MIT ANDEREN AUGEN

Blick aus der Filterblase

Die Zeitungs- und die Lebensversicherungsbranche mögen völlig verschieden sein, dennoch eint sie einiges: Beide betonen stets, wie gut ihre Produkte seien – und sehen sich doch sinkenden Absatzzahlen gegenüber. Beide haben ein demografisches Problem bei ihrer Zielgruppe. Beide suchen die Schuld für die operative Schwäche gern bei anderen – die einen bei Google, die anderen bei der Regulierung.

Und beide hacken gern aufeinander rum: Journalisten hadern mit der Lebensversicherung an sich, den Gebühren, der Transparenz. Die Assekuranz wiederum stört diese Haltung, die Grundsätzlichkeit der Kritik und die mangelnde Fähigkeit zu abstrahieren, dass der mündige, aufgeklärte und vergleichende Anleger eine eher rare Spezies ist. Dabei hätten doch gerade Medien einen gesellschaftlichen Auftrag, die Altersvorsorge zu fördern, statt mit Kritik zu torpedieren und so den immer stärker verbreiteten Hang zum Nichtstun noch zu verstärken.

Beide Seiten haben gute Argumente. Um die der Journalisten nachvollziehen zu können, sollte man sich mit dem Phänomen der Filterblase vertraut machen: Die eigenen Erfahrungen mit einem Produkt oder ökonomischen Sachverhalt liefern wichtige, manchmal aber auch irreführende Impulse zur Recherche und zur Meinungsbildung. So lebt der Journalist einer großen Zeitung mit hoher Wahrscheinlichkeit in einer Metropole wie Hamburg oder München, verdient ordentlich und bevorzugt gute Wohnlagen. Ahnen Sie, wieso es in der Presse vor Warnungen vor einer Immobilienblase nur so wimmelt, obwohl es bestenfalls in wenigen Trendvierteln einiger Großstädte zu größeren Preisanstiegen kam?

Das Mysterium der Überschüsse

Schlagen wir den Bogen zur Debatte über die Zukunft der Lebens- und Rentenversicherung und die Verwendung der Überschussbeteiligung: Ich bin selbst Kunde von Lebensversicherern und habe den Versuch unternommen, die Verwendung der Überschussbeteiligung zu verstehen. In dem 41-Seiten-Vertrag  wimmelt es nur so von Kürzeln und Verweisen. Ich werde in Überschussgruppe XY, Untergruppe Z geführt und möge bitte nähere Angaben dem Geschäftsbericht entnehmen. Dort habe ich sie nicht gefunden. Auch sind die angegebenen Überschüsse beinahe so artenreich wie die Tiefsee: Es gibt den Zinsüberschussanteil, den Grundüberschussanteil („nur bei Bausteinen gegeben, deren kalkulatorische Ausscheideordnung todesfallorientiert ist“), den Zusatzüberschussanteil, den Schlussüberschussanteil, den Sonder-Schlussüberschussanteil, die Überschussrente.

Dass ich trotz mehrfacher Lektüre nur Bahnhof verstanden habe, könnte auch an den Schachtelsätzen und den vielen Fachbegriffen liegen. Ich bin kein Versicherungsexperte, ahne aber, dass die kritische Haltung vieler Kollegen nicht völlig aus der Luft gegriffen sein könnte – Filterblase hin oder her.

Zur Person

Christian Kirchner

Der 39-Jährige ist seit April 2014 Redakteur beim Wirtschaftsmagazin „Capital“. Zuvor arbeitete er unter anderem für die „Financial Times Deutschland“ und das „Handelsblatt“ sowie als Kolumnist für „Spiegel Online“. In seinem Blog Menschen.Zahlen.Sensationen widmet er sich dem Thema Geldanlage.

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