MIT ANDEREN AUGEN

Von der Gefahr und dem Risiko, nass zu werden

Was ist los mit der Welt? Eine Krise folgt der nächsten. Die Stabilität des Euro macht Sorgen, der Bürgerkrieg in der Ukraine schürt Ängste, ein Flugzeugabsturz in Südostasien wirft Fragen auf. Vor allem aber verbreiten Terroristen in Paris, Kopenhagen und anderswo in Europa ihren Schrecken. Ist unser Leben deswegen zunehmend bedroht?

Die Antwort lautet schlicht nein! Denn obwohl die Welt ohne Zweifel von vielen Seiten angegriffen wird und die kommenden Herausforderungen gewaltig sind, war das Leben noch nie so sicher wie in der Gegenwart – und zwar weltweit. Die Lebenserwartung bei Geburt ist überall höher als jemals zuvor. Wer 1990 geboren wurde, durfte im weltweiten Durchschnitt mit 66 Lebensjahren rechnen, 2012 waren es 71 Jahre.

Was uns jedoch ängstigt, ist, dass wir heute dank sozialer Medien und eines World Wide Web viel besser und wesentlich schneller als jede Vorgängergeneration Bescheid wissen über die vielen Gefahren, die Leib und Leben, Gesellschaften und die ganze Welt bedrohen. In den Urzeiten der Menschheit waren in der Wahrnehmung der Betroffenen die meisten existenzgefährdenden Herausforderungen von höheren Mächten verursacht und letztlich keine Risiken, die beherrschbar gewesen wären. Erst mit besserem Wissen über naturwissenschaftliche Zusammenhänge werden aus gottgegebenen, unabänderlichen Gefahren menschengemachte Risiken, die sich durch den Einsatz moderner Technik bewältigen oder durch Verhaltensänderungen vermeiden lassen.

Erst die Erfindung des Regenschirms macht aus der Gefahr, nass zu werden, ein Risiko, das vermeidbar ist. Entsprechend hat sich die Menschheit über die Jahrhunderte mit zunehmendem Entwicklungs- und Wissensstand von einer fatalistischen Gefahren- zu einer „Risikogesellschaft“, wie sie der kürzlich verstorbene Soziologe Ulrich Beck bezeichnet hat, gewandelt. Sie verdammt den Menschen der Neuzeit zu immerwährender Angst vor scheinbar ständig neuen und bedrohlicheren Gefahren – nicht, weil die Risiken, sondern weil das Risikobewusstsein und die Sicherheitsansprüche zunehmen.

Dazu kommt: Geschürt durch Medien auf der Suche nach spektakulären Brennpunkten, werden Risiken, die an sich selten eintreten, zur Panikmache missbraucht. Dabei war Deutschland noch nie so friedlich wie heutzutage. Ob Mord und Totschlag, Sexualverbrechen oder Gewalt in Familien, bei den meisten Gewaltverbrechen sind die Häufigkeiten in den letzten Jahren rückläufig.

Offenbar werden vorstellbare Gefahren zu oft völlig falsch eingeschätzt. So fürchten sich die meisten Deutschen vor einer unkontrollierten Inflation, obwohl im Euro-Raum momentan die Preise fallen und eher eine Deflation droht. Was folgt, ist ein verzweifeltes Streben nach vermeintlicher Sicherheit, das – gemessen an der tatsächlichen Bedrohung – manchmal weit über das vernünftige Maß hinausschießt und so die Menschen hemmt, ihr Potenzial auszuschöpfen. Schade eigentlich, denn für die meisten Existenzängste gab es noch nie so wenige berechtigte Gründe wie heute.

ZUR PERSON

Thomas Straubhaar

Der Ökonom ist Professor für internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Hamburg. Bis August 2014 war Thomas Straubhaar Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts.