Der einzige Ausweg aus dieser Spirale: selbst vorzusorgen. Doch das wird schwieriger, denn aufgrund der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) bringt Sparen keinen Ertrag mehr, das erhoffte Plus durch Zins und Zinseszins bleibt aus. Die in den vergangenen sechs Jahren dadurch „verpassten“ Einnahmen aus Sparbüchern, Staatsanleihen, Versicherungen, Fest- und Tagesgeld schätzt die DZ Bank auf insgesamt 261 Milliarden Euro. Wer also im Alter seinen gewohnten Lebensstandard halten will, muss in der Vorsorge mehr Geld aufwenden als geplant.

Riester für jeden

Die öffentlichen Haushalte hingegen proftieren von der EZB-Niedrigzinspolitik. Seit 2008 hat die öffentliche Hand rund 193 Milliarden Euro an Zinsausgaben gespart, hat die Deutsche Bundesbank berechnet, allein 43 Milliarden Euro waren es 2015. Wenn der Staat sich verschulden will, kann er es zum Nulltarif. „Deshalb sollte man den Staat an seiner Altersvorsorge unbedingt beteiligen“, empfiehlt Frank Nobis, Geschäftsführer des Instituts für Vorsorge und Finanzplanung (IVFP). „Das gelingt über die Riester-Rente ganz hervorragend.“
Denn die Gesamtrendite setzt sich bei Riester aus der Zinsrendite, also der unterlegten Kapitalanlage, sowie immer stärker aus der Förderrendite aus Zulagen beziehungsweise Steuerersparnis zusammen. „Diese Förderrendite ist bei Riester weiterhin attraktiv“, sagt Nobis. Er kommt zu einem Schluss, der dem Lamento vieler Politiker und Experten eklatant widerspricht: „Die Riester-Rente ist hinsichtlich der Rendite für den Sparer fast unschlagbar. Das gilt nicht nur für den Geringverdiener, sondern nahezu für jeden.“
Das IVFP untersucht und vergleicht jährlich 1.275 Riester-Rentenverträge, die sich bereits in der Rentenzahlung befinden – also zwölf bis 15 Jahre gelaufen sind. Im Schnitt beträgt die Rendite auf die eingezahlten Beiträge der untersuchten Verträge nach Kosten und Steuern gut 3,6 Prozent.

Die Riester-Rente ist hinsichtlich der Rendite für den Sparer fast unschlagbar.

Frank Nobis, Altersvorsorge-Experte

Zwar können diese Ergebnisse nicht übertragen werden auf Verträge, die während der Niedrigzinsphase geschlossen wurden. Dennoch: „Selbst wenn man nur den aktuell unterlegten Höchstrechnungszins von 1,25 Prozent als Anlageergebnis unterstellt, erzielen Riester-Policen immer noch Nettorenditen von über drei Prozent pro Jahr“, sagt Nobis. Dabei gelte die Faustregel: Je geringer das Jahresbrutto, desto höher die Förderquote. „Im Vergleich zu nicht geförderten Sparalternativen ist Riester unschlagbar.“

Stetiges Wachstum

Die Rechnung ist simpel: Ob die Zinsen hoch oder niedrig sind – die Zulage vom Staat kommt auf jeden Fall. Damit wächst das eigene Guthaben für die Altersvorsorge stetig. Deshalb ist es für fast alle Bundesbürger sinnvoller zu riestern, als es nicht zu tun.
„Die Riester-Rente bietet eine Bestandsgarantie und Sicherheiten, wie sie sonst nicht zu erhalten wären“, sagt Axel Börsch-Supan, Direktor des Munich Center for the Economics of Aging am Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik. Er erinnert daran, dass die Riester-Rente zudem die jüngere Generation entlaste. Und darum sei es von Anfang an gegangen. Die Aufgabe für die Politiker sieht Börsch-Supan darin, die Riester-Rente effizienter zu machen, einfacher. Auch billiger, denn die über die Jahre au auflaufenden Kosten der Verträge werden häufig als „zu hoch“ gegeißelt.
Was dabei untergeht: Hier sind die Politiker bereits aktiv geworden. Vom Gesetzgeber wurden die Abschlusskosten bereits um 40 Prozent gesenkt. „Vergleicht man die Effektivkosten, sind Versicherungsprodukte nicht teurer als Bank- oder Fondsprodukte“, sagt GDV-Experte Schwark. Die Versicherer würden – anders als häufig suggeriert – mit den Riester-Produkten insgesamt kein Geld verdienen.
Das heißt nicht, dass alles perfekt ist. Noch ist aus dem Entlein kein Schwan geworden, weil es beispielsweise noch an der Vergleichbarkeit der Produkte hapert. Aber das ändere sich gerade, sagt Schwark. Verbraucher sollen leichter vergleichen können. Deshalb gibt es jetzt standardisierte Informationsblätter mit allen wichtigen Angaben, zu denen auch eine einheitliche Kostenkennziffer („Effektivkosten“) sowie die „Chancen-Risiko-Klasse“ des Produkts zählen.
Andere Geburtsfehler der Riester-Rente dagegen sind noch nicht behoben. Etwa, dass die geförderte Altersvorsorge auf die Grundsicherung angerechnet wird. Das bedeutet, dass Arbeitnehmern mit geringem Einkommen die Motivation genommen wird, Geld für das Alter zurückzulegen und dadurch die staatlichen Zulagen zu nutzen. Denkbar ist deswegen etwa ein Freibetrag in der Grundsicherung von beispielsweise 100 Euro für die private Vorsorge. Die Idee dahinter: Wer privat vorsorgt, sollte am Ende immer mehr haben als jemand, der das nicht tut. Handlungsbedarf sieht Schwark auch bei der Verwaltung der Verträge, die sei zu komplex und damit zu teuer.

Die Politiker sollten lieber den Rechtsrahmen vereinfachen als Vorsorgesparer zur verunsichern.

Klaus Morgenstern, Deutsches Institut für Altesvorsorge

„Deshalb sollte das Zulageverfahren vereinfacht werden“, schlägt er vor. Schwark hat noch einen Verbesserungsvorschlag: Es sei höchste Zeit, die Riester-Förderung an die gestiegenen Einkommen und damit den höheren Vorsorgebedarf anzupassen. Aktuell müssten die Versicherten immer mehr Geld selbst aufbringen, um die gleiche Förderung zu bekommen. Ein alleinstehender Arbeitnehmer, der den Mindestlohn verdient, muss heute drei Euro bezahlen, um einen Euro staatliche Zulage zu erhalten. Das sind fast 30 Prozent mehr als 2002.
Umgekehrt reicht der Höchstbeitrag von jährlich 2.100 Euro für so manchen qualifizierten Facharbeiter nicht mal mehr aus, um vier Prozent des eigenen Einkommens anzusparen. Der GDV ist deshalb für eine Anhebung der Grundzulage von 154 auf mindestens 200 Euro. Zudem solle, so der GDV, die Förderung an die Beitragsbemessungsgrenze in der Rentenversicherung gekoppelt werden. Damit würde die Fördergrenze im Jahr 2016 von 2.100 Euro auf 3.000 Euro ansteigen.

Frage der Verlässlichkeit

„Altersvorsorge bedarf langfristiger Verlässlichkeit“, sagt Klaus Morgenstern vom Deutschen Institut für Altersvorsorge. Gerade diese Verlässlichkeit werde durch das politische Gezeter erschüttert. Anstatt zu streiten könnten die Politiker lieber den komplizierten Rechtsrahmen vereinfachen und auch das gesetzlich vorgeschriebene Zusammenspiel von Zulagenstelle und Finanzämtern entschlacken. „Hier sollte die Politik ansetzen, statt Vorsorgesparer mit wahlkampftauglichen Ankündigungen zu verunsichern.“
Arbeitsministerin Andrea Nahles sieht das offenkundig auch so. Wer eine Riester-Rente abgeschlossen habe, sagte sie kürzlich, habe „alles richtig gemacht“. Und natürlich könne und müsse die Riester-Rente verbessert werden, damit sie richtig „durchstartet“, sagte die Ministerin.

Und abhebt, mag man hinzufügen. Als stattlicher Schwan.

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