Ist der Job gefährlich?Ja. Aber nicht so, wie Sie vielleicht denken. Es gibt Risiken. Aber wir wissen damit sehr gut umzugehen. Zu jedem Einsatz gehören neben mir immer ein Einsatzleiter, ein Taucherhelfer, der mir Werkzeug und Material nach unten schickt und ein Rettungstaucher. In unserer Firma ist der aber noch nie zum Einsatz gekommen.

Der ist ja nicht umsonst dabei …Nein. Und man kennt die Geschichten. Von Kollegen, die verschüttet wurden oder auch ums Leben gekommen sind. Wir Taucher sind ein familiärer Haufen. Wenn heute bei einer Firma in Berlin oder Hamburg was passiert, wissen wir das morgen alle.

Wie denkt man darüber?Man denkt nicht darüber nach. Ich muss das Risiko realistisch einschätzen, aber ich darf mich auch nicht verrückt machen. Aber: Wenn mir ein Einsatz zu gefährlich erscheint, steige ich nicht ins Wasser, bis die Gefahr abgestellt ist. Das ist die Regel, und das akzeptiert auch jeder.

Ist Ihnen schon mal etwas passiert?Nein.

War es denn mal brenzlig?Klar. Ich hatte schon mal einen Tiefenrausch, und in der Dekompression ging mir dann der Sauerstoff aus …

Langsam, langsam! Was war da los?Bei besonders tiefen Einsätzen kann sich Stickstoff im Blut anreichern. Das fühlt sich an, als wäre man betrunken.

Und dann?Dann muss ich ganz langsam aufsteigen und in bestimmten Tiefen längere Pausen einlegen. Wir haben ja vor Ort keine Druckkammer, in der wir diese Dekompression zur Not machen könnten. Also atmen wir da unten reinen Sauerstoff, um den Stickstoff schneller loszuwerden. In diesem Fall war aber leider die Sauerstoffflasche undicht. War stressig, ging aber alles gut aus.

Ist nicht jede Baustelle schon so gefährlich genug?Klar. Kürzlich ließen Kollegen ein Stahlrohr an der Leine zu mir runter. Das hat sich leider gelöst, sauste direkt an meinem Kopf vorbei und bohrte sich 30 Zentimeter tief in den Boden.

Wie denkt Ihre Familie über so was?Meine Familie und meine Freundin wollen so was gar nicht hören. Was sollen die auch denken, wenn man irgendwo 35 Meter tief in eine Röhre steigt und sich dann 200 Meter einen Tunnel entlangtastet?

Haben Sie ein Testament?Nein.

Sind Sie in irgendeiner Form besonders versichert?Nein. Als Festangestellter bin ich zum Glück über die Berufsgenossenschaft abgesichert. Bei der Berufsunfähigkeit sind wir – glaube ich – in der höchsten Risikoklasse. Zusammen mit Testpiloten und so.

Sähen Ihre Eltern Sie lieber in einem anderen Job?Bestimmt. Aber ich liebe meine Arbeit.

Was lieben Sie daran?Das da unten ist eine andere Welt. Ich fühle mich da zu Hause. Das ist nicht romantisch. Und meistens ist es einfach knallharte Maloche. Aber ich schalte dabei auch ein Stück weit ab.

Ist es nicht kaltDann zieht man sich wärmer an.

Und laut?Manchmal. Man ist halt auf einer Baustelle.

Welche Einsätze sind am schlimmsten?Faultürme.

Warum?Erst mal die Hitze. Da drin sind es gerne über 40 Grad, weil sich so der Klärschlamm am besten zersetzt. Und dann tauchst du nicht in Wasser. Das Material ist nicht mal flüssig. Du spülst dich mit einem Schlauch gewissermaßen nach unten, und über dir schließt sich dann wieder das Material wie Erde. Da ist man wirklich lebendig begraben. Wenn du deinen Schlauch verlierst und dich nicht wieder nach oben spritzen kannst, könnten die Kollegen dich nicht mal hochziehen, weil’s dich wegen des Drucks zerreißen würde.

Haben Sie Freunde, die nichts fürs Tauchen übrighaben?Wenige.

Tauchen Sie noch als Hobby?Ja, sehr gerne sogar.

Dann aber eher im Korallenriff?Nein. Fische langweilen mich. Ich tauche am liebsten nach Wracks.

Besonders tief?60 Meter dürfen es schon mal sein. Aber ich muss mir nichts beweisen. Ich bin in der Gruppe meist der Vorsichtigste und halte mich immer schön an die Vorschriften. Das ist wohl eine Berufskrankheit. Wenn meine Kumpels unbedingt die 80 Meter auf der Uhr sehen müssen – das brauche ich nicht.

Stefan Migueis taucht seit fünf Jahren beruflich. Der 24-Jährige ist in Neuss geboren und aufgewachsen. Seine Eltern kommen aus Portugal, weshalb ihn seine Kollegen bei der Germania Taucher GmbH in Bochum nur „Porto“ rufen. Als Unterwasserarbeiter oder Industrietaucher dürfen nur „geprüfte Taucher“ tätig werden. 

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