Von wegen milder Sommerregen. Sobald der Himmel seine Schleusen öffnet, schüttet es richtig. Wie aus Kübeln. Meteorologen drücken sich weniger bildlich aus, sie reden von Starkregen-Ereignissen. Und stellen fest: Der Eindruck täuscht keineswegs. Solche „Ereignisse“, bei denen mindestens 15 Liter Regen pro Quadratmeter und Stunde auf den Boden prasseln, häufen sich laut Deutschem Wetterdienst (DWD). Und weil kaum jemand auf solche Fluten vorbereitet ist, kann Starkregen immense Schäden anrichten. Und Menschen in den Tod reißen.
Sechs Menschen kamen im Juni im niederbayerischen Simbach am Inn ums Leben. Nach tagelangen Regenfällen brach ein Damm, die Wassermassen wälzten sich wie eine Flut durch das Städtchen und rissen Autos, Straßenlaternen und Passanten mit, fluteten Keller und spülten ganze Straßenzüge weg. Mehr als 500 Häuser werden wohl abgerissen werden müssen: nicht mehr zu retten. Der Gesamtschaden allein in Simbach wird auf mehr als 1 Milliarde Euro geschätzt.

Wenige Tage vor Simbach wurde das schwäbische Braunsbach heimgesucht. Dort hatten Regenfälle drei Bäche im Kochertal zu reißenden Flüssen anschwellen lassen. Eine Gerölllawine schob sich durch die Straßen und hinterließ eine Schneise der Verwüstung. Die Gesamtschäden werden auf mehr als 100 Millionen Euro geschätzt.
Braunsbach ist, zumindest potenziell, überall. Es könne jedes Dorf und jede Stadt in Deutschland treffen, jederzeit und immer wieder, sagt Andreas Becker, Leiter des Referats Niederschlagsüberwachung beim Deutschen Wetterdienst. „Solch ein Ereignis kann einmal alle 100 Jahre auftreten – was nicht heißt, dass es im nächsten Monat genau am selben Ort auf keinen Fall schon wieder so stark regnet kann.“

Düstere Prognosen

Die Wahrscheinlichkeit solcher Katastrophen steigt. Die Zahl verheerender Stürme, Regenfälle und anderer wetterbedingter Naturgefahren hat sich in Deutschland seit den 1970er-Jahren mehr als verdreifacht, belegen Daten des Rückversicherers Munich Re. Eine Studie des GDV und des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) prognostiziert, dass Sturmschäden um 50 Prozent bis 2100 zunehmen, während sich die Überschwemmungsschäden verdoppeln, möglicherweise sogar verdreifachen könnten. Diese Naturgefahren stehen auch im Mittelpunkt einer Konferenz, zu der der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) am 14. September nach Berlin eingeladen hat.

Der stärkste je gemessene Regen ging 2002 im Erzgebirge nieder, das Wasser floss auch durch Glashütte

In dem Trend zu mehr Stürmen und Überschwemmungen sieht Mojib Latif, Klimaforscher am Helmholtz-Zentrum Geomar, eine Folge des Klimawandels. Für Starkregen reiche zwar die Datenlage nicht aus, um den Einfluss des Menschen festzulegen. „Das heißt jedoch nicht, dass es diesen Einfluss nicht gibt“, schreibt Latif in seiner Kolumne für „Positionen“. Wärmere Luft kann mehr Wasserdampf aufnehmen, etwa sieben Prozent pro Grad Temperaturanstieg. Und da die Lufttemperatur durch den Klimawandel steigt, erhöhe sich die Wahrscheinlichkeit für mehr und heftigere Niederschläge in unseren Breiten.
Die Menschen in Glehn wissen, wovon Latif spricht. Ende Juli fielen in dem Nordeifel-Dorf in nur zwei Stunden 83 Liter Wasser. „Dann steht auf jedem Quadratmeter das Wasser acht Zentimeter hoch und will ins Tal. Kein Erdboden kann solche Wassermassen komplett aufnehmen“, erklärt der Meteorologe Michael Köckritz. Waldboden nimmt allein in seinen oberen zehn Zentimetern rund 30 bis 40 Liter Wasser auf, kurzfristig sogar 50 Liter. In Industrie- oder Wohngebieten sind die
Böden weniger saugfähig. Das betrifft vor allem Städte, wo Gebäude und Asphalt den Boden versiegeln. Köckritz fragt: „Wo soll das Wasser dann hin?“
Keineswegs eine rhetorische Frage. Stadtplaner nehmen das Thema ernst. Fabian Dosch vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung hat sich Projekte in Großstädten wie Berlin, München und Potsdam und in Gemeinden wie Nordwalde im Münsterland angesehen.

Allen gemein ist die Erkenntnis, dass die Kanalisation nie ausgelegt ist für solche Wassermassen. Dosch hat von seiner Deutschlandreise zwei Anregungen mitgebracht.
Erstens: mehr Flächen, wo Wasser versickern kann. Weil das, zweitens, in größeren Städten nicht ausreicht, empfiehlt er, das Wasser gezielt dorthin zu leiten und zu sammeln, wo es keine Schäden anrichtet. In Hamburg etwa werden Straßen im Bedarfsfall zu Kanälen, die Fluten dahin leiten, wo sie hinsollen – etwa in einen Park, in dem Wassermassen „zwischengespeichert“ werden.

Das verwundbare Haus

Das Mitdenken der Stadtplaner entlässt allerdings keinen aus der Pflicht, selbst vorzusorgen. „Der Einzelne ist ein unverzichtbarer Teil des Systems“, sagt Oliver Hauner, beim GDV zuständig für Sach- und Technische Versicherung und damit für Schadenverhütung. „Alle müssen mitarbeiten.“ Das heißt: Prävention. „Oft geht es um ganz simple Sachen – man muss sie nur machen.“
Verwundbare Gebäudeteile gilt es zu schützen. Vom „Widerstehen“ sprechen Experten, und das beginnt damit, Wasser bestmöglich vom Haus fernzuhalten. Ein leichtes Gefälle hilft, Flutmulden sind effektiver. Kommt das Wasser, helfen schon kleine – fest installierte – Barrieren, etwa eine Schwelle an der Garageneinfahrt.

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