Herr Sedic, Sie putzen die Fenster der Highlight Towers, der größere Turm misst 126 Meter. Höher geht es in München kaum. Welches Gebäude auf der Welt würden Sie gerne einmal putzen?Den Burj Khalifa in Dubai, das höchste Bauwerk der Welt. Der Wolkenkratzer ist über 800 Meter hoch. Ich mag Höhe. Mich reizt daran der Adrenalin­-Kick.

Haben Sie denn keine Angst?Vorm Sterben jedenfalls nicht. Wenn ich runterfalle und tot bin – mein Gott. Aber dass ich ausrutsche, runterfalle und ein Krüppel bleibe, davor habe ich Angst. Und diese Angst schwingt immer mit.

Um sich schwer zu verletzen, reicht ein Sturz aus dem zweiten Stock …Daher ist die Innenreinigung für uns gefährlicher als die Außenreinigung. Die Menschen im Büro denken nicht darüber nach, wie wir die Fenster sauber machen sollen. In Büros gibt es viele Ecken und Kanten. Tische stehen oft sehr nah am Fenster. Ich muss also auf den Tisch steigen, um das Fenster zu säubern. Anders komme ich da nicht ran. Und wenn jemand nur ein einziges Blatt Papier hat liegen lassen, rutsche ich aus. Und das war es dann.

Sie dürfen keinen Fehler machen.Ja, bei dieser Arbeit muss man immer hoch konzentriert sein. Man muss auf alles achten.

Worauf achten Sie, wenn Sie in 120 Meter Höhe an der Fensterwand hängen?Bis heute geht mir die Düse, wenn zum Beispiel die Gondel klemmt. Oder wenn sich das Gebäude bewegt.

Die Highlight Towers bewegen sich?Die ganze Erde bewegt sich, also auch das Gebäude. Da reichen ein paar Millimeter. Das merkt niemand, außer wir, die oben arbeiten. Wenn das Gebäude schwankt, klemmen die Schienen, auf denen die Gondel hin­ und herfährt. Dann geht nichts mehr. Manchmal neigt sich die Gondel sogar. Der Job ist sehr gefährlich.

Haben Sie ein Ritual, bevor Sie in die Gondel steigen?Wenn ich alles vorbereitet habe, rauche ich erst mal eine Zigarette.

Damit Sie ruhiger werden?(lacht) Ja, vielleicht auch deshalb.

Waren Sie einmal in einer richtig brenzligen Situation?Als ich angefangen habe, die Türme zu putzen, war ich noch unerfahren. Damals ist die Gondel einmal stecken geblieben. Sie hat sich sehr stark geneigt, viel mehr als sonst. Ich hätte mir fast in die Hose gemacht. Der Kollege, der mit mir oben war, hat geweint. Er hat gefleht: Lass mich raus. Es ist aber alles gut gegangen.

Dieser Job ist sehr gefährlich, du kannst immer sterben

Sebastijan Sedic, Fensterputzer

Manchmal muss die Feuerwehr ausrücken, um Fensterputzer zu retten, die bei der Arbeit in Not geraten sind.Die sind stecken geblieben. Auch wir sind schon ein paarmal stecken geblieben, weil die Gondel geklemmt hat.

Kennen Sie Fensterputzer, die diesen Job nicht machen wollen?Der Job ist nicht jedermanns Sache. Manche scheitern an der Höhe. Ich hatte mal einen Kollegen, den wir aus der Gondel tragen mussten. Er hatte Höhenangst und wurde panisch. Er hat sich einfach hingesetzt und konnte nicht mehr aufstehen. Er hat nur noch gezittert.

Wie geht Ihre Familie mit Ihrem Job um?Normal. Ich habe zwei Söhne, der ältere arbeitet auch als Fensterputzer in meiner Firma.

Waren Sie beide schon einmal zusammen am Highlight Tower?Ja. Er wollte es unbedingt ausprobieren. Ich habe ihm den Wunsch erfüllt. Aber ich lasse ihn nie wieder in die Gondel. Es ist zu gefährlich. Es kann sehr viel passieren. Es kann etwa ein Seil reißen oder die Leitung der Hydraulik platzen. Bei diesem Job kannst du immer sterben.

Warum machen Sie es trotzdem?Was soll ich sonst tun? Ich bin jetzt 44 Jahre alt und werde sicher nichts anderes mehr anfangen. Ich war früher Bodenleger, hatte dann aber einen Bandscheibenvorfall. Ich musste mir was anderes suchen mit einer anderen körperlichen Belastung. Über einen Kollegen kam ich zum Fensterputzen. Seitdem sind 17 Jahre vergangen.

Seit fünf Jahren putze ich die Highlight Towers. Wie sind Sie versichert?Ich habe zwei Lebensversicherungen und zwei Unfallversicherungen. Und natürlich eine normale Krankenversicherung. Meine Kinder sollen gut versorgt sein, wenn etwas passiert. Einer meiner Söhne ist noch nicht volljährig.

Haben Sie ein Testament?Nein. (lange Pause) Noch nicht.

Wir haben bislang über die gefährliche Seite Ihres Berufs gesprochen. Aber man kann Sie auch beneiden: Sie haben auch einen wunderschönen Ausblick.Ja, den hat nicht jeder (lacht). Bei Pausen genieße ich das sehr. Man hat eine unglaublich weite Sicht, wenn Föhn ist, sieht man die Alpen, die bedeckt sind mit Schnee. Wir können da oben alles sehen, die Menschen, die Autos und und und. Aber für tiefsinnige Gespräche haben wir keine Zeit. Wir wollen schließlich unsere Arbeit erledigen.

So wie die vielen Menschen, die in den Büros arbeiten, in die Sie von außen blicken. Wie reagieren die auf den Mann, der draußen in luftiger Höhe in der Gondel steht?Ab und zu erschrecken die Leute, wenn sie uns sehen. Einmal – das war allerdings bei einem anderen Gebäude, sechster Stock oder so – habe ich von außen ans Fenster geklopft. Ich wollte der Frau drinnen signalisieren, dass sie das Fenster schließen muss. Die Dame hat sich so sehr erschreckt, dass sie vom Stuhl gefallen ist (lacht). Andere dagegen rennen einfach weg.

Werden Sie von den Menschen in den Büros auch angesprochen?Ja, sie fragen: Und wie ist es so da oben? Oder sie wollen wissen, ob ich Angst habe. Oder wenn es warm ist, fragen sie mich, wie ich bloß diese Hitze aushalte. Die Hitze ist wirklich an manchen Tagen unerträglich. Wir müssen manchmal sogar abbrechen.

Bei welchem Wetter putzen Sie nicht?Bei starkem Wind, also bei zehn bis elf Metern pro Sekunde, gehen wir nicht raus. Die Gondel ist technisch so eingerichtet, dass sie aus Sicherheitsgründen bei starkem Wind nur nach oben fahren würde. Der Wind hier unten ist jetzt gerade zwar angenehm. Aber oben ist er fünfmal stärker. Maschinen sind Wind und Hitze egal.

Haben Sie Angst, dass Sie eines Tages durch Roboter ersetzt werden? Eigentlich nicht. Was wir tun, kann der Roboter nicht. Der ist nur programmiert für gerade Flächen. Wir aber kommen überall hin – in jede Ecke, wo Schmutz ist. Vielleicht ist die Technik in zehn oder zwanzig Jahren weiter. Aber ich bin dennoch davon überzeugt, dass Roboter uns Fensterputzer niemals ganz ersetzen werden.

Haben Sie sich also ein stabiles Handwerk ausgesucht?Stabil vielleicht, aber nicht gut bezahlt. Oft wird nach Quadratmetern abgerechnet. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ein Fenster misst einen Quadratmeter. Wir putzen innen und außen. Das heißt, dass wir eigentlich zwei Quadratmeter sauber machen, aber nur für einen bezahlt werden. Es gibt viele solcher Tricks.

Sie führen einen Kleinbetrieb mit sieben Mitarbeitern. Wie kommen Sie über die Runden?Es ist ein Kampf. Noch geht es, weil wir Profis schnell und gut sind. Aber in den vergangenen Jahren hat sich einiges verschlechtert. Es gibt sehr viele Billigarbeiter, die sich fälschlicherweise als Fensterputzer ausgeben und für fünf Euro in der Stunde arbeiten. Das macht die ganze Branche kaputt.

Ihr größter Feind am Turm ist aber der Schmutz. Welcher Dreck ist besonders hartnäckig da oben?Der Schmutz auf der Südseite des Turms. Da geht unten direkt die Autobahn vorbei. Die Abgase, der Staub – das klebt alles an der Fassade. Das ist wirklich brutal.

Die Familie des Münchners kommt ursprünglich aus Kroatien. Der 44-jährige Vater von zwei Söhnen hat früher sein Geld als Bodenleger verdient, bevor er aus gesundheitlichen Gründen umsattelte. Seit 17 Jahren arbeitet Sebastijan Sedic als Fensterputzer und leitet seine eigene Firma mit sieben Angestellten.