Normalerweise sitzen Crashtest-Dummys am Steuer des knallgelb lackierten 5er BMW. Dieses Mal gibt es nur einen Passagier: einen schwarzen Stecker für den Zigarettenanzünder, geformt wie eine kleine Raumkapsel. Kurzer Countdown,
dann beschleunigt der BMW und knallt gegen die Wand. Jürgen Redlich steht hinter der Schutzwand aus Panzerglas und nickt: Wagen kaputt, Stecker heil. Und auf dem Laptop hat der Crash eine schöne Datenkurve hinterlassen.
Redlich hat über anderthalb Jahre für den Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) ein Projekt geleitet, das helfen wird, Leben auf Deutschlands Straßen zu retten. Nach einem Autounfall entscheiden oft Sekunden über Leben oder Tod. Und der unscheinbare Stecker sorgt künftig dafür, dass Hilfe wirklich schnellstmöglich unterwegs ist. Vor allem auf dem Land: 2014 starben auf den deutschen Landstraßen 1172 Menschen, die per Pkw unterwegs waren; 15.971 verletzten sich schwer. Wer außerhalb von Ortschaften gegen den Baum prallte, musste bislang hoffen, schnell von anderen Autofahrern entdeckt zu werden.

Das ändert sich mit dem Stecker: Bei einem Unfall aktiviert er – per App – das Smartphone, das automatisch die aktuellen Positionsdaten und die Schwere des Crashs an eine Notrufzentrale sendet. Zugleich wird eine Sprachverbindung mit einem Mitarbeiter in der Zentrale hergestellt: Wie geht es dem Fahrer? Wie viele Verletzte gibt es?
Größter Vorteil des Systems: Anders als das ab 2018 für Neuwagen vorgeschriebene Notrufsystem eCall lässt sich dieser Unfallmeldedienst quasi in jedem Auto nachrüsten. Einzige Voraussetzung im Auto: ein 12-Volt-Anschluss – gern für den Zigarettenanzünder genutzt.
In dem System steckt die Erfahrung einer mehrjährigen Entwicklungszeit. Die Versicherer und der Projektpartner Bosch mussten die Formel finden, damit der Stecker jeden Unfall wahrnimmt – aber nicht bereits auslöst, wenn das Auto nur kräftig beim Einparken über den Bordstein fährt.

Die Suche nach der Formel

Im Stecker misst ein dreiaxialer Beschleunigungssensor, wie stark beschleunigt oder gebremst wird – die sogenannten g-Kräfte. „Wenn ein Sportwagen stark bremst, treten maximal 1,5 g auf“, erklärt Ingenieur Redlich, das entspricht dem Anderthalbfachen des Körpergewichts. Bei schweren Unfällen sind die Kräfte viel höher. „Spitzen von bis zu 80 g über wenige Millisekunden kann der Mensch sogar ohne schwerste Verletzungen überleben“, sagt Redlich. Solche Unfälle zu erkennen, war nicht das Problem. Länger dauerte es die Formel zu finden, um einen leichten Auffahrunfall vom Bordsteinholperer zu unterscheiden.
380 Kombinationen von Fahrzeugen, Unfallkonstellationen und Algorithmen wurden simuliert, 19 reale Crashtests durchgeführt – immer hielt der Stecker. Danach folgte der Feldversuch über mehrere Monate auf den Straßen. Auch diesen Test hat der Unfallmeldedienst bestanden.

Rettungskräfte werden deutlich schneller am Unfallort sein.
Peter Slawik, Vorsitzender des Fachausschusses Kraftfahrtversicherung im GDV

Neben dem Stecker braucht es nur noch ein Smartphone, damit ein Notruf abgesetzt werden kann. Software-Riese IBM half bei der Entwicklung der App und der Übertragung der Notrufe per mobiler Datenverbindung. Maßgabe: Der Unfallmeldedienst soll mit möglichst wenig Daten auskommen. Bei einem Unfall werden nur Daten an die Notrufzentrale gesendet, die für die Organisation der Hilfeleistung erforderlich sind– zur Not passen alle Informationen in eine SMS.
Gleichzeitig wird über das Telefon die Sprachverbindung aufgebaut. Die Notrufe landen dann in Hamburg, bei der GDV Dienstleistungs-GmbH & Co KG. Hier kommen auch alle Anrufe von den Notrufsäulen an den deutschen Autobahnen an – insgesamt mehr als 100.000 pro Jahr.
Das neue Service-Angebot hilft nicht nur bei Unfällen, sondern auch bei Pannen aus der Bredouille: Den Abschleppdienst zu rufen ist nur noch ein Touch auf dem Smartphone entfernt. Bei einem leichten Unfall wird der Fahrer automatisch mit einem Service-Center verbunden und kann einen Abschleppwagen anfordern. Der Kfz-Versicherer organisiert Hilfe – und kann gleichzeitig den Unfall aufnehmen.
Vertrieben wird der Unfallmeldestecker über die einzelnen Versicherungsunternehmen.