Elf Jahre liegen zwischen August 2002 und Juni 2013 – doch die Bilder gleichen sich: Eine stark angeschwollene Mulde überschwemmt die 30.000-Einwohner-Stadt Grimma in Sachsen. Die braunen Fluten reißen mit ihrer Strömung ganze Straßenzüge weg, zerstören rund 500 Häuser. Als sich das Wasser nach ein paar Tagen zurückzieht, bleibt tonnenweise Schlamm übrig. 2002 ist Grimma die am stärksten vom Hochwasser getroffene Stadt in Sachsen mit einem Sachschaden von 250 Millio­nen Euro. 2013 steigen die Fluten nicht ganz so hoch – trotzdem betragen die Schäden 150 Millionen Euro. „Die beiden Katastrophen stecken den Menschen in Grimma schwer in den Knochen“, sagt Oberbürgermeister Matthias Berger. Am schlimmsten ist es für die Bewohner, die vor dem Ruin ste­hen, weil sie die Schäden an und in ihren Häusern nicht abgesichert haben – durch eine Elementarschadenversiche­rung, die bei Überschwemmungen, Rückstau, Starkregen, Lawinen oder sogar Erdbeben greift.

Auf Ebene der Justizminister von Bund und Ländern wird deshalb derzeit in Deutschland darüber diskutiert, die freiwillige Elementarschadenpolice durch eine Pflichtversicherung zu erset­zen. Dabei würde jeder Bürger eine nach Risikogebiet gestaffelte und dem Neu­bauwert des Hauses entsprechende Prä­mie bezahlen. Durch diese Verpflichtung wäre, so das Kalkül, jeder Bürger gegen Hochwasser oder Starkregen abgesi­chert und liefe nicht Gefahr, seine Exis­tenz zu verlieren.

Nachteile der Pflichtpolice

Jeden Bürger zum Elementarschutz zu verpflichten, hält der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) jedoch für falsch: „Eine Pflicht­versicherung nimmt sowohl staatlicher­seits als auch im privaten Bereich völlig den Anreiz, sich aktiv um Schutz vor Hochwassern oder Starkregen zu küm­mern“, sagt Oliver Hauner, Leiter des Bereichs Sachversicherungen. Wenn eine Versicherung die Schäden ohnehin bezahle, bemühe sich keine Stadt um den Bau von Hochwasserschutzmauern und kein Bürger um die Abdichtung von Lichtschächten in seinem Keller, erklärt er und verweist auf Großbritanniens Erfahrungen mit einer Pflichtversiche­rung: Weil der Staat sich dort nicht um Präventionsmaßnahmen kümmerte, blieb den Versicherungen nichts anderes übrig, als die Kosten durch signifikant höhere Versicherungsprämien aufzufan­gen, die mittlerweile in teilweise unbe­zahlbare Höhen angewachsen sind.

Um diesen Anstieg zu dämpfen, werden die Beiträge derzeit durch steuerbasierte Subventionen gestützt. Ein ähnliches Szenario droht in Deutschland. Hinzu kommt, dass eine Pflichtversicherung Kommunen dazu verleiten könnte, Hochwasserrisikoge­biete weiterhin als Bauland auszuwei­sen, da die Versicherung im Katastro­phenfall die Schäden ohnehin begleiche. Dadurch würden aber noch mehr Men­schen gefährdet und die Kosten für die Schadensregulierung und demzufolge die Beiträge weiter steigen. Und am wichtigsten: Eine Pflichtversicherung verhindert keine Schäden. Das geht nur mit Schutzmaßnahmen.

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