Zum Ausgleich für dieses abzusehende demografische Ungleichgewicht wurde von der Schröder-Regierung eine kapitalgedeckte Altersvorsorge auf den Weg gebracht. Garniert wurde sie mit staatlichen Zulagen und Steuervorteilen und benannt nach dem damaligen SPD-Bundesminister für Arbeit und Soziales, Walter Riester.

Und Zuschüsse vom Staat

„Die Riester-Rente sollte vor allem die planmäßige Absenkung des Rentenniveaus ausgleichen und die Lücke schließen, die dadurch entstand“, erinnert Peter Schwark, für Altersvorsorgethemen zuständiger Geschäftsführer beim GDV. Für viele Deutsche war das ein Schock. Sie hatten sich darauf verlassen, dass der Staat für ihr Auskommen im Alter sorgen würde. Viele hatten ignoriert, dass die Rente längst nicht mehr die einst kommoden 60 Prozent vom früheren Nettolohn betrug, sondern weniger als 50 Prozent. Und nun sagte die Regierung: Wir müssen dieses Niveau noch weiter senken – wenn ihr die Lücke schließen wollt, müsst ihr selbst vorsorgen.
Der mündige Bürger war gefragt – und vielleicht überfordert. Vorher hatte der Staat alles geregelt, nun sollte jeder sich selbst den Durchblick verschaffen – und das bei einem bald unüberschaubar bunten Strauß an Angeboten. Viele Menschen verweigerten sich und klammerten sich an das Prinzip Hoffnung: Die Rente wird schon reichen – irgendwie.

Noch nie zuvor haben so viele Deutsche privat fürs Alter angespart.

Walter Riester, früherer Arbeits- und Sozialminister, SPD

Diese Gefahr sahen einige Politiker voraus. „Walter Riester wollte einen obligatorischen Ansatz: Alle sollten drin sein“, erinnert sich Franz Müntefering (zum Interview), der als Minister und Chef der SPD-Bundestagsfraktion einer der Konstrukteure der Riester-Rente war. Rückblickend sagt Müntefering, die von Riester ursprünglich vorgesehene verpflichtende Rente wäre „vielleicht der noch bessere Weg“ gewesen.
Trotzdem sind seit 2002 immerhin 16,5 Millionen Riester-Verträge abgeschlossen worden. „Für ein freiwilliges System ist das ein weltweit beispielloser Erfolg“, sagt GDV-Geschäftsführer Schwark. Zumal für ein System, das bewusst für alle Einkommensgruppen attraktiv sein soll und entsprechend differenziert ausfällt. So fördern die Zulagen – 3 Milliarden Euro gibt der Staat derzeit jährlich dafür aus – insbesondere Familien und Menschen mit geringem und mittlerem Einkommen.

Außerdem bemessen sich die eingezahlten Beiträge am Verdienst – sinkt das Einkommen, etwa infolge von Teilzeit, müssen Versicherte entsprechend weniger einzahlen, um die volle Zulage zu erhalten. Wer ohne eigenen Verdienst vorsorgt, muss dafür nur den Sockelbeitrag von jährlich 60 Euro aufbringen.
Der Namensgeber der Rente, der frühere Arbeits- und Sozialminister Walter Riester, sieht diese Zuschüsse klug eingesetzt: „Nie zuvor haben so viele Deutsche privat fürs Alter angespart.“ Das habe der deutsche Staat mit vergleichsweise „bescheidenen Mitteln“ erreicht (Pro & Contra: Müssen wir die gesetzliche Rente stärken?). Zwar summieren sich die Zulagen, die der Staat zwischen 2002 und 2015 zuzahlte, auf 24 Milliarden Euro, aber das sei „ein Klacks“ im Vergleich zu den Ausgaben von mehr als einer Billion Euro, mit denen die gesetzliche Rente im selben Zeitraum bezuschusst wurde.
Die Riester-Rente lockt Sparer außerdem mit zwei Garantien: der Auszahlung einer lebenslangen Rente, auch wenn der Kapitalstock aufgebraucht ist, und der Garantie, dass Einzahlungen, Prämien und die bis Rentenbeginn aufgelaufenen Zinsgewinne für den Ruhestand bereitstehen. Das heißt: Selbst wer sich für ein riskantes Produkt entscheidet, kann kein Geld verlieren, wenn er den Vertrag nicht vor Rentenbeginn kündigt.

Das alles ist klug durchdacht, allerdings auch erklärungsbedürftig – da jeder Vertrag auf die individuellen Bedürfnisse zugeschnitten wird. Das baut oft Hemmschwellen auf. Die gilt es zu überwinden, denn die gesetzliche Rente garantiert weniger denn je ein Auskommen. Bereits jetzt erhalten Neurentner ja weniger als die Hälfte ihres durchschnittlichen früheren Bruttolohns nach Abzug der Sozialabgaben. Um selbst den bescheidenen Stand von 47,5 Prozent zu halten, so hat das Institut der deutschen Wirtschaft ausgerechnet, dürften die Menschen im Jahr 2030 erst mit 69 Jahren in Rente gehen und 2041 sogar erst mit 73 Jahren.

DIE RIESTER-RENTE ENTLASTET DIE JÜNGERE GENERATION. AUCH DARUM IST ES VON ANFANG AN GEGANGEN.

AXEL BÖRSCH-SUPAN, Direktor des Munich Center for the Economics of Aging

Das wird wohl nicht passieren. Wahrscheinlicher ist es, dass das Rentenniveau weiter sinkt. 44,6 Prozent könnten es um das Jahr 2030 noch sein, erwartet die Bundesregierung. Wenn die Menschen danach nicht deutlich später in Rente gehen als heute, wird das Niveau laut einer vom GDV in Auftrag gegebenen Studie des Analysehauses Prognos bis 2040 auf 41,7 Prozent absacken. Das heißt: Die Rente ersetzt immer weniger vom Lohn.

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