Doofe Frage, Frau Stein, aber trotzdem: Warum wird man Stuntfrau?Da kam wohl eines zum anderen. Meine Eltern haben mich schon mit vier Jahren auf Wasserski gestellt, ich habe Tennis gespielt und Ballett gemacht, ich kann Motorrad fahren und sogar turnen. Es wohnt ein wildes Herz in mir.

Sie waren also kein typisches Mädchen, das eher auf Nummer sicher geht?Nein, ich habe sogar meinen Bruder immer angestachelt, noch mehr zu wagen – etwa beim Skifahren eine noch gefährlichere Piste zu nehmen. Mein Bruder stand mit meiner Mutter in der Küche, und ich habe mit meinem Vater die Autos in der Garage repariert. So war das bei uns.

Was macht Sie zur begehrten Stuntfrau?Ich bin auf den Punkt konzentriert und zeige keine Nerven, wenn es „Action“ heißt. Neulich in Spanien bin ich mit einem Porsche durch ein kleines Dorf mit engen Gassen geheizt, mein Kollege staunte, wie fokussiert ich war. Das ist eher selten in unserem Business: von Männern Respekt zu kriegen.

Sie sagen: Wenn jemandem etwas passiert bei einem Stunt, dann war der schlecht organisiert. Ihr Motto lautet „Überlegen macht überlegen“.Auf jeden Fall. Insofern ist unser Job weitaus weniger gefährlich, als der Laie denkt. Eine aktuelle Statistik hat uns vom Gefahrenaufkommen her in die Kategorie der Feinmechaniker eingeordnet. Trotzdem gibt es immer ein Restrisiko.

Hatten Sie nie Momente, in denen Sie dachten: Verdammt, aus diesem Stunt komme ich nicht heil raus?Es gab sicher das eine oder andere Mal mehr Aua als angenommen, aber ich habe nie die Nerven verloren. Ich habe absolutes Vertrauen, dass ich wie eine Katze immer auf allen vieren lande. Ich tue mir privat auch komischerweise nie weh. Hier in Berlin- Zehlendorf wird rundherum eingebrochen, bei mir noch nie! Ich denke immer: Angst zieht Gefahr erst an. Also habe ich lieber keine.

Wie verringern Sie die Gefahr im Job?Wir fahren oder stürzen zum Beispiel nicht mehr mit dem Auto ins Wasser. Es ist zu oft etwas passiert: Die Sauerstoffflasche löst sich, Frontscheibe oder Dach werden eingedrückt; in Babelsberg ist dabei mal einer gestorben. Das kann man heute alles technisch lösen, digital. Wie sowieso das Digitale uns immer mehr ersetzt. Unabhängig davon kann man heute fast alles Unvorhergesehene vorher ausschließen – durch gute Planung. Heute geht auch die Tendenz dahin, alles durch Seile abzusichern. Harakiri macht keiner bei uns.

Sie haben vor gar nichts mehr Angst?Doch, vor Kontrollverlust. Eine Zeit lang hatte ich auch Flugangst. Ich setze mich nicht gern dem aus, was andere machen, ich mache es einfach lieber selbst.
Ich bin auch ein ganz schlechter Beifahrer. Und ich gehe nachts in Berlin nicht mehr gern aus – zu viele Psychopathen unterwegs.

Falls doch was passiert, wie haben Sie sich abgesichert?Wir Stuntleute sind Chaoten, und viele von uns haben ADHS, würde ich mal frech behaupten. Aber wir hängen alle am Leben! Ich selbst habe mir ein ganz gutes Sicherheitspaket geschaffen. Früher gab es ja gerade mal eine Krankenversicherung für uns, jetzt haben alle eine Privathaftpflicht und sind über die Berufsgenossenschaft versichert. Die würde auch für Invalidität aufkommen. Zudem habe ich eine private Rentenvorsorge, ein Haus und ein bisschen Geld. Das sollte reichen.

Und was sagen Ihre Ärzte? Alles fit?Ja, so irre das klingt: Mein Job als Stuntfrau hält mich fit. Natürlich auch das Fitnessstudio, in dem ich fast täglich trainiere. Ich war noch nie krankgeschrieben in all den Jahren.

Hat die Geburt Ihrer Tochter Ihr Sicherheitsgefühl oder -denken verändert? Der Job kam mir auf einmal so klein und unbedeutend vor. Allerdings kann und will ich auch nicht ohne ihn, und weil ich leider schon sehr früh alleinerziehend war, habe ich bestimmt 40 Kindermädchen verschlissen. Ich war auch nie eine Helikoptermutter. Verbote von wegen „Kletter da nicht hoch“ oder „Spring da nicht runter“ gab es bei mir nicht. Vielleicht ist sie deshalb so besonnen heute.

In 300 Film- und TV-Produktionen wie „Inglourious Basterds“ von Quentin Tarantino und zuletzt „Berlin Babylon“ von Tom Tykwer und der Netflix-Serie „sense8“ war die Stuntfrau Dani Stein bislang im Einsatz. Die gebürtige Badenerin hat Sport studiert und in München die Stuntschule besucht. Zu Hause ist die alleinerziehende Mutter einer 16-jährigen Tochter in Berlin.