Frau Klimke, wann sind Sie das erste Mal vom Pferd gefallen?Daran kann ich mich nicht erinnern. Ich saß schon auf Pferden, bevor ich laufen konnte. Meine Eltern waren Turnierreiter, und meine Mutter erzählt immer, sie habe mich schon als kleines Kind vor sich auf den Sattel gesetzt. Ich wollte da immer rauf. Und runter fällt man sowieso, das gehört dazu, und man muss es lernen. Ich weiß aber noch genau, wie ich mit 16 von einem Pferd geschlagen wurde.

Was ist da passiert?Ich hatte ein junges Pferd beim Grasen an der Hand an einem zu langen Strick. Es erschrak, drehte sich um, und ich stand hinter den Hinterhufen.

Hat Ihnen das einen Knacks verpasst?Überhaupt nicht. Es war ja meine Schuld, das Pferd konnte nichts dafür.

Reiter sagen, nach einem Sturz sollte man sofort wieder aufsitzen. Warum?Damit man spürt, dass nichts Schlimmes passiert ist. Das gilt auch bei einem Sturz vom Fahrrad. Der sieht erst mal dramatisch aus, aber meistens ist es harmlos. Und wenn man gleich weitermacht, setzt sich die Angst erst gar nicht fest.

Ihre Disziplin ist das Vielseitigkeitsreiten – auf Parcours, auf denen die Pferde mitunter stürzen. Warum haben Sie einen so gefährlichen Sport gewählt?Jeder Umgang mit Tieren kann gefährlich sein. Was ich an Geländeritten liebe: Ich bin mit den Pferden draußen in der Natur, und diese Umgebung entspricht ihnen vollkommen. Die Wiesen, Gräben, Wasser, Hecken … Pferd und Reiter müssen sich in diesem Sport allerdings sehr gut verstehen, es braucht ein tiefes Vertrauensverhältnis.

Wie bauen Sie dieses Vertrauen auf?Ich beginne mit den Pferden zu arbeiten, wenn sie noch jung sind. Wir fangen klein an und steigern uns langsam. Bevor wir über Hindernisse im Wasser springen, reiten wir erst mal durchs Wasser, dann galoppieren wir hindurch, dann bauen wir ein kleines Hindernis ein. Fast alle Pferde mögen das, sie sind da richtig in ihrem Element. Jedenfalls wachsen wir auf diese Weise vertrauensvoll zusammen.

Sind Sie dabei schon gestürzt?Mehrmals. Man kann einen solchen Ritt nicht fest durchplanen, es kann immer mal was schiefgehen – wie überall im Leben. Zum Beispiel kann das Pferd ins Rutschen geraten. Manchmal gibt es aber auch Fehlentscheidungen des Reiters oder Missverständnisse zwischen Pferd und Reiter.

Das heißt im Umkehrschluss, gutes Teamwork schützt Pferd und Reiter?Genau. Wir haben eine Aufgabenteilung. Ich bin verantwortlich für den Weg durch den Parcours und das Tempo. Wie das Pferd die Hindernisse meistert, entscheiden wir oft gemeinsam, je nach Situation. Ob es große oder kleine Galoppsprünge macht etwa. Pferde haben hervorragende Reflexe und Instinkte. Ich vertraue ihnen.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie Kollegen stürzen sehen?Ich bin betroffen. Ich bin aber auch betroffen, wenn der Schulleiter meiner Tochter bei einem Verkehrsunfall stirbt, weil ihm ein Geisterfahrer entgegenkommt. Oder wenn eine Freundin schwer an Krebs erkrankt. All diese Schicksale gehen mir nahe.

Haben Sie eine Unfallversicherung?Ja, zum Glück gibt es die über die Berufsgenossenschaft. Eine private Unfallversicherung habe ich auch – und eine Berufsunfähigkeitsversicherung. Da haben Reiter es nicht ganz einfach. Weil wir einen Sport mit einem Lebewesen betreiben, gilt er als riskant. Und ausgerechnet den gefährdeten Rücken schließen Berufsunfähigkeitsversicherungen gern aus den Leistungen aus. Dabei brauchen wir den ganz besonders.

Wozu?Zum Beispiel für die Gewichtshilfen. Ich verlagere im Sattel mein Gewicht, um Kommandos zu geben. Ich gehe zweimal pro Woche zur Physiotherapie, damit Schwachstellen gar nicht erst aufkommen. Die Krankenkassen sollten das unterstützen, denn jeder Mensch hat Defizite, gegen die er regelmäßig etwas tun sollte. Das ist viel günstiger als Reha-Maßnahmen und Rekonvaleszenzzeiten.

Hat Ihr Sport Sie mutiger gemacht?Ich glaube schon. Vor allem habe ich durch ihn eine positive Lebenshaltung. Ich gebe alles für meine Ziele, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass ich sie erreichen kann, wenn ich mit Herz und Leidenschaft das tue, was ich kann.

Haben Sie vor irgendetwas Angst?Abfahrtsski würde ich nicht machen. Dafür gibt es Skifahrer, die würden niemals auf ein Pferd steigen.

Ingrid Klimke, 49, hat im August 2017 die Europameisterschaften im Vielseitigkeitsreiten gewonnen. Zuvor holte sie mehrfach olympisches Gold und zahlreiche Mannschaftssiege bei Welt-, Europa- und Deutschen Meisterschaften. Seit 1998 betreibt sie in Münster einen Turnierstall. Ingrid Klimke lebt mit ihrem Mann Andreas Busacker und zwei Töchtern in Münster.