Eigentlich ist die Sache nicht kompliziert: Wenn Menschen Versicherungen abschließen, wollen sie sich vor Gefahren schützen. Ob sie nun ihr Auto versichern, ihr Haus oder ihren Betrieb – beiden Policen geht es in erster Linie darum, elementare Risiken abzufedern. Niemand würde auf eine solche Versicherung verzichten, nur weil er dafür Geld bezahlen muss.
Doch wenn es um Lebens- und Rentenversicherungsprodukte geht, führen Kritiker genau dieses Argument ins Feld: Sie kosteten die Anleger einfach zu viel Geld – und lieferten daher niedrigere Renditen als andere Investments am Kapitalmarkt.

Niedrigzins verteuert Garantien

Der zweite Teil der Aussage stimmt. Allerdings nur solange die Aktienkurse steigen. Doch der erste Teil des Satzes verkennt den Kern von Garantieprodukten: Deren vorrangiger Sinn ist es nämlich nicht, möglichst hohe Erträge abzuwerfen. Vielmehr sollen sie Kunden vor finanziellen Verlusten bewahren, die sie im Alter empfindlich treffen könnten. Eben diese Verluste sind das elementare Risiko, vor dem die Garantieprodukte schützen – genauso wie es andere Versicherungen für ihr jeweiliges Risikogebiet auch tun.

Natürlich sind Garantien relativ zum Ertrag zuletzt teurer geworden, weil die Renditen angesichts niedriger Zinsen gesunken sind und die Anbieter zugleich immer schwerer Kapitalanlagemöglichkeiten finden, die langfristige Garantien decken. Doch das ändert nichts daran, dass Garantieprodukte weiterhin ihren Zweck erfüllen – den einer Versicherung nämlich.
Die Branche selbst ist nicht ganz unschuldig daran, dass der Ursprungsgedanke von Garantien in Vergessenheit geraten ist. „Die Versicherer haben ihre Vorsorgeprodukte über die hohe Verzinsung beworben“, sagt Fred Wagner, Professor am Institut für Versicherungslehre der Universität Leipzig.
„Die Rendite war aber im Kern nie das entscheidende Argument.“
Er rät den Anbietern deshalb, sich auf ihre Kernkompetenz zu besinnen und wieder den Wert der mit den Garantien verbundenen Sicherheit in den Vordergrund zu stellen. „Sie ist das entscheidende Alleinstellungsmerkmal der Branche und hat für viele Kunden nach wie vor einen hohen Nutzen in der Altersvorsorge“, sagt Wagner. Dass die Kunden genau darauf Wert legen, demonstrieren die nach wie vor hohen Absatzzahlen solcher Produkte: Aktuell beinhalten in Deutschland 90 Prozent aller neu verkauften Altersvorsorgeversicherungen eine Garantie.

Genau genommen bieten Rentenversicherungen sogar zwei Garantien: erstens eine Absicherung der Beiträge in der Ansparphase und zweitens eine weitere im Rentenalter, also während des Auszahlungszeitraums. Letztere ist dabei die entscheidende, meint Jochen Ruß, Geschäftsführer der Gesellschaft für Finanz- und Aktuarwissenschaften in Ulm: „Aus meiner Sicht ist die Garantie eines lebenslangen Einkommens während der Rentenphase die wichtigere, auf die man am wenigsten verzichten sollte.“ Denn damit deckten Kunden das biometrische Risiko ab, die Gefahr, dass im hohen Alter das Geld zur Neige geht. Auch fondsgebundene Rentenversicherungen, die in der Ansparphase auf besondere Ausfallsicherungen verzichten, bieten zumeist entsprechende Altersgarantien.

Branche entwickelt neue Konzepte

Unabhängig davon kann man die Frage stellen, ob klassische Lebens- und Rentenversicherungen überhaupt noch das geeignete Produkt sind, um in den Jahrzehnten des Erwerbslebens sinnvoll für das Alter zu sparen. Derzeit dürfen sie höchstens eine garantierte jährliche Verzinsung von 0,9 Prozent auf den Sparanteil anbieten. Das hört sich nicht nur mickrig an, sondern reicht in der Tat nicht mal, um die Geldentwertung zu kompensieren. Doch die Versicherer haben darauf reagiert – mit neuen Produkten, die nur noch Garantien für das Ende des Einzahlungszeitraums versprechen. So können sie vorher flexibler investieren und haben gute Chancen auf eine höhere Rendite. Jede zweite neu verkaufte Rentenversicherung ist inzwischen ein Hybrid, Tendenz steigend.

Garantien, die mehr Rendite bringen

Wie Professor Wagner rät auch Aktuar Ruß, bei neuen Produkten den Charakter der Versicherung gegen schwerwiegende Verluste in den Vordergrund zu stellen – allerdings mit einer Einschränkung: Vielfach sei es klüger, die Garantien so zu gestalten, dass die Kunden im schlimmsten Fall Verluste von zehn bis 20 Prozent tragen müssten. „Dann hat man das Risiko von existenzbedrohenden Kurseinbrüchen ausgeschaltet und gleichzeitig gute Chancen auf eine deutlich höhere erwartbare Rendite als bei einem garantierten nominalen Kapitalerhalt“, sagt Ruß. Das erinnert an die Kaskopolice mit Selbstbehalt: Den kleinen Lackschaden trägt jeder selbst. Im Gegenzug verbessert sich das Preis-Leistungs-Verhältnis für das Gesamtpaket.

 

Die Rendite war im Kern nie das entscheidende Argument.

Fred Wagner, Professor am Institut für Versicherungslehre der Uni Leipzig

Wie Garantieprodukte im Detail auch aussehen, für sie spricht noch ein weiterer Punkt: Sie helfen, auch dann noch diszipliniert in die Altersvorsorge zu investieren, wenn an den Kapitalmärkten die Unruhe zunimmt. „Gerade Arbeitnehmer, die für zehn angesparte Euro eine Stunde arbeiten müssen, können und wollen es sich nicht leisten, Geld zu verlieren“, sagt Peter
Schwark, Geschäftsführer Altersvorsorge und Zukunftssicherung beim GDV. „Für sie ist die Planbarkeit der Rentenzahlungen besonders wichtig, weil Verluste in der Ansparphase und daraus resultierende niedrigere Rentenzahlungen besonders schwer zu verkraften wären.“
Ähnlich argumentiert Klaus Wiener, Geschäftsführer Unternehmenssteuerung und Regulierung beim GDV, mit Blick auf die wachsende Nervosität an den Märkten. „In einem solchen Umfeld sind Garantien besonders wertvoll.“ Der regulatorische Rahmen mit Solvency II habe die Versicherungen zwar etwas verteuert. Dafür aber werde ein Kapitalpuffer vorgehalten, der das Einhalten der Garantien auch in Krisenzeiten erlaube. Und damit können die Produkte ihren ureigensten Zweck erfüllen: Schutz bieten vor elementaren Risiken.