Absurd. Silke Stüwe mochte es kaum glauben, als sie das Schreiben in den Händen hielt. Der Baustoffgroßhändler Mega, für den sie als Forderungsmanagerin arbeitet, sollte 92.000 Euro an den Insolvenzverwalter eines Kunden überweisen, den er fast zehn Jahre zuvor mit Lacken und Farben beliefert hatte. Damals war Winter, der Handwerker hatte einen finanziellen Engpass, also hatte Mega ihm aus Kulanz Ratenzahlung gewährt. Das frühere Entgegenkommen sollte dem Händler nun zum Verhängnis werden: Der Insolvenzverwalter wertete es als Indiz, dass Mega schon damals von einer drohenden Zahlungsunfähigkeit gewusst habe – und forderte das Geld im Wege einer Insolvenzanfechtung zurück. Die ist in Paragraf 133 der Insolvenzordnung vorgesehen. „Viele Mittelständler empfinden das als Teilenteignung“, sagt Managerin Stüwe. „Sie müssen Geld herausgeben, für das sie ihre Gegenleistung ordnungsgemäß und mangelfrei erbracht hatten.“

Das fühlt sich fast an wie eine Enteignung: Geld herausgeben, obwohl wir die Leistung erbracht haben.
Silke Stüwe, Forderungsmanagerin bei Mega

In diesem Fall konnte Mega die Zahlung abwenden: Die Forderung verjährte im Laufe der Verhandlungen. Grundsätzlich aber ist die Insolvenzanfechtung für Unternehmen ein großes Risiko, und das nicht nur in der Baubranche. Sie sind ständig der Gefahr ausgesetzt, Geld zurückzahlen zu müssen, das längst verbucht und oft auch schon ausgegeben ist – und zwar bis zu zehn Jahre rückwirkend. So lange währt die Frist, innerhalb derer ein Insolvenzverwalter eine Zahlung anfechten kann. „Dieses Risiko ist kaum kalkulierbar“, sagt Werner Münch, Head of Business Regulations Germany bei der Atradius-Kreditversicherung.
Die Versicherer haben deshalb Policen entwickelt, die vor dem Risiko schützen. Seit 2014 sind Anbieter wie EulerHermes und Atradius mit Policen auf dem Markt, die in der Regel zusätzlich zu einer Warenkreditversicherung, zum Teil aber auch als eigenständige Versicherung abgeschlossen werden können. „Die Nachfrage ist sehr groß“, sagt Münch. Was an den wachsenden Begehrlichkeiten der Insolvenzverwalter liegt.

Und dann wird es teuer

Allein bei der eingetragenen Genossenschaft Mega, einem Mittelständler mit bundesweit rund 1400 Mitarbeitern, gehen jedes Jahr rund 20 Insolvenzanfechtungen ein. Der Verband der Insolvenzverwalter Deutschlands (VID) hat kürzlich 3068 Insolvenzverfahren ausgewertet, die 2012 und 2013 abgeschlossen wurden. In zwölf Prozent der Verfahren, so das Ergebnis, wurde eine Insolvenzanfechtung erfolgreich durchgesetzt. Das ist jeder achte Fall. Durchschnittlich verlangten die Verwalter von einem Unternehmen 38.760 Euro zurück. Mittlerweile ist die Anzahl der Anfechtungen weiter angestiegen, nicht zuletzt wegen einer verschärften Rechtsprechung: Der Bundesgerichtshof hat im sogenannten Nikolaus-Urteil vom 6. Dezember 2012 die Anwendung erheblich ausgeweitet. Er hat eine Ratenzahlung oder die Stundung einer Forderung bereits als Hinweis auf eine drohende Insolvenz gewertet. Seither suchen Insolvenzverwalter in den Unternehmen gezielt nach Geschäftspartnern, die sich auf solche Zahlungsmodalitäten eingelassen haben, und fordern von diesen alte Rechnungsbeträge zurück.

Genossenschaft für Handwerker: Großhändler Mega bietet an deutschlandweit mehr als 100 Standorten ein Vollsortiment für das Maler-, Bodenleger- und Stuckateurhandwerk.

Das kann durchaus sinnvoll sein, denn die Grundidee der Insolvenzanfechtung ist an sich gerecht. Durch das Instrumentarium soll vermieden werden, dass sich einzelne Gläubiger eines Pleiteunternehmens auf Kosten der anderen bereichern, wenn sie nämlich in Kenntnis der finanziellen Probleme schnell noch ihr Geld aus der Insolvenzmasse abziehen, sodass die übrigen Gläubiger leer ausgehen. Nach Ansicht von Fachleuten wird die Insolvenzanfechtung inzwischen aber gezielt zulasten von Lieferanten und Geschäftspartnern eingesetzt, die nichts Unlauteres getan haben. „Ratenzahlung und Tilgung sind in der Wirtschaft verkehrsübliche Praktiken“, sagt Jörg Pohlücke, Referent Haftpflicht- und Kreditversicherung beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). „Es ist praxisfremd, allein das als Indiz für eine Zahlungsunfähigkeit zu werten.“
Mag sein, aber so ist eben Gesetzeslage. Deshalb sind Anfechtungsversicherungen so gefragt. Sie greifen in Fällen, die über eine klassische Kreditversicherung nicht geschützt sind. Die deckt zwar alle unbezahlten Forderungen, nicht jedoch längst geleistete Zahlungen, die das Kreditlimit übersteigen. „Das kann für Unternehmen schnell zu hohen Verlusten führen oder im schlimmsten Fall sogar zur Existenzbedrohung werden“, sagt Jonas Müller, Head of Product Development von EulerHermes. Zumal die Forderung auch noch verzinst wird – dadurch besteht für Insolvenzverwalter sogar ein Anreiz, die lange Anfechtungsfrist möglichst auszuschöpfen.

Die Frist wird kürzer

Inzwischen hat die Bundesregierung erkannt, dass der Schutz von insolventen Unternehmen einerseits und ihren früheren Lieferanten andererseits ins Ungleichgewicht geraten ist. Sie plant, die Insolvenzanfechtung einzuschränken. Nach dem aktuellen Entwurf der Reform, der derzeit noch im Gesetzgebungsverfahren ist, wird die Anfechtungsfrist von zehn auf vier Jahre verkürzt. „Das sehnen wir herbei“, sagt Mega-Forderungsmanagerin Stüwe.
Der GDV geht allerdings davon aus, dass das Problem durch die Reform zwar entschärft, nicht aber beseitigt wird. Auch Jonas Müller von EulerHermes warnt davor, das unternehmerische Risiko zu unterschätzen, das nach einer Verkürzung bestehen bleibt. „Die meisten Insolvenzanfechtungen erfolgen schon jetzt nach zwei bis vier Jahren“, sagt Müller. „Und diese Gefahr wird es weiterhin geben.“
Vor allem für exportorientierte Unternehmen bleibt das Risiko hoch. Denn die meisten anderen europäischen Länder kennen ebenfalls eine Insolvenzanfechtung, mit manchmal durchaus langen Fristen. Es sei deshalb gefährlich, sagt Atradius-Experte Münch, „nur auf die deutsche Gesetzgebung zu achten und sich in Sicherheit zu wähnen“.