des Schadens ist längst mit einem Pfennigteil und ein paar gekonnten Handwerkergriffen aus der Welt geschafft, als Ralf Schardt sich im Keller umschaut. Schardt ist Schadenregulierer bei der Sparkassen Versicherung: „Ich nehme die Kunden mit auf die Reise durch ihren Schaden.“
Die erste Station für Schardt: Jürgen Kamieth klarzumachen, dass der Boden im Keller wirklich erneuert werden muss. „Bis zu meinem Besuch konnte er sich das nicht vorstellen“, sagt Schardt. Gemeinsam haben sie dann das weitere Vorgehen besprochen. Zwar stand der vom Versicherer beauftragte Sanierer schon in den Startlöchern, doch Kamieth wollte die Gelegenheit für einige kleinere Umbauten nutzen und zog es vor, den Schaden selbst beseitigen zu lassen. Um Schaden und Umbau nicht zu vermengen, verständigten sich Kamieth und Schardt nach kurzer Verhandlung auf eine Pauschalsumme für die Beseitigung der Schäden: 25.000 Euro für die Schäden am Gebäude, 6700 Euro für den zerstörten und verschimmelten Hausrat aus dem Keller. Unterschrift hier, Unterschrift da, und schon wurden per Kartenlesegerät 31.700 Euro direkt auf das Konto überwiesen. Jetzt konnte die Beseitigung des Schadens beginnen.
Bei seinem Kellerbesuch schaute sich Schardt auch die Entkalkungsanlage genau an: Handelt es sich eventuell um einen Produktionsfehler beim Gerät? Oder hat der Handwerker vielleicht schlampig gearbeitet? In vielen Fällen, die Schardt begutachtet, holt sich die Versicherung einen Teil der Schadensumme bei Herstellern oder Installateuren zurück – immer dann, wenn sie eine Mitschuld am Wasserschaden tragen. Regresse sind zwar nicht die Regel, aber auch keine Seltenheit.
Das bewahrt die Versicherer allerdings nicht vor steigenden Ausgaben, um Leitungswasserschäden abzufedern. Noch 1991 wurden meist weniger als 1000 Euro gezahlt, heute liegt die Summe pro Schaden durchschnittlich mehr als doppelt so hoch, bei 2065 Euro.

Wasserfarben: Den Ersatz für nicht mehr benutzbare Möbel zahlt die Versicherung – ein schwacher Trost. Foto: Henrik Sorensen/Iconica/Getty Images

Die Folge: Die Wohngebäudeversicherer geben mehr Geld aus, als sie einnehmen. Diese Versicherungen sind für die Branche seit Längerem ein Zuschussgeschäft. Im vergangenen Jahr kamen die Wohngebäudeversicherer zwar erstmals seit 2001 heraus aus den roten Zahlen, doch lag das nicht an den Wasserschäden, sondern an den – darüber ebenfalls versicherten – Sturmschäden, die 2016 gering ausfielen.
Die Prämien zu erhöhen, wagen die Anbieter selten, denn die Konkurrenz ist groß. Also bieten die Versicherer günstige Tarife für Wohngebäude an und spekulieren darauf, dass die Kunden auch andere, lukrativere Versicherungen bei ihnen abschließen.
So gut dieser Wettbewerb für die Kunden ist, so beängstigend ist er für die Versicherer. Sie wissen: Die Zahl der Leitungswasserschäden wird ansteigen. In Millionen deutschen Häusern stecken veraltete Rohrleitungen. „Eine Rohrinstallation im Haus hat unter idealen Voraussetzungen eine Lebenserwartung von etwa 50 Jahren“, sagt IFS-Experte Pfullmann. Dafür muss alles stimmen: Die eingesetzten Werkstoffe müssen auf die Wasserqualität abgestimmt sein, und die Installation muss immer genutzt werden. Denn steht das Wasser wochenlang in den Leitungen, weil zum Beispiel eine Wohnung für längere Zeit nicht vermietet ist, kann das den Rohren schaden. Je länger der Leerstand, desto schlechter für die Installation. „In vielen Häusern kann bei ungünstiger Betriebsweise die reale Lebenserwartung der Rohrleitungen deshalb sogar unter 20 Jahren liegen“, sagt Pfullmann.

Und diese Zeit ist in vielen Häusern längst abgelaufen. Jedes vierte Gebäude in Deutschland stammt aus den 1970er- und 1980er-Jahren – und genau da häufen sich allmählich die Schäden. Am häufigsten platzen die Rohre in Gebäuden im Alter von 40 bis 45 Jahren, zeigen die Schadenstatistiken der Versicherer. Auf 1000 Versicherte kommen 77 Schäden. Zum Vergleich: In den ersten 15 Jahren ist die Quote nur halb so hoch. Ist der Bau und damit das Rohrleitungssystem jünger als fünf Jahre, werden nur 15 Wasserschäden pro 1000 Verträge gemeldet.
Der Anreiz für Eigentümer mit kritisch alten Rohrleitungen, von sich aus aktiv zu werden, liegt bei null. Sie wissen: Die Sanierung der Rohre wird teuer – warum auf Verdacht viel Geld ausgeben? Ob die Leitungen noch zwei oder 20 Jahre halten, lässt sich von außen nicht beurteilen. Der Laie sieht: Alles dicht! Und das muss reichen.

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