Es ist das Schicksal eines jeden Schwans, zuvor als hässliches Entlein gescholten zu werden. Wie Hans Christian Andersen schon 1843 in seinem berühmten Märchen erzählt, gelten diese kleinen Wesen als tollpatschig, sie werden verspottet und ausgelacht. Dass aus ihnen etwas Schönes und Imposantes werden könnte, wird ausgeschlossen.
Wäre die Riester-Rente eine Märchenfigur, müsste sie sich wie ein hässliches Entlein fühlen. Bei Andersen heißt es: „Ich bin so hässlich, dass mich selbst der Hund nicht beißen mag!“
Solche Beißhemmungen kennen Politiker bei der Riester-Rente nicht. Sie sei „gescheitert“, poltert Bayerns Ministerpräsident, der CSU-Chef Horst Seehofer. Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) bemängelt, die Riester-Rente habe nicht „das erhoffte Ergebnis“ gebracht – sie müsse neu erfunden werden. Die Grünen-Spitze wiederum fordert gar ein Ende für Riester – eine jener Parteien also, welche die Riester-Rente 2002 eingeführt hat. Derzeit, so die Begründung, seien die Kosten von Riester zu hoch, die Renditen zu niedrig und die Produkte zu intransparent. Auch der volkswirtschaftliche Nutzen sei zweifelhaft.
Recht haben sie. Jeder auf seine Weise ein bisschen. Doch die Kritiker übersehen, dass dieses unscheinbare Küken längst dabei ist, sich in einen stattlichen Schwan zu verwandeln.

Unverzichtbar war die Riester-Rente schon, als sie 2002 eingeführt wurde. Die rot-grüne Bundesregierung hatte zuvor beschlossen, auf die demografische Entwicklung – immer weniger Erwerbstätige versorgen immer mehr und immer länger lebende Rentner – zu reagieren. Die Beitragssätze zur gesetzlichen Rentenversicherung drohten zu explodieren.
Mit 20,3 Prozent befanden sie sich 1998 auf einem Allzeithoch – heute sind es nur noch 18,7 Prozent. Die internationale Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen stand auf dem Spiel. Zugleich war die Arbeitslosigkeit hoch. Um sie zu senken, mussten die Personalkosten unbedingt zurückgefahren werden.
Das Kabinett des damaligen SPD-Bundeskanzlers Gerhard Schröder stieg damals in die stufenweise Absenkung der gesetzlichen Rente ein: Erhielten Neupensionäre 1998 nach Abzug der Sozialversicherungsbeiträge noch 53,6 Prozent ihres früheren durchschnittlichen Arbeitseinkommens als Rente, waren es 2015 – nach weiteren Rentenreformen – nur noch 47,5 Prozent.

Dieses sogenannte Nettorentenniveau wird weiter sinken – aus demografischen Gründen. Die Lebenserwartung der Menschen steigt stetig an. Hinzu kommt, dass in vielen Nationen – so auch in Deutschland – die Generation der Babyboomer, die zwischen 1956 und 1965 geboren worden sind, in den kommenden 15 Jahren in Rente gehen werden.
Ihnen stehen allerdings immer weniger junge Menschen gegenüber: 2015 war die Balance mit 842.000 Jugendlichen im Alter von 18 Jahren und 993.000 Senioren im Renteneintrittsalter von 65 Jahren noch halbwegs ausgeglichen, doch allmählich kippt sie. Im Jahr 2029 werden nach Berechnungen der Statistiker beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) 708.000 Schulabgängern mehr als 1,3 Millionen Neurentner gegenüberstehen. Dann kommen auf jeden 18-Jährigen im Schnitt 1,9 neue Rentenbezieher.

1 2 3>