Prima, Marvin, gut gemacht“, ruft Siegfried Häußler und klatscht aufmunternd in die Hände. Vor ihm auf dem Schulhof hat ein neunjähriger Junge gerade eine knifflige Aufgabe gemeistert: Er ist mit dem Fahrrad im Kreis gefahren, mit nur einer Hand am Lenker. Seit 14 Jahren leitet Häußler die Verkehrserziehung von Grund- und Vorschulkindern im niedersächsischen Buxtehude, und seine Erfahrungen sind alarmierend: „Immer weniger Kinder können Fahrrad fahren“, sagt der frühere Polizeibeamte. „Sie beherrschen elementare Verkehrsregeln nicht und zeigen beim Fahren gewaltige Unsicherheiten. Manche wissen nicht einmal, wo rechts und wo links ist.“
Rad fahren kann jedes Kind — das war einmal. Laut einer Studie der Deutschen Verkehrswacht (DVW) hat die Kompetenz von Kindern im Straßenverkehr in den vergangenen Jahren stark nachgelassen, bis zu 14 Prozent der Viertklässler weisen demnach deutliche motorische Schwächen auf, mehr als ein Drittel hat Schwierigkeiten, sich beim Geradeausfahren umzublicken, ein Viertel ist nicht in der Lage, effektiv zu bremsen.
Und das hat Folgen. Jeder unsichere Verkehrsteilnehmer erhöht schließlich das Unfallrisiko für sich und andere. Daher fördert der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft auch seit Jahren die Verkehrserziehung von Kindern durch die Deutsche Verkehrswacht finanziell — als Maßnahme zur Unfallprävention.
Die Unterstützung ist nötiger denn je. Zahlreiche Länder und Kommunen haben ihr Engagement aus Kostengründen in den vergangenen Jahren zurückgefahren. So ist der Verkehrsübungsplatz in Buxtehude, auf dem Siegfried Häußler Zweiradpioniere aus 50 Grundschulen und Kindergärten betreut, der einzige im gesamten Landkreis. Zudem wird es für die Verkehrswacht zunehmend schwieriger, genügend Ehrenamtliche für die verantwortungsvolle Aufgabe zu finden.
Die Hauptursache für die schwindende Verkehrskompetenz sehen Experten allerdings woanders. Der DVW­-Studie zufolge werden inzwischen genauso viele Kinder mit dem Auto zur Schule gebracht wie mit dem Fahrrad fahren. Auch im Umfeld der eigenen Wohnung fehlt etwa jedem sechsten Grundschüler die Möglichkeit zum Radfahren, besonders in Großstädten.

Auf die Eltern kommt es an

„Die Eltern üben viel weniger mit ihren Kindern als früher“, hat Häußler beobachtet. Hinzu kommen motorische Defizite. Laut DVW­Studie treiben etwa 32 Prozent der Kinder nur einmal pro Woche Sport außerhalb der Schule, mehr als 17 Prozent gar nicht.
„Wir müssen die Eltern wieder stärker für das Thema sensibilisieren“, fordert der Verkehrsexperte. Viele kutschierten ihre Kinder selbst auf Kurzstrecken mit dem Auto — und erhöhten damit langfristig die Unfallgefahr, statt sie, wie erhofft, zu senken. Doch die Aufklärung der Eltern ist oft alles andere als leicht. Die Infoveranstaltung „Kind und Verkehr “, die Häußer seit 2008 anbot, hat er kürzlich eingestellt. Mangels Nachfrage.