Für die Keimzelle einer Revolution ist Wildpoldsried ein ungewöhnlich friedlicher Ort. Einfamilienhäuser mit bunten Fensterläden säumen die Straßen, es gibt eine Kirche, eine Grundschule und Bauernhöfe, wie man sie aus Bilderbüchern kennt. Ein verschlafenes Idyll im Oberallgäu. Doch ausgerechnet hierher strömen Jahr für Jahr Dutzende Besucherdelegationen aus aller Welt: Japaner, Amerikaner, sogar eine Gruppe aus Äthiopien war schon da. Sie alle wollen die Revolution von Wildpoldsried studieren.
Denn die 2600-Seelen-Gemeinde am Alpenrand ist Deutschlands Zukunftslabor für die Energiewende. Hier lässt sich heute schon beobachten, wie der Strommarkt im ganzen Land in einigen Jahren aussehen könnte: dezentral, digital – und vor allem ohne die Großkraftwerke, die heute das Rückgrat der Energieversorgung bilden. Die Welt von Wildpoldsried ist eine, in der die alten Stromkonzerne keine Rolle mehr spielen.

Dass wir Strom von ausserhalb beziehen müssen, kommt überhaupt nicht mehr vor

Günter Mögele, Zweiter Bürgermeister von Wildpoldsried

Einer der Köpfe der Revolution ist Günter Mögele, 59 Jahre alt, kariertes Hemd, offenes Lächeln. Der Zweite Bürgermeister des Dorfs empfängt im „Kultiviert“, einem Veranstaltungszentrum samt Gästezimmern, das die Gemeinde als „Energiehotel“ vermarktet. Während Mögele am Kaffeetisch sein Laptop aufklappt, läuft unter ihm im Keller eine Holzpelletheizung und versorgt einen Teil des Dorfs mit Wärme.

Das Zehnfache der nötigen Energie – trotz Wolkenschleier

Auf Mögeles Bildschirm erscheinen Zahlen und Grafiken, die sich in raschem Takt ändern. „Hier sehen Sie in Echtzeit, wie viel Energie wir gerade erzeugen und aus welchen Quellen sie stammt“, erklärt er. In diesem Moment sind das: 20 Prozent Biogas, 70 Prozent Windkraft und immerhin zehn Prozent Solarenergie – und das obwohl ein Wolkenschleier über dem Allgäu hängt.
Die eindrucksvollste Zahl steht ganz unten: 10,5. Das heißt, Wildpoldsried erzeugt an diesem Januartag das 10,5-Fache der Energie, die das Dorf selbst verbraucht. Die Überschüsse werden an Nachbargemeinden abgegeben. „Dass wir Strom von außerhalb beziehen müssen, kommt überhaupt nicht mehr vor“, erklärt Mögele. Selbst dann nicht, wenn weder Wind noch Sonne Energie liefern.
Während der Ökostromanteil bundesweit 38,5 Prozent beträgt, liegt er in Wildpoldsried im Jahresschnitt bei 700 Prozent. Elf Windräder drehen sich über dem Wald am Ortsrand, auf 40 Prozent der geeigneten Dächer funkeln Solaranlagen, in vier Biogasanlagen vergärt die Gülle aus den Kuhställen, dazu gibt es etliche Hackschnitzelheizungen, sechs Erdwärmeanlagen und sogar zwei kleine Wasserkraftwerke. Das Dorf hat geschafft, woran der Rest des Landes noch arbeitet: Es hat die Energiewende vollzogen.

Selbstversorger: 40 Prozent aller Dächer tragen Solarzellen. Günter Mögele weiß stets, welche Quelle wie viel Strom liefert. Foto: Corinna Kern/NYT/Redux/laif

Dabei ist die reine Erzeugung von Ökostrom längst nicht mehr das Hauptproblem. Schon heute gibt es in Deutschland so viele Windräder, Solarparks, Biogasanlagen und Wasserkraftwerke, dass sie bei Idealbedingungen das ganze Land versorgen können. Der Knackpunkt sind die windstillen Tage, an denen sich zudem auch noch die Sonne hinter Wolken versteckt. Dann müssen die konventionellen Kohle- und Gaskraftwerke ran, um die Lücke zu schließen. Nur: Wie soll das gehen in einer Welt, in der jede Gemeinde ihr eigenes lokales Energienetz betreibt?
Im Allgäu glauben sie, auch dieses Problem gelöst zu haben. Das ist der zweite Teil der Revolution von Wildpoldsried. Wer sie aus der Nähe studieren will, muss in das kleine Gewerbegebiet hinter dem Wäldchen oberhalb des Dorfkerns fahren. Hier hat die Firma Sonnen ihren Sitz. Sie existiert erst acht Jahre, und doch hat das Massachusetts Institute of Technology (MIT) sie bereits 2016 zu einem der 50 innovativsten Unternehmen der Welt gekürt. Neben Bosch war Sonnen der einzige deutsche Vertreter auf der prestigeträchtigen Liste.

Weltmarktführer aus dem Allgäu

Die Firma produziert Batteriespeicher, in denen Privathaushalte den überschüssigen Strom ihrer Solaranlagen auffangen und bei Bedarf wieder abrufen können. Je nach Anlagentyp und geografischer Lage kommt ein Solarstromer damit auf einen Selbstversorgungsgrad von vielleicht 50 bis 60 Prozent. Mit einer zusätzlichen Batterie lässt sich der Wert auf bis zu 90 Prozent steigern. Der Rest muss aus dem Netz dazugekauft werden. Mit mehr als 20.000 verkauften Speichern ist Sonnen nach eigenen Angaben Weltmarktführer in diesem Segment – vor Großkonzernen wie Tesla oder LG Chem.
Noch interessanter ist das zweite Standbein von Sonnen. Rings um ihre Speicher hat die Firma ein Geschäftsmodell entwickelt, das den Managern der großen Stromkonzerne den „kalten Angstschweiß“ auf die Stirn treiben soll, wie Geschäftsführer Philipp Schröder tönt: Käufer einer Sonnen-Batterie können gegen eine monatliche Gebühr einer Community beitreten und untereinander Strom austauschen. Erzeugt ein Teilnehmer mehr, als er gerade braucht, beliefert er über das lokale Netz einen anderen, der zu wenig hat. Reicht die vorhandene Strommenge in der Community nicht aus, kauft Sonnen bei externen Erzeugern zu.

Sonnen-König: Philipp Schröder will mit Batteriespeichern die großen Energiekonzerne überflüssig machen. Foto: Christoph Neumann/Sonnen GmbH

Ihren alten Energieversorger brauchen die Teilnehmer dann nicht mehr. Es ist eines der klassischen Geschäftsmodelle der Digitalisierung: die Ausschaltung des Mittelsmanns.
Einen Turbo für sein Geschäft verspricht sich Schröder ab 2020. Dann endet für die ersten der gut 1,6 Millionen Solaranlagen in Deutschland die Frist, in der ihre Besitzer laut dem Erneuerbare-Energie-Gesetz (EEG) ihren Strom zu einem garantierten Abnahmepreis ins öffentliche Netz einspeisen können. Statt die üppige Subvention einzustreichen, müssen die Erzeuger dann Energie, die sie selbst nicht nutzen können, zum Niedrigpreis an der Börse verramschen − oder einen Speicher kaufen.

Absichern gegen einen möglichen Blackout

Wenn Schröder davon spricht, in wenigen Jahren „mehr Kunden als E.on“ zu haben oder die alte Energiebranche „plattzumachen“, klingt er großspurig wie Elon Musk, Chef des Elektroauto-Pioniers Tesla, mit dem Sonnen im Batteriespeichermarkt konkurriert. Tatsächlich dürfte sich Schröder einiges von Musk abgeschaut haben, immerhin war der 34-Jährige knapp zwei Jahre für das Tesla-Geschäft in Deutschland und Österreich verantwortlich. 2015 kehrte er zu Sonnen zurück.
Schröders Vision ist eine Energiewelt, in der sich Millionen Privatleute dank digitaler Technik dezentral versorgen. Dass an der Idee mehr dran sein könnte, als so manchem Energieriesen lieb ist, zeigt die Tatsache, dass die Großen der 400-Mann-Firma aus dem Allgäu nacheifern: Auch E.on und EWE bieten inzwischen eine Community für Solaranlagenbesitzer an.

Energierevolution bislang nur lokal

Und auch andere Konzerne schauen nach Wildpoldsried. Siemens erprobt hier Smart- und Microgrids: intelligent gesteuerte Stromnetze, die unabhängig vom übrigen Netz arbeiten. Der Übertragungsnetzbetreiber Tennet will zusammen mit Sonnen auf Basis der Blockchain-Technologie Speicherbatterien einsetzen, um die Stromleitungen zu stabilisieren. Denn im Netz müssen Angebot und Nachfrage immer deckungsgleich sein, sonst kommt es zum gefürchteten Blackout. Die Speicher sollen den Überschuss auffangen, falls kurzfristig mehr Strom erzeugt als verbraucht wird.
Bislang müssen in solchen Situationen große Stromquellen kurzfristig vom Netz genommen werden, was zu der paradoxen Situation führt, dass bei Sturm Windparks abgeschaltet werden müssen, weil sie zu viel Strom produzieren – ein Irrsinn.
Doch je kleinteiliger das Stromnetz wird, desto anfälliger ist es für Störungen. „Was ein Ausfall für Folgen haben kann, hat man 2006 gesehen“, sagt Oliver Hauner, Leiter des Bereichs Sach- und Technische Versicherung, Schadenverhütung und Statistik beim GDV. Als damals ein Kreuzfahrtriese der Papenburger Meyer-Werft über die Ems fuhr, mussten routinemäßig zwei Hochspannungsleitungen abgeschaltet werden. Dabei passierte ein Fehler, es kam zu einer Kettenreaktion, in Teilen Westeuropas und Marokkos ging das Licht aus. Das zeige, wie fragil die neue Energiewelt sei, sagt Hauner.
Zwar sind bei einer dezentralen Stromversorgung flächendeckende Ausfälle unwahrscheinlich, doch auch regionale Blackouts können teuer werden: Fließbänder bleiben stehen, Kühltruhen tauen ab, Notfallsysteme müssen einspringen. Bisher übernehmen die großen Versorger diese Risiken, künftig müssen kleine Erzeugergemeinschaften sie tragen. Gegen Lieferausfälle können sie sich jedoch nur bis zu einem gewissen Grad versichern. „Darüber hinaus müssen sie ein genauso professionelles Ausfallmanagement betreiben wie die alten Versorger“, so Hauner.
Für das überschaubare Wildpoldsried mag so etwas vorstellbar sein, bei einer Großstadt wie München sähe das womöglich schon anders aus. Vermutlich werden auch künftig Besucher aus aller Welt in kleine Dörfer reisen müssen, um die Energierevolution zu bestaunen. In den Metropolen bleibt sie einstweilen eine Zukunftsvision.