Geld hat man, so hieß es früher, oder eben nicht. Wer Geld hatte, trug es zur Bank, damit es sich dort langsam, aber unaufhaltsam vermehrte. Deshalb hat Oliver Haack früh angefangen, Geld für seine beiden Kinder beiseitezulegen: Zins und Zinseszins für einen besseren Start ins Erwachsenenleben. Nun stehen Miriam und Erik kurz vor dem Abitur, und noch immer überweist ihr Vater jeden Monat etwas Geld aufs Konto. Und fragt sich warum. Die Zinsen liegen ziemlich genau bei null Prozent, die Gebühren setzen dem Guthaben zu. Statt zu wachsen, schmilzt es. Nicht nur Haack fragt sich: Ist mein Geld womöglich im Bankschließfach oder im Wandtresor zu Hause hinterm Ölschinken besser aufgehoben?
Weder noch, lautet die Antwort der Europäischen Zentralbank. Die EZB ist verantwortlich für die Nullzinspolitik, hat den Leitzins im Euro-Raum im März auf null Prozent gesenkt. Das macht Kredite billig und soll die Wirtschaft anschieben. Genau das will die EZB: investieren statt sparen. Ihr Präsident Mario Draghi gab gar der „Bild“-Zeitung ein Interview, damit die Botschaft ankommt: „Die deutschen Sparer haben es mit ihren Anlage-Entscheidungen selbst in der Hand, wie hoch ihre Erträge ausfallen – auch in Zeiten niedriger Zinsen.“ Sie müssten halt nur ihr Sparbuch auflösen.

Genau das will Haack nicht. Der Düsseldorfer hat schon zweimal umgeschichtet: erst von Bundesschatzbriefen aufs Sparbuch, dann vom Sparbuch aufs Festgeldkonto. Er will nicht spekulieren mit dem Geld für seine Kinder. Und jetzt liest er mit Unbehagen von Negativzinsen: Wer spart, muss dafür bezahlen. Wie kann das angehen?

Angst vor Strafzinsen

Die Banken stecken in der Klemme: Weil Kredite so billig sind wie nie zuvor, verdienen die Finanzinstitute schlecht. Wie sollen sie da noch Zinsen auf Guthaben zahlen? Wenn Banken überschüssiges Kapital über Nacht bei der EZB parken, sind dafür 0,4 Prozent Strafzinsen fällig. Wenn sie diese Strafzinsen nicht an ihre Kunden weitergäben, sei das eigentlich bereits ein „subventionierter Zins“, sagte neulich Commerzbank-Vorstandsvorsitzender Martin Blessing. Und Helaba-Chef Herbert Hans Grüntker warnt schon mal: „Eine Bank ist weder in der Lage, noch ist es ihre Aufgabe, ihre Kunden auf Dauer vor den Folgen dieser Zentralbankpolitik abzuschirmen.“

Die deutschen Sparer haben es selbst in der Hand, wie hoch ihre Erträge ausfallen.

Mario Draghi, EZB-Präsident

Haack hat sich ein Limit gesetzt: Sobald er Strafzinsen zahlen soll, löst er die Konten auf. Sofort. Wahrscheinlich müsste er sich dann in eine lange Schlange einreihen. Eine Umfrage der ING-Bank ergab: 80 Prozent der Privatkunden würden bei Strafzinsen ihre Konten räumen, bei Geschäftskonten könnte es ähnlich aussehen. Um den Finanzinstituten darauf schon mal einen Vorgeschmack zu geben, lagert der Rückversicherer Munich Re neben Goldbarren neuerdings einen zweistelligen Millionenbetrag in bar. Damit wolle er Strafzinsen der EZB entgehen, begründet Konzernchef Nikolaus von Bomhard den Schritt, der eher symbolisch ist: Die Munich Re verwaltet Kapitalanlagen von 224 Milliarden Euro.
Auch bei überschaubareren Summen stellt sich jedoch die Frage: Wohin mit den Scheinen?

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