Pro

Prof. Heinz-Josef Bontrup

Wirtschaftswissenschaftler an der westfälischen Hochschule Gelsenkirchen

BEWUSST GESCHÜRTE ÄNGSTE

In Sachen Demografie, so scheint es, sind fast nur noch Demagogen und Profitinteressenvertreter unterwegs. Mit Horrorszenarien einer überalterten Gesellschaft, in der morgen zwei Erwerbstätige einen Rentner versorgen müss­ten, der Generationenvertrag also nicht mehr tragen würde, werden Ängste geschürt. Ein Umbau der Sozialsysteme hin zu Rentenkürzungen und Privatisierung sei deshalb not­wendig. Das ist ökonomisch sehr kontraproduktiv und dient den kurzfristigen Interessen der Kapitaleigner. Sie machen dadurch mehr Profit. Langfristig sind aber auch sie durch die Umverteilungsorgien zulasten der Massenein­kommen Verlierer. Denn: Wer soll die immer produktiver hergestellten Waren kaufen, und wo wollen die Reichen künftig noch investieren?

Von der Produktivität und ihrer Verteilung hängen dabei entscheidend die Entwicklung jeder Gesellschaft und auch die Versorgung der Alten ab – nicht von der absoluten Bevölkerungszahl oder der Altersstruktur. In Deutschland hat sich zwischen 1900 und heute der Altenquotient ver­dreifacht. Ist dadurch auch die Versorgungslast um das Dreifache gestiegen? Nein, im Gegenteil, es kam zu einer enormen Wohlfahrtssteigerung. Dies wird auch in Zukunft unter der Annahme eines Anstiegs der Erwerbstätigenpro­duktivität von nur einem Prozent, selbst bei anhaltend nied­riger Erwerbstätigkeit, weiter so sein. Das Bruttoinlands­produkt pro Kopf steigt bis 2060 gegenüber 2010 um 36 Prozent. Das heißt: Die Verteilungsspielräume werden durch die demografische Entwicklung nicht kleiner. Damit sind politische Entscheidungen, wie gerne von Demagogen behauptet, auch nicht alternativlos. Die zuwachsende Produktivität muss nur gerecht verteilt werden.

 

Contra

Dr. Peter Schwark

Mitglied der Hauptgeschäftsführung des GDV

Schwark

REFORMEN SIND NOTWENDIG

Kein Thema lässt sich so zuverlässig prognostizieren wie die Demografie. Wer 2030 oder 2040 in Rente gehen wird, ist längst geboren, deren Zahl steht fest. Das gilt auch für diejenigen, die in 15 oder 20 Jahren neu ins Berufsleben kommen. Es gibt bei der Frage, wie viele Erwerbstätige künftig für wie viele Rentner aufkommen müssen, kaum Unsicherheit. Sicher ist, dass die zunehmende Last immer höherer Rentenzahlungen auf immer weniger Schultern ruhen wird. Deshalb ist die Notwendigkeit, die umlagefi­nanzierte gesetzliche Rente durch kapitalgedeckte Eigen­vorsorge zu entlasten, so richtig und aktuell wie nie.

Nun sagen manche, die ganze Aufregung um die Renten­reformen war unnütz, die zunehmenden demografischen Lasten könnten quasi aus einer unerschöpflichen Quelle namens Produktivitätssteigerung finanziert werden. Dem ist deutlich zu widersprechen. Produktivitätssteigerungen gab es immer. Und sie wurden auch immer schon verteilt. Früher, indem Arbeitnehmer höhere Nettolöhne bekamen, Rentner höhere Renten. Will man nun daraus auch noch eine zunehmende Anzahl Rentner finanzieren, müssen (Netto-) Lohn- und Rentenerhöhungen nach Adam Riese geringer ausfallen. Denn jeder Euro kann nur einmal ausgegeben wer­den. Genau das macht die Rentenreform: Das Rentenniveau sinkt und Arbeitnehmer haben höhere Abzüge. Die Rente mit 67 ist noch eine zusätzliche Maßnahme, die Rentnern und Beitragszahlern gleichermaßen nützt: Das Rentenniveau muss weniger stark sinken, wenn das Renteneintrittsalter steigt. Auch die Rentenbeiträge müssen weniger stark stei­gen. Wer mit Verweis auf das trügerische Allheilmittel der Produktivitätsentwicklung die Notwendigkeit von Refor­men versucht wegzureden, verteilt Opium fürs Volk.