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Martin Denzel

arbeitet als Gruppenleiter im Max-Planck-Institut für die Biologie des Alterns in Köln

Martin Denzel

Die menschliche Lebenserwartung ist in den vergangenen 170 Jahren rapide gestiegen. Sie wuchs im Schnitt um drei Monate pro Jahr! Diese medizinische, gesellschaftliche und technologische Errungenschaft prägt unseren Lebensstil und unsere individuelle Lebensplanung. Eine erhöhte Lebenserwartung geht nicht nur mit einer verlängerten Phase des Alt-Seins einher. Vielmehr verlängern sich alle Lebensphasen, man könnte von einer Entkopplung von biologischem und tatsächlichem Alter sprechen. Die Altersforschung beobachtet beträchtliche Unterschiede im Alterungsprozess: Manche Menschen sind mit 60 alt und anfällig für Krankheiten, zugleich gibt es immer mehr Menschen, die gesund über 100 Jahre alt werden. Außerdem zeigt die Forschung, dass Veränderungen in einzelnen Genen die Lebenserwartung von Tieren erheblich verlängern können. Dies spricht für ein neues Verständnis des Alterns: Es ist kein ungerichteter Funktionsverlust, sondern ein Prozess, der koordiniert verläuft und eventuell zukünftig aktiv gebremst werden kann. Es ist zu erwarten, dass die durchschnittliche menschliche Lebenserwartung weiter steigen wird. Dies stellt unsere Gesellschaft vor große Herausforderungen, mit denen wir flexibel umgehen müssen.
Mit steigender Lebenserwartung wächst auch die Phase des Lebens, in der Menschen arbeiten können und wollen. Dies sollte von der Politik erkannt und umgesetzt werden. Natürlich sollte dies individuelle Situationen berücksichtigen: Beschäftigte in körperlich sehr anstrengenden Berufen können natürlich nicht bis ins hohe Alter arbeiten. Andere Berufe dagegen können länger ausgeübt werden. Eine ganz einfache Lösung: Es sollte dem Menschen selbst überlassen werden, wie lange er arbeiten will und kann.

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