Für Versicherer ist es eine Frischzellenkur, für Startups die Chance auf  Geldgeber: Zusammen werfen sie den Turbo für die digitale Versicherungswelt an.

Auf den Europaletten in der Ecke sollen rote Kissen ein bisschen Wohnlichkeit zwischen die Schreibtische zaubern. Club-Mate-Flaschen lagern in zwei Weinkühlschränken, doch wichtiger ist jetzt der Geruch von frischen Espressobohnen. Die jungen Gründer, die hier ab halb zehn an der Zukunft der Versicherungswirtschaft werkeln, brauchen erst einmal einen Kaffee.

Martin Pluschke und Ulrich Kleipaß sind hellwach. Sie suchen hier, in diesem Kreuzberger Bürokomplex, für die Ergo nach neuen Ansätzen und Ideen für Geschäftsmodelle – quasi das nächste große Ding, wie die klassische Versicherung im Zeitalter der Digital Natives ankommt. Hier sitzen Gründer dicht an dicht, und der Versicherungskonzern als „Corporate Partner“ mittendrin. Über den direkten Zugang zu den Startups, sagt Kleipaß, „kommen wir fast täglich mit neuen Ansätzen und Ideen in Kontakt und können diese auf Anknüpfungspunkte für unser Geschäft prüfen.“

Dabei treffen zwei Geschwindigkeiten aufeinander, erzählt Martin Pluschke: In der Zeit, in der ein Startup zum dritten Mal sein Geschäftsmodell ändere, stecke man im Konzern oft noch in der Konzeptphase. Das Startup-Tempo steht im Kontrast zu der auf Beständigkeit, Langfristigkeit und Sicherheit ausgelegten Versicherungswelt, mit ihren für Effizienz und Zuverlässigkeit zwingend notwendigen standardisierten Prozessen. „Auch wenn man die Arbeitsweise und das Umfeld eines Startups nicht mit dem eines etablierten Unternehmens wie der Ergo vergleichen darf, können wir in diesem Umfeld eine Menge lernen“, sagt Pluschke, der den Anzug längst eingetauscht hat gegen Jeans und Kapuzenpulli.

„Die große Herausforderung für uns ist es, die Startups mit ihrer agilen Arbeitsweise, aber noch geringem Geschäft so mit unseren großen Geschäftsfeldern zu verknüpfen, dass beide Seiten gewinnen“, sagt Bastian Biswurm, bei Ergo für die Aktivitäten in Berlin verantwortlich. Neun Startups bosseln derzeit in der Büroetage an ihren Ideen: von Dentolo, einem Portal für Zahnarztbehandlungen, über ReTravel, einem Portal für die Vermittlung nicht stornierbarer Reisen bis hin zu Karosso, einem Marktplatz für gebrauchte Kfz, welcher die Lücke zwischen reinen Onlineportalen und Händlern schließen will.

Im Brutkasten dabei: Die Ergo-Mitarbeiter Martin Pluschke und Ulrich Kleipaß arbeiten an vier Tagen die Woche gemeinsam mit Startups in Axel-Springers Accelerator in Berlin-Kreuzberg. Die Partnerschaft ist auf acht Monate befristet. Bei Erfolg wird verlängert.

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