Warum die Versicherer Datenpools aufbauen

Dahinter steckt Wissen, generiert aus einer immensen und ständig wachsenden Datenmenge. Und die daraus abgeleitete Erkenntnis, dass gut eingestellte Diabetiker keine Risikogruppe mehr sind – beziehungsweise: dass dieses Risiko durchaus versicherbar ist.

Schwachstelle entdeckt? Wer weiß, wo sich das Risiko versteckt, kann entsprechend agieren. Und wenn‘s doch schiefgeht? Dann springt die Versicherung ein.

Der Vorteil der Assekuranz: In der Medizin werden ebenfalls schon lange Daten gesammelt und ausgewertet. Von diesem Informations-Fundus profitieren die Versicherer, wenn sie spezifische Risiken berechnen wollen. Gibt es allerdings keine Datenvorräte, haben die Versicherer nur eine Chance: Sie müssen selbst Datenpools anlegen und mit Informationen füllen. Auch deshalb gibt es in der Kfz-Versicherung immer mehr Telematik-Tarife: um mehr Daten zu sammeln und auszuwerten. Ihr Anreiz: Kunden werden für verantwortungvolles Fahren bei der Prämienhöhe ihrer Kfz-Versicherung belohnt. Um festzustellen, wie verantwortungsvoll der Fahrstil ist, zeichnet etwa bei CosmosDirekt eine App („My Drive“) mittels GPS-Daten Geschwindigkeit, Beschleunigung, Kurven- und Bremsverhalten auf. „Wer vorausschauend fährt, senkt das Unfallrisiko. Es ist nur fair, wenn sich dieses Risikobewusstsein auszahlt“, sagt Monika Sebold-Bender von der CosmosDirekt-Mutter Generali. Der nächste Schritt: den Risikofaktor Fahrer einzugrenzen, etwa indem Autos autonom fahren. „Das hat wesentliche Auswirkungen auf die Kfz-Versicherung“, sagt Allianz-Vorstand Christof Mascher. Und Versicherer sammelten dabei Erfahrungen, wie Algorithmen funktionieren.

Der Algorithmus bestimmt das Risiko

Algorithmen helfen nicht nur bei Kfz-Versicherungen, Risiken immer besser einzuschätzen. Beim „Vitality“-Tarif der Generali-Versicherung etwa fließen Fitnesslevel und -entwicklung sowie gesunde Lebensführung in die Berechnung mit ein. Noch steht man zwar am Anfang. Ein Datenstock muss schließlich erst angesammelt sein, um daraus künftig zuverlässig Rückschlüsse ziehen zu können. Generali betont, dass die Informationen aus dem zusätzlich abschließbaren Vitality-Programm Risikolebens- und Berufsunfähigkeitsversicherungen des Unternehmens ergänzen (siehe auch unser Pro & Contra). „Der Kunde profitiert, weil er gesünder lebt“, sagt Generali-Vorstand Rainer Sommer. „Und wir als Versicherer profitieren, weil wir dem Kunden risikogerechtere Angebote machen können.“

Wir Versicherer profitieren von mehr Daten, weil wir dem Kunden risikogerechtere Angebote machen können

Rainer Sommer, Vorstand Generali Deutschland

Auch für die Gebäudeversicherungen gilt das. So berechnet das „Zonierungssystem für Überschwemmung, Rückstau und Starkregen“ der deutschen Versicherer, kurz: ZÜRS, immer präziser, wie stark ein Haus hochwassergefährdet ist. In Zone 4, die höchste Gefährdungsstufe, werden dank zunehmender Datenqualität nur noch 139.000 von deutschlandweit mehr als 21 Millionen Gebäuden eingeordnet – im Vorjahr waren es 197.000, 30 Prozent mehr. Wer nicht mehr in ZÜRS-Zone 4 geführt wird, merkt das sofort an günstigeren Prämien. „Mehr Daten ermöglichen mehr Menschen leichteren Zugang zu Versicherungsschutz“, sagt GDV-Präsident Alexander Erdland.
Das Wetter schlägt halt immer wieder Kapriolen. Urlauber mögen sich über verregnete Sommer ärgern, Betreiber von Biergärten können sie in Existenznot bringen. Aber sie können sich dagegen versichern – dank der seit 2014 besseren Datenlage. In jenem Jahr nämlich weitete der Deutsche Wetterdienst die Zahl seiner Wetterstationen aus und ermöglichte so eine risikogerechte Wetterversicherung auf Basis objektiver Daten. „Interessierte Kunden bestimmen im Vorfeld eine Wetterstation“, erläutert David Semder, Produktspezialist bei HDI Global. „Wenn im Absicherungszeitraum ein vordefinierter Wert an der Wetterstation über- oder unterschritten wird, erhält der Kunde innerhalb von 14 Tagen eine Auszahlung.“

Stabilität ist eine Schimäre: Wer vorbereitet ist, hat nie das Gefühl, alles falle wie ein Kartenhaus in sich zusammen

Biergärten, aber auch Veranstalter von Festivals nutzen vorrangig Niederschlagsversicherungen. Aber auch zu hohe oder zu niedrige Temperaturen, zu wenig oder zu viel Wind, Wellengang, Sonnenstunden und Nebel können als „vordefiniert“ in den Vertrag aufgenommen werden.
Der sieht dann etwa so aus: Eine Baufirma möchte sich von März bis Mai gegen Frost absichern – als Schlechtwettertag gilt, wenn um 12 Uhr mittags in zwei Meter Höhe weniger als 0 Grad Celsius gemessen wird. Ein Fußballverein möchte ein Turnier gegen Regen versichern – fallen mehr als fünf Millimeter an Niederschlag, greift die Versicherung. Umgekehrt können sich Landwirte gegen zu wenig Regen versichern – und gegen sich daraus ergebende Ernteausfälle.

Der beste Schaden ist der verhinderte Schaden

Auch Gefahren in Produktions- und Lieferketten lassen sich besser absichern. „Was passiert, wenn nach einem Unfall in einem Chemiewerk eine Substanz längere Zeit nicht mehr lieferbar ist?“, fragt Joachim ten Eicken, Vorstand bei HDI Global. Versicherer gehen selbst in die Risikoanalyse und werten alle Daten aus. „Wir treten als Versicherer noch stärker in einen Risikodialog ein und fungieren als sachkundige Berater, wie man die Schadensprävention verbessern kann.“ Das wollen auch die Rückversicherer. Hier spielt Big Data eine „Schlüsselrolle im Innovationsprozess“, sagt Ludger Arnoldussen aus dem Vorstand der Munich Re. Schon heute erfasst der weltgrößte Rückversicherer über ein automatisiertes Monitoring 7000 digitale Nachrichtenkanäle, um Feuerschäden in den USA und Großbritannien schneller und preisgünstig erfassen zu können. Und auf einer Plattform lagern 16 Terabyte an Daten über Naturgefahren, die miteinander kombiniert und ausgewertet werden.

Mehr Daten ermöglichen mehr Menschen leichteren Zugang zu Versicherungsschutz

Alexander Erdland, GDV-Präsident

Allein diese Datenmenge entspricht dem Inhalt von 3,2 Millionen gedruckten Bibeln und zeigt die Dimension der Herausforderung auf. Die besteht nicht zuletzt darin, die Daten aus ihren Silos herauszuholen und sinnvoll zu vernetzen. An der passenden flexiblen Infrastruktur hapert es bei einigen Versicherern noch. Die neue Datenwelt hat also noch viel Raum zum Wachsen – um Risiken besser zu verstehen und in den Griff zu bekommen.
In Oberhof hat es übrigens schon wieder im November geschneit. Ein schlechtes Omen? Die Wetterdaten sagen: kaum Risiko, also keine Bange!

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