Versicherungsfelsen

Das Land hat nicht mehr Einwohner als eine durchschnittliche Kleinstadt, aber es beherbergt mehr Unternehmen als manche Großstadt: Gibraltar ist nicht nur politisch, sondern auch ökonomisch ein Sonderfall in Europa. Knapp 30.000 Menschen sind in der zu Großbritannien gehörenden Exklave gemeldet – und 15.000 Firmen sind hier registriert. Weil darunter sehr viele Versicherungen sind, wird die hügelige, in der Spitze 426 Meter hohe Halbinsel im Süden Spaniens auch „Versicherungsfelsen“ genannt. Gibraltars Branchenverband wirbt äußerst erfolgreich damit, dass die nötigen Lizenzen hier deutlich einfacher und schneller zu bekommen sind als im Vereinigten Königreich selbst.

Brexit

Die Einwohner Gibraltars wären gern in der EU geblieben. Beim Referendum sprachen sich 96 Prozent gegen den Brexit aus. Gleichwohl sind sie loyal zu Großbritannien: In gleich zwei Abstimmungen hatten sie sich zuvor gegen eine Angliederung an Spanien ausgesprochen. Nun macht sich in dem britischen Überseegebiet dieselbe Unruhe breit wie auf der Insel. Nach wie vor ist unklar, ob nach dem Austritt des Vereinigten Königreichs das sogenannte Passporting-System noch gilt, dass es britischen Versicherern ermöglicht, ohne zusätzliche Regulierung in allen EU-Staaten aktiv zu sein. Elisabeth Quinn, Chefin des Versicherungsverbands von Gibraltar, gibt sich dennoch entspannt. 

Auto

Besonders beliebt ist der Standort bei Kfz-Versicherern: Jeder fünfte britische Autofahrer schließt seine Police bei einem Anbieter aus Gibraltar ab. Weil die Kosten hier deutlich niedriger sind, können sie attraktive Konditionen bieten. So sind etwa die Kapitalanforderungen an Versicherer in Großbritannien traditionell höher als im übrigen Europa, Gibraltar inklusive. Im Vereinigten Königreich müssen Versicherer etwa doppelt so viel Kapital vorhalten. Ein weiterer Pluspunkt sind die Strukturen: Spezialisten des Versicherungsverbands erledigen auf Wunsch Aufgaben wie Buchhaltung oder die Überwachung der Compliance-Regeln mit, die Versicherer andernorts mit eigenen Leuten erbringen müssen. Und: Der Körperschaftsteuersatz der Exklave liegt nur bei 10 Prozent.    

Akademie

Dennoch muss Gibraltar um seinen Status als bevorzugter Standort der Versicherungsbranche kämpfen, denn die steuerlichen Vorteile gegenüber dem Mutterland schmelzen. So sinkt der britische Körperschaftsteuersatz ab April 2018 von 19 auf 18 Prozent, eine weitere Reduzierung auf 15 Prozent ist im Gespräch, um die erwarteten negativen Folgen des Brexits für den Standort Großbritannien zu kompensieren. Gibraltar versucht, den schwindenden Kostenvorteil mit Kompetenz auszugleichen. Statt Talente aus Großbritannien abzuwerben, wollen Quinn und ihr Verband eine eigene Versicherungsakademie aufbauen und dort die Fachkräfte selbst ausbilden. Interessierte können ihre Prüfungen künftig dann direkt beim Verband in Gibraltar ablegen.