Herr Dr. Dombret, ist die europäische Schuldenkrise endlich überwunden?Ihr „endlich“ kann ich gut verstehen. Viele fragen sich zurzeit, ob das Glas halb voll oder halb leer ist. Aus meiner Sicht spricht eine Menge dafür, dass das Glas eher halb voll ist. Auf europäischer und nationaler Ebene wurden bereits einige strukturelle Reformen umgesetzt. Das Vertrauen der Investoren in die besonders betroffenen Länder scheint peu à peu zurückzukehren. Jedoch darf man nicht die Augen vor weiter bestehenden Problemen verschließen: insbesondere nicht vor den immer noch viel zu hohen öffentlichen und privaten Schuldenständen. Genau darum darf bei den Reformanstrengungen nicht nachgelassen werden.

Sehen Sie noch eine positive Wirkung der Niedrigzinspolitik auf die Finanzstabilität in Deutschland oder nehmen die Risiken zu?Keine Frage: Die großzügige Liquiditätsbereitstellung durch die Zentralbanken und die niedrigen Zinsen haben wesentlich dazu beigetragen, die Märkte zu beruhigen. Angesichts der niedrigen Inflation und des gedämpften Wirtschaftswachstums ist die expansive Geldpolitik auch gerechtfertigt. Allerdings nehmen mit zunehmender Dauer niedriger Zinsen Risiken und Nebenwirkungen für die Finanzstabilität zu. Wichtig ist, dass die Finanzmarktteilnehmer die außergewöhnliche Situation nicht als Normalzustand missdeuten und infolgedessen Risiken unterschätzen.

Zur Person

Andreas Dombret

Der 54-Jährige ist als Bundesbank-Vorstand zuständig für Banken und Finanzaufsicht zuständig.

Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret

Was bedeutet das Niedrigzinsumfeld für Lebensversicherungen?Ein lang anhaltendes Niedrigzinsumfeld birgt durchaus ein Gefährdungspotenzial für die Solvabilität von Lebensversicherern. So können die Kapitalerträge bei ungünstiger Marktentwicklung nicht mehr ausreichen, um zugesagte Garantien zu erbringen. Anschaulich wird das, wenn man sich die Umlaufrendite von Bundesanleihen als Indikator für die Verzinsung sicherer Neuanlagen ansieht. Diese lag 2012 erstmals unter 1,75 Prozent, also unter dem Höchstrechnungszinssatz …

… dem Zinssatz, den Versicherungen für ihre Deckungsrückstellungen maximal zugrunde legen dürfen …… der ja maßgeblich für das Neugeschäft ist. Der vergangenes Jahr gegründete Ausschuss für Finanzstabilität hat sich Ende März in einer Presseerklärung auch zu diesem Thema geäußert und festgestellt, dass die möglichen Belastungen des aktuellen Niedrigzinsumfelds noch tragbar erscheinen, in einer Risikobetrachtung einer länger anhaltenden Niedrigzinsphase jedoch materielle Auswirkungen haben könnten.

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