MIT ANDEREN AUGEN

Macht die Rente enkelfähig

Der Krieg der Generationen fällt aus: Der Jugend von heute kommt es partout nicht in den Sinn, einen Aufstand gegen die Alten anzuzetteln. Auch bei der Rente macht die Solidarität nicht halt: 83 Prozent der Deutschen befürworten die neue Mütterrente, fast ebenso viele die Rente mit 63 – mit nur verschwindend geringen Unterschieden zwischen den Altersgruppen. Wie könnte ich auch meiner Mutter, die alleine zwei Kinder großgezogen hat, ein paar Euro mehr Rente nicht gönnen? Generationen sind untrennbar miteinander verbunden. Niemand wird alt geboren, und ziemlich jeder möchte einmal alt werden. Weil wir Jungen wissen, dass wir selbst einmal zu den Alten zählen werden, behandeln wir sie mit Respekt und Solidarität – in der Hoffnung, später ebenso behandelt zu werden. Und schließlich sind wir den Alten auch viel schuldig: Sie haben uns auf die Welt gebracht, sie helfen uns mit Finanzspritzen und springen als Babysitter für ihre Enkelkinder ein. Diese „intergenerationellen Transfers“, wie sie im Fachjargon heißen, sind weit verbreitet.

Über die Familienbande geht die  Solidarität der Alten zu den Jungen allerdings selten. Die Generation der Alten ist nicht so generös, wie sie auf den ersten Blick scheint. Studien des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung haben eine bemerkenswerte Zunahme des Egoismus von Menschen belegt, die älter als 60 Jahre sind.  Ihre Einstellung zur staatlichen Förderung von Kindern und Familien verändert sich signifikant, die Akzeptanz öffentlicher Zuschüsse nimmt deutlich ab.

Die Macht der Alten schlägt sich bereits in Volksentscheiden nieder. In der Schweiz beispielsweise scheiterte das Referendum zum Familienartikel zur Förderung staatlicher Kinderbetreuung – die Mehrheit der Alten stimmte dagegen. Die Zukunft hängt von der wachsenden Mehrheit der Alten ab: Wie positionieren sie sich im Kampf um Pfründe, Posten und Parkbänke? Gehorchen sie dem Menschenbild des selbstsüchtigen Homo oeconomicus, schielen einzig nach ihrem privaten Glück und verhindern Reformen? Oder schlagen sie sich auf die Seite der Jungen – und zwar nicht nur der eigenen Nachkommen, sondern der gesamten jungen Generation, von der bekanntlich diejenigen am meisten Hilfe brauchen, deren eigene (Groß-)Eltern am wenigsten haben?

Die Jungen werden immer weniger und dennoch müssen sie immer schwerere Lasten schultern – und driften in die politische und kulturelle Bedeutungslosigkeit ab. Deutschland, das ist schon heute ein Land, das Rentenpakete schnürt, aber die Zukunft vergisst. Das bevölkerungsmäßig älteste Land Europas bleibt im Gestern stehen. Schon heute ist jeder dritte Wähler älter als 60. Die kürzlich von der Bundesregierung beschlossene Rente mit 63 und die sogenannte Mütterrente sind nur das Menetekel der nahenden „Omakratie“, in der die Alten das Sagen haben.

Unser Appell muss lauten: Liebe Alte, wir brauchen euch – und zwar mehr als je zuvor. Ihr sitzt an den Hebeln der Macht in Politik, Wirtschaft, Kultur. Ihr stellt die Masse der Wähler und Verbraucher. Ihr seid gesund, habt Geld und Zeit. Ohne euch kann meine Generation es nicht schaffen, das Land enkeltauglich zu machen. Als politische Bündnispartner, soziale Unternehmer oder nachhaltige Verbraucher können Alt und Jung gemeinsam die Solidarität der Generationen neu erfinden. Jüngere sollten vom Generationenvertrag in gleichem Maße profitieren wie Ältere. Die Alten haben die Gesellschaft so gemacht, wie sie heute ist. Daher müssen sie Verantwortung übernehmen – und das Land ein bisschen besser hinterlassen.

Zur Person

Wolfgang Gründinger

Wolfgang Gründinger, geboren 1984, hat sich als „Anwalt der Jugend“ einen Namen gemacht. Der Demokratieforscher und Publizist ist Mitglied im Think Tank 30 (tt30) des Club of Rome und Sprecher der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen.

Wolfgang Gründinger