Modern, robust, angemessen – das seien die Eigenschaften von Solvency II, wirbt die europäische Versicherungsaufsicht Eiopa. Das Regelwerk ist nach einem Jahrzehnt harter und zäher Verhandlungen Anfang 2016 in Kraft getreten. Endlich, möchte man hinzufügen. Tatsächlich klingt der Eiopa-Chef Gabriel Bernardino einigermaßen erleichtert, wenn er zum Start daran erinnert, welche Vorzüge sein Regime mit sich bringt: „Ohne den neuen risikoorientierten Ansatz würde die europäische Versicherungsaufsicht den internationalen Entwicklungen hinterherhinken.“
Solvency II sei ein Meilenstein, sagt Bernardino, für den Versicherungsmarkt ebenso wie für den Verbraucherschutz, „allerdings kein Anlass zur Selbstzufriedenheit“. Nun beginne für alle Beteiligten eine neue und womöglich noch längere Reise, hin zu einem konsistenten und konvergenten Regelwerk.

Jetzt beginnt der Praxistest

Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt, das ist Bernardinos Botschaft, dann erst folgt der zweite. Konkret heißt das: Gebt der neuen Ordnung erst einmal genügend Zeit, sich in der Praxis zu beweisen und zu bewähren. Dieses Signal ist angekommen und hat in der Versicherungsbranche einige aufgeregte Gemüter entspannt.
Die regulatorische Zeitenwende fordert schließlich alle Beteiligten heraus, und das auf ganz unterschiedliche Weise. Die Versicherer müssen sich mit neuen Antragsverfahren auseinandersetzen, neue Schlüsselfunktionen einführen und ihr Berichtswesen völlig neu gestalten. Im Grunde müssen alle Daten neu und anders aufbereitet werden, denn sie werden auch anders bewertet. Das zeigt sich besonders bei der Frage, wie viel Eigenkapital ein Unternehmen vorhalten muss.

„Solvency II ist ein Meilenstein, für den Versicherungsmarkt ebenso wie für den Verbraucherschutz. Was es allerdings nicht ist: ein Anlass zur Selbstzufriedenheit.“ Gabriel Bernardino, Eiopa-Vorsitzender

Bis 2015 orientierte sich der Gesetzgeber dabei weitgehend am Geschäftsvolumen der Unternehmen, heute müssen sie viel umfassendere und am Risiko orientierte Eigenmittelvorschriften einhalten. Geschäfts-, Markt- und Kreditrisiken, die bislang kaum beachtet wurden, werden plötzlich wichtig. Die steigenden Ansprüche treffen die gesamte Versicherungsbranche in einer Phase, in der niedrige Zinsen ohnehin das Geschäft erschweren.
Wer die Branche von außen beobachtet – als Investor oder Analyst, Kunde oder Journalist –, muss sich ebenfalls umgewöhnen. Womöglich erscheint im Licht von Solvency II ein Unternehmen als weniger solide, das bisher mit hervorragender Eigenkapitalausstattung glänzte, aber seine Risiken scheinbar nicht optimal im Griff hat. Es gibt einiges zu optimieren, denn die Aufsicht hat an gleich drei Regulierungssäulen derart viele Stellschrauben auf einmal angesetzt, dass es selbst Profis schwerfällt, das Regelwerk wenige Wochen nach dem Start bereits voll zu erfassen und zu bewerten.

Neuland betreten

Auch wenn die Zeit der Trockenübungen vorbei ist, erwartet niemand, dass vom Start weg alles perfekt funktioniert. „Wir müssen Solvency II die Chance geben, sich zu entfalten“, sagt Frank Grund, Exekutivdirektor der deutschen Versicherungsaufsicht bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin). „Es kommt nun darauf an, Theorie und Praxis zu verbinden.“
Für die Versicherungsunternehmen bedeutet das: Einige von ihnen werden vermutlich ein paar Anläufe brauchen, bis sie beispielsweise ihr Meldewesen so umgestrickt haben, dass die BaFin damit zufrieden ist. Immerhin betritt die BaFin bei der Technik der neuen quartalsweisen Meldeverfahren ebenso Neuland.

„Bei Solvency II kommt es nun darauf an, Theorie und Praxis zu verbinden.“ Frank Grund, Exekutivdirektor der BaFin

Zugleich gibt Solvency II den Versicherern Zeit, neue Regeln umzusetzen. Beim Aufbau der Eigenkapitalpuffer, mit denen sich die Unternehmen gegen Extremereignisse absichern, erlauben Anpassungsklauseln einen Übergang innerhalb der kommenden 16 Jahre.
Während einige Anbieter von Anfang an sämtliche Rückstellungen komplett nach den neuen Regeln bewerten, nutzen andere den Zeitpuffer bis zum Jahr 2032, um schrittweise weitere Eigenmittel aufzubauen. Dazu werden viele an der Kostenschraube drehen, andere Produkte anbieten und möglicherweise Geschäftsrisiken reduzieren, erwartet die Aufsicht.

Zeiten des Übergangs

Genau diese Flexibilität hatte sich Burkhard Balz erhofft. Balz, der als CDU-Politiker für die Europäische Volkspartei im Europaparlament sitzt, hatte sich dort in den vergangenen Jahren stets für Übergangsvorschriften starkgemacht – und zudem dafür gekämpft, dass die Regulierer kleineren Unternehmen im Sinne der Proportionalität manches erleichtern. Nach dem ruhigen Start des Regimes zum Jahreswechsel sieht Balz sich bestätigt: „Solvency II hat als Gesetzeswerk seinen Schrecken verloren.“

Es gibt einige Bausteine im Regelwerk, die wir nicht unbedingt benötigen. Wir haben sie aber vorerst beibehalten, um endlich zu starten.
Anja Karliczek, CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag

Etwaige Sorgen, dass schnelle Umsetzer den langsameren Konkurrenten davonziehen könnten, teilt Balz nicht. Wer die Übergangsregeln nutze, lege ja dabei offen, was er tue – und die Standards seien immer vergleichbar. „Die Versicherungsaufsicht hat alle Zahlen zur Verfügung, die sie benötigt“, sagt Balz. „Wer Übergangsregeln anwendet und seine Kunden vollumfänglich zufriedenstellt, ist mir genauso recht wie ein Unternehmen, das die Übergangsregeln nicht nutzen möchte und Gebrauch von anderen Langfristmaßnahmen macht.“

Geschmeidig bleiben

So erweist sich das neue Regime zum Start als einigermaßen geschmeidig. Deshalb sollten jetzt alle Ruhe bewahren, sagt der SPD-Bundestagsabgeordnete Manfred Zöllmer. „Die Umsetzung von Solvency II hat 16 Jahre gedauert und war eine schwere Geburt. Nun wird es ebenfalls Zeit brauchen für eine angemessene Evaluation der Umstellung“, sagt Zöllmer, als stellvertretender finanzpolitischer Sprecher seiner Fraktion für Versicherungsthemen zuständig. „Ich empfehle daher, den Verlauf in diesem Jahr abzuwarten, bevor man gleich wieder darüber nachdenkt, wie man das System weiterentwickelt.“ Für Bewertungen sei es allemal zu früh.

Frank Grund, Exekutivdirektor der BaFin (links); Burkhard Balz, Europäische Volkspartei im Europaparlament (Mitte links); Anja Karliczek, CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag (Mitte rechts); Gabriel Bernardino, Eiopa-Vorsitzender (rechts)

Auch seine CDU-Kollegin Anja Karliczek, die ebenfalls im Finanzausschuss des Bundestages sitzt, mahnt zur Geduld. „Ich sehe als Deadline für die erste Evaluierung den Januar 2018“, sagt Karliczek. Dann allerdings gehöre Solvency II auf den Prüfstand gestellt. Es gebe „einige Bausteine im Regelwerk, die wir nicht unbedingt benötigen, die wir aber vorerst beibehalten haben, um endlich zu starten“. Aber nach zwei Jahren werde es genug Feedback aus der Praxis – auch von den kleineren Unternehmen – geben, um Solvency II nachzujustieren.
Dagegen spricht nichts, denn Solvency II ist konzipiert worden als ein lebendiges Regelwerk, offen für Verbesserungen und Veränderungen. Denn die kommen sowieso, etwa in Form neuer Regeln aufgrund der Entwicklung internationaler Kapitalstandards.
Umso besser, wenn genügend Zeit bleibt, sich umzustellen.