MIT ANDEREN AUGEN

Vertreter und ich

Kolumnist Harald Martenstein geht der Frage auf den Grund, woher eigentlich das schlechte Image der Versicherungen kommt.

Ein Meinungsforschungsinstitut hat 1.000 Deutsche danach befragt, welchen Beruf sie am unsympathischsten finden. Auf Platz eins, mit 45 Prozent Ablehnung: der Versiche­rungsvertreter, gefolgt von den Politikern (30 Prozent) und den Fernfahrern (29 Prozent). Auf dem zehnten Platz unter den Horrorberufen stehen die Journalisten.

Ich finde das seltsam. Selber habe ich nie eine negative Erfahrung mit einem Versicherungsvertreter gemacht, nun, Ähnliches gilt auch für mein völlig unbe­lastetes Verhältnis zu Fernfahrern, das kann natürlich Zufall sein. Unser Versicherungsmann ist ein freundlicher und unaufdringlicher Mensch. Kürzlich hat­ten wir im Haus einen Wasserschaden, der Versicherungsmann hat uns eine Reparaturfirma besorgt, das lief alles flott und prima. Klar, ein Versicherungs­vertreter will etwas verkaufen, und er versucht, bei seinen Kunden einen sym­pathischen, vertrauenswürdigen Ein­druck zu machen. Was ist schlecht daran? Ich mag es, wenn Leute freundlich, kompetent und höflich sind. Immer wenn ich im Restaurant eine halbe Stunde darum kämpfen muss, die Rechnung bezahlen zu dürfen, wünsche ich mir, dass der Kellner ein Versicherungsvertreter wäre. Auch an der Wursttheke im Supermarkt habe ich manchmal diese Sehnsucht.

Bei meiner Bank habe ich es nur noch mit Anrufbeantwortern zu tun. Wenn ich mit der Bank telefoniere, dauert es ewig, bis ich mal an einen echten Menschen gerate statt an eine Computerstimme. Die Versicherung arbeitet noch mit ech­ten Menschen, ich begrüße das. Die Leute in der Umfrage haben gesagt, Ver­sicherungsvertreter würden versuchen, anderen etwas aufzuschwatzen. Na ja, das tut jeder gute Verkäufer, oder etwa nicht? An der Wursttheke fragen sie: „Darf es etwas mehr sein?“ Im Restau­rant sagen sie: „Unser Chateaubriand können wir heute besonders empfeh­len.“ Ob ich ein Chateaubriand oder ein Kilo Leberwurst wirklich brauche, muss ich schon selber entscheiden. Ein guter Kellner und ein guter Verkäufer wollen eine stabile Beziehung zum Kunden aufbauen, deshalb werden sie nie zu aufdringlich sein.

Ich glaube, ich weiß, woher das schlechte Image der Versicherung kommt. Sie kann es eigentlich nie richtig machen. Erste Möglichkeit: Du bezahlst die Versicherung, und dann brauchst du sie nie. Eigentlich der Idealfall. Aber du denkst die ganze Zeit an das schöne Geld, das weg ist, es kommt dir vergeu­det vor. Aber das ist Quatsch. Du wür­dest nie denken, das Geld für den Airbag im Auto hätte ich mir sparen können, ich hatte doch seit Jahren keinen Unfall. Zweite Möglichkeit: der Schadensfall. Jetzt kann es passieren, dass die Versiche­rung nachfragt, nachprüft und versucht, die Kosten niedrig zu halten. Du bist empört. Aber wenn die Versicherungen alles blind bezahlen und dadurch teurer werden, wäre dir das auch nicht recht.

Zur Person

Harald Martenstein

Harald Martenstein ist Kolumnist der „Zeit“, Redakteur beim Berliner „Tagesspiegel“ und Autor zahlreicher Bücher. 2004 erhielt er den Egon- Erwin-Kisch-Preis. Demnächst erscheint im Verlag C. Bertelsmann „Die neuen Leiden des alten M.“.

Portrait Harald Martenstein