Herr Weiler, der Titel dieses Hefts lautet „Jetzt Karriere in der Versicherung machen“. Sie haben Ihre gesamte Laufbahn in der Assekuranz verbracht – die richtige Entscheidung?Na klar – wäre ja auch schrecklich, wenn ich das jetzt anders beurteilen müsste. Das Faszinierende an unserem Geschäft ist, dass es für nahezu jeden Bereich der Gesellschaft einen Beitrag leistet, bei Privat- und Firmenkunden. Mich begeistert das – und ohne Begeisterung können Sie keine Karriere machen.

Bei Ihrem Weg liegt diese Antwort ja nahe. Wie sieht es mit Ihrem Sohn aus? Haben Sie ihm empfohlen, Karriere in der Branche zu machen?Das hätte ich, wenn er mich gefragt hätte. Er wusste aber selbst, was er wollte, und hat sich für einen anderen Weg entschieden. Am Ende muss das jeder nach seiner Leidenschaft klären. Was ich sagen kann: Die Versicherungsbranche wandelt sich. Dabei geht es nicht nur darum, Prozesse zu optimieren, sondern auch neue Geschäftsfelder zu erschließen und eine neue Branchenkultur zu gestalten. Versichern basiert von jeher auf der Auswertung von Daten. Die Branche ist prädestiniert dafür, von der digitalen Revolution zu profitieren. Jungen Talenten kann ich nur zurufen: Seid dabei – gerade jetzt!

Der Kampf um Talente nimmt zu – auch für Versicherer. Wir dürfen uns nicht in Sicherheit wiegen

Werden durch die Digitalisierung denn überhaupt Jobs geschaffen?Ich habe in meinem Berufsleben viele Abläufe neu aufgesetzt – und oft hat das bedeutet, dass wir dafür erst einmal weniger Mitarbeiter gebraucht haben. Wir wollten effizienter werden. Mittel- bis langfristig hat das aber meist zu mehr Beschäftigung geführt: Es sind preisgünstigere Produkte und neue Chancen entstanden. Die Antwort wird vor allem von uns selbst abhängen – wie schnell wird sich unsere Branche anpassen, wie schnell wird sie neue Geschäftsfelder erschließen? Dabei sind wir gefordert, in Fortbildung zu investieren und den digitalen Strukturwandel zu leben – das heißt auch, schnell und entschlossen vorzugehen.

Sehen Sie das nicht etwas rosarot?Warum? Insgesamt sind wir auf einem stabilen Wachstumspfad und werden die Beitragseinnahmen im Jahr 2017 über alle Sparten voraussichtlich um 1,2 Prozent steigern.

Und die Beschäftigten?Natürlich muss nicht jeder Schadenfall zukünftig noch durch einen Sachbearbeiter persönlich betreut, nicht jede Police im persönlichen Kontakt abgeschlossen werden. Ja, unsere Branche konsolidiert sich – trotz steigender Beiträge. Wir werden effizienter. Zu Beginn dieses Jahres beschäftigten deutsche Versicherer 207.200 Mitarbeiter – das sind 1,5 Prozent weniger als Anfang 2016. Rechnen wir Makler und selbstständige Vermittler dazu, kam die Branche zuletzt auf insgesamt 524.000 Erwerbstätige. 2010 waren es noch 562.000. Unsere Kundinnen und Kunden erwarten, dass ihr Versicherer die Digitalisierung nutzt, um neue Produkte und besseren Service zu bieten. Das gilt auch für den Preis. Ich komme von einem Kfz-Versicherer und weiß, wovon ich da spreche. Wir müssen aber auch das Geschäft mit der Altersvorsorge wettbewerbsfähiger machen und an die Niedrigzinsphase anpassen. Dazu gehört es, Verwaltungs- und Abschlusskosten weiter zu senken.

Der neue GDV-Präsident Wolfgang Weiler: „Fast jeder kennt Riester, das ist ein Wert an sich“. Foto: Dominik Butzmann

Geben nicht gerade die jungen Talente Start-ups den Vorzug? Kurze Entscheidungswege, viele Freiheiten …Wieso soll ein junger Mensch nicht mal experimentieren? Ich muss ja als 25-Jähriger nicht schon meine Pensionierung im Auge haben. Umgekehrt kann ein Mitarbeiter sicher auch mal zu einem Start-up wechseln und dort seine Branchenerfahrung einbringen. Fakt ist: Der Kampf um Talente nimmt zu – auch für Versicherer. Wir dürfen uns nicht in Sicherheit wiegen.

Spricht da ein Versicherer, der sich unsicher fühlt?Nennen Sie es alarmiert. Wir e leben eine neue Dynamik auf unseren Märkten. Es kommen gerade viele Dinge gleichzeitig auf uns zu: Digitalisierung, Demografie, Klimawandel, Niedrigzins, Verbraucherschutz. Und die Schnelligkeit im Veränderungsprozess ist nicht gerade eine traditionelle Stärke von Versicherern.

Was ist denn die Stärke der Versicherer?Wir stehen für langfristige Sicherheit. Wir können nicht arbeiten wie eine Softwarefirma, die laufend Updates nachschiebt und das Produkt beim Kunden testen lässt. Etwas schnell anfangen und umgehend bei Misserfolg einzustampfen ist sicher nicht die herkömmliche Herangehensweise unserer Branche. Wir sind deutlich intensivere Reife- und Entwicklungsprozesse gewohnt. Das neue Marktumfeld verlangt aber zunehmend mehr Tempo – hier müssen wir risikobereiter und schneller werden, ohne die Nachhaltigkeit unseres Geschäfts zu gefährden.

Wird der GDV InsurTechs als Mitgliedsunternehmen aufnehmen?Das ist bereits geschehen. Start-ups, die gerade erst eine Versicherungslizenz erhalten haben, sind Mitglied unseres Verbandes geworden – etwa ein Kranken- und ein Kfz-Versicherer. Weitere Insurtechs interessieren sich für eine Mitgliedschaft.

Haben etablierte Versicherer nicht per se andere Interessen als InsurTechs?Nein – auch nicht im Hinblick auf die politischen Rahmenbedingungen oder die Regulierung. Im Gegenteil. Sie glauben gar nicht, wie schwer es im Versicherungsgeschäft ist, auf Papierform und persönliche Unterschrift zu verzichten. Das betrifft etablierte Versicherer genauso wie Newcomer. Ganz zu schweigen davon, dass etliche Versicherer bereits Innovation Labs betreiben, Venture-Capital-Fonds auflegen oder Start-ups gründen.

Sie haben den führenden Kfz-Versicherer Deutschlands groß gemacht. Steht mit dem automatisierten Fahren das Geschäftsmodell der Kfz-Versicherung auf der Kippe?Unfallopfer können sich darauf verlassen, vom Kfz-Versicherer entschädigt zu werden – ganz egal, ob ein Mensch oder ein Computer am Steuer saß. Schäden entstehen ja weiterhin, wenn auch wohl weniger häufig. Versicherer werden also auch für die Autos der Zukunft Haftpflicht- und Kasko-Tarife anbieten. Damit leisten wir einen Beitrag zur gesellschaftlichen Akzeptanz des automatisierten Fahrens. Wir können es Unfallopfern nicht zumuten, den Produktfehler eines automatisierten Autos gegenüber dem Hersteller nachweisen zu müssen.

Unsere Kunden erwarten neue Produkte und besseren Service

Die Branche propagiert Cyberversicherungen als ein Geschäft der Zukunft …Wir erwarten in diesem Segment exponentielles Wachstum – und so werden hier sicher auch neue Jobs geschaffen. Viele Verbraucher und Entscheider unterschätzen noch immer die Gefahr von Cyberattacken und müssen stärker für Gefahren aus dem Netz sensibilisiert werden. Kein Unternehmen wird es sich in Zukunft leisten können, dieses Risiko zu ignorieren. Ein Mindeststandard an IT-Sicherheit ist dabei Voraussetzung für Versicherungsschutz. Auch in diesen Fragen helfen und unterstützen wir unsere Kunden. Eine gute IT-Sicherheitsstrategie und Cyber-Policen bieten zusammen Schutz. Hier gilt im Besonderen, was für unsere Branche grundsätzlich gilt: Allein mit der Strategie „Hier Schaden, da Geld“ kommen wir nicht weiter; zusätzlicher Service und Beratung sind gefragt.

Diesen Sommer folgte scheinbar ein Unwetter auf das nächste. Sind Versicherungen gegen Naturgefahren ein Wachstumsmarkt – oder werden die Risiken unkalkulierbar?Schreitet die Erderwärmung ungebremst voran, wird die Kalkulation nicht einfacher, aber von Unkalkulierbarkeit würde ich nicht sprechen. Wir sehen: Es gibt offenbar einen Trend zu mehr schadenreichen Wetterphänomenen, schon weil die Bevölkerung global wächst und die versicherten Werte im Zuge des steigenden Wohlstandes größer werden. Die Betroffenheit nimmt zu, der Bedarf an Absicherung auch. Hierzu gehören handfeste Schadenprävention und der Risikotransfer durch Versicherungsschutz. Und dieser Bedarf nimmt zu.

Konkreter bitte!Rund 40 Prozent der Hausbesitzer in Deutschland haben sich gegen Schäden durch Überschwemmungen, Starkregen und weitere Naturgefahren versichert. Das sind rund drei Prozentpunkte mehr als vor einem Jahr und mehr als doppelt so viele versicherte Häuser wie vor 15 Jahren. Das sind einerseits gute Nachrichten, andererseits sind das immer noch viel zu wenig Menschen, die sich schützen. Zumal heute für nahezu alle Besitzer von Gebäuden der Vollkaskoschutz fürs Haus erhältlich ist.

Es geht uns nicht um Bits und Bytes, sondern um Partnerschaft

Kommen wir auf Ihren Sohn zurück – ist die Lebensversicherung noch ein guter Rat des Vaters zu seiner Absicherung?Das Geld für eine Rentenversicherung hätte er gerade gar nicht, das müsste ich dann wohl bezahlen. Aus meiner Sicht steht bei ihm jetzt eine Absicherung gegen Berufsunfähigkeit an. Als Berufsanfänger nach dem Studium ist das das Erste, was man braucht. Die Altersvorsorge ist dann Schritt zwei – eine Rente schaffen, als Basis für eine stetig steigende Lebenserwartung. Und eine lebenslange Rente kriegen Sie außer beim Staat nur bei einem Versicherer.

Viele Lebensversicherer bieten kein Neugeschäft mit klassischen Policen mit festen Garantien mehr an. Einzelne erwägen gar den Verkauf der Bestände an Investoren …Wir erleben hier eine Folge der anhaltenden Niedrigzinspolitik, auf die Unternehmen reagieren müssen – auch mit neuen Produkten. Wir erleben auch, wie kritisch in der Öffentlichkeit die Übertragung von Beständen gesehen wird. Vertrauen ist aber zentral für die Lebensversicherung. Unsere Branche ist aufgefordert, hier intensiv zu kommunizieren und die Sachverhalte zu erläutern – etwa klarzustellen, dass durch die Übertragung von Beständen sich an den Rechten der Kunden nichts ändert. Darüber wacht schon die Finanzaufsicht.

In der Politik gibt es Fans eines staatlichen Standard-Vorsorgeprodukts. Was ist Ihr Argument für private Altersvorsorge?Dass wir es besser machen. Der Staat sollte sich nicht als Assetmanager für private Haushalte versuchen. Gegenfrage: Warum vereinfachen wir nicht die Fördersystematik, statt wieder über neue, ordnungspolitisch fragwürdige Modelle nachzudenken? Ich denke an die Entbürokratisierung der Zulagenverwaltung bei der Riester-Rente. Riester ist ein Standardprodukt – bei rund 16,5 Millionen Riester-Verträgen. Ist es nicht einfacher, ein eingeführtes Produkt weiterzuentwickeln, als völlig neu zu starten? Fast jeder kennt Riester, das ist ein Wert an sich.

Gegenfrage auf die Gegenfrage: Wozu brauchen Kunden noch einen Vertrieb, der durch Provisionen finanziert wird?Bei Produkten, die beratungsintensiv sind, die man selten abschließt, die langfristig wirken oder als existenziell empfunden werden, ist persönlicher Kontakt gefragt. Das wird auch so bleiben. Nur wenige Menschen beschäftigen sich gern mit Versicherungen. Viele andere brauchen dafür einen Impuls. Das Provisionssystem sorgt für diesen Impuls und ermöglicht gute, flächendeckende Beratung für jedermann.

Die meisten Kunden vertrauen beim Abschluss eines Vertrags auf den Rat eines Vermittlers

Der Vertrieb via Web spielt also eigentlich keine Rolle?Natürlich spielt er eine Rolle – beim einen mehr, beim anderen weniger. Wichtig ist das Zusammenspiel. Mancher weiß beim x-ten Wechsel seiner Kfz-Versicherung einfach, was er will, und möchte nur beim Thema Rente oder Pflege persönliche Beratung. Ein anderer fragt auch bei der Kfz-Versicherung nach einer Empfehlung. Das Internet ersetzt die Kommunikation zwischen Menschen nicht, sondern verändert sie, macht sie schneller und einfacher.

Wenn wir über Karriere in der Branche sprechen – ist Versicherungsvermittler ein Job mit Zukunft?Unbedingt, aber auch hier gilt: Der Beruf ändert sich. Die Digitalisierung und die Regulierung fordern Vermittlerinnen und Vermittler. Sie müssen investieren, in Technik und in Weiterbildung und natürlich müssen sie verstärkt mit Online- und Vergleichsportalen konkurrieren. Es ist für die Unternehmen nicht einfach, neue Vermittler zu gewinnen. Und für die neuen Vermittler ist es nicht einfach, sich ein langfristig solides Geschäft aufzubauen. Dabei ist die Ausgangslage gut: Die weitaus meisten Kunden vertrauen beim Abschluss auf den Rat eines Vermittlers. Versicherungen sind eben kein kaltes Geschäft, das sich mit Bits und Bytes abhandeln lässt. Bei uns geht es um Partnerschaft. Und das wird auch so bleiben.

Wolfgang Weiler ist seit Ende September Präsident des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Der promovierte Betriebswirt ist schon seit vielen Jahren im Präsidium des GDV und in den Gremien und Institutionen der Branche engagiert. Ende Juli schied er nach fast 30-jähriger Tätigkeit für die HUK-Coburg aus dem Vorstand aus und trat in den Ruhestand.