Flocken ließen sich durchaus in Oberhof beobachten, allerdings nur im November. In den folgenden Wochen fiel überhaupt kein Schnee in Thüringens Wintersportzentrum. Die Biathlon-Rennen Anfang des Jahres mussten abgesagt werden, es war einfach zu warm. Weg blieben rund 50.000 Besucher, die sich bereits Karten besorgt hatten. Weg fielen auch die Gelder durch die Live-Übertragungen im Fernsehen. Biathlon, dieser Mix aus Skirennen und Schießen, bringt der Region jedes Jahr rund 20 Millionen Euro. Aber eben nur, wenn es schneit.
Die Organisatoren waren vorbereitet, hatten sich versichert gegen fehlenden Schnee, gegen Nebel und allzu stürmische Winde. Die Prämie? Erschwinglich. Versicherer bedienen sich aus den wachsenden Datenpools der Wetterstationen. Das erlaubt es ihnen, einzelne Risiken immer präziser zu berechnen – und fair zu versichern.
Der Datenberg wächst rapide. Gleichzeitig wachsen die Fertigkeiten, die Informationen klug aufzubereiten. Das hilft Versicherern, neue Risiken in den Griff zu bekommen. Es geht weniger darum, sie zu eliminieren – das ist meist unmöglich. Wichtiger ist es, sie berechnen zu können. Denn sobald sich Risiken berechnen lassen, können sich Kunden gegen sie versichern. Je besser sich ein Risiko berechnen lässt, umso fairer fallen die Prämien aus. Und umso mehr Menschen, Dinge, Dienstleistungen oder eben Biathlon-Wettbewerbe können versichert werden.

Was berechenbar ist, ist auch versicherbar

Die Welt ändert sich, und das bedeutet: Es gibt ständig Herausforderungen, die nicht sofort einschätzbar sind: Wird es zu warm für Schnee im Winter? Wo überflutet Starkregen ganze Städte? Ist ein Schutz vor Cyber-Attacken überhaupt möglich? Wie gefährlich ist der HI-Virus heute eigentlich noch?

Zuerst das Stäbchen links, oder ist das zu riskant? Nur wer die Risiken einzuschätzen weiß, kann Fehlentscheidungen vermeiden – und findet die beste Lösung. Das gilt für Versicherer wie für Mikado-Spieler

Was machen Versicherer mit solchen Fragen? Sie suchen nach Antworten, unterstützt von leistungsfähigen Computern. Was eben noch bedrohlich wirkte, wird zumindest: berechenbar. Und versicherbar. HIV-infiziert? Versicherbar. Das Heim steht am Hang oder am Fluss? Versicherbar. Hacker versuchen, sich ins Firmennetzwerk einzuschleichen? Versicherbar. Und zwar zu vernünftigen Konditionen.
Was den Umgang mit Daten angeht, beansprucht die Assekuranz die Poleposition. Sie hat das Auswerten von Daten perfektioniert. Dieses Know-how ist ihre Kernkompetenz, und die spielt sie mithilfe neuer Analysemethoden konsequent aus – zum Nutzen der Kunden. 79 Prozent der Versicherungsmanager weltweit sagen: Neue Datenauswertungsmöglichkeiten stellen das größte Potenzial für bessere Kundenbeziehungen dar – so steht es in der PwC-Studie „Seizing the Future“. Das wird hierzulande genauso gesehen. „Die Versicherungen haben die Herausforderungen verstanden, die das Zeitalter von Big Data mit sich bringt“, sagt Jörg von Fürstenwerth, Vorsitzender der Geschäftsführung des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV).
Es geht um „Data Analytics“, also darum, sogenannte unstrukturierte Daten zu erfassen und aufzubereiten. Ziel ist es, Erkenntnisse aus immens großen Datenmengen und -flüssen zu gewinnen (siehe Kasten „Muster erkennen – und nutzen“) und den Blick nach vorn zu richten. Es wird möglich, Wahrscheinlichkeiten für künftig eintretende Ereignisse besser zu berechnen – ob es sich nun um Raubzüge von Einbrecherbanden handelt oder Folgen eines Erdbebens in China.

Mehr Schutz für mehr Menschen

Oder um die Lebenserwartung von HIV-Infizierten. Denen war es früher unmöglich, eine Risikolebensversicherung abzuschließen. In den 1980ern warnte ein Versicherungsvorstand vor den Infizierten, die „ein nicht kalkulierbares Risiko in unsere Bestände hineintragen“. Dieses Risiko ist heute kalkulierbar, dank besserer medizinischer Therapien und des Wissens darüber. „Mittlerweile ist der Abschluss einer Risikolebensversicherung für viele HIV-Infzierte auch in Deutschland möglich“, sagt Annika Tiedemann, Underwriting Manager beim Rückversicherer Gen Re. „Das liegt vor allem daran, dass wir Daten über den Krankheitsverlauf über Jahrzehnte haben.“
Der Rückversicherer Swiss Re hat diese Daten europaweit ausgewertet. Das Ergebnis: Wird das Virus schnell entdeckt und behandelt, kommen HIV-Infizierte mittlerweile auf eine fast normale Lebenserwartung. Ein 30-Jähriger, der sich im Jahr 2010 mit HIV angesteckt hat, wird durchschnittlich 75 Jahre alt – das ist derselbe Durchschnittswert wie bei Rauchern.

Die Versicherer haben die Herausforderungen durch Big Data verstanden

Jörg Von Fürstenwerth, Vorsitzender der GDV-Geschäftsführung

Offensiv um HIV-Infizierte wirbt allerdings keiner der deutschen Erstversicherer, anders als US-Anbieter: Dort kündigte Prudential zum Welt- Aids-Tag 2015 öffentlichkeitswirksam an, auch Lebensversicherungen für Erkrankte anzubieten. Kurz darauf zog Konkurrent John Hancock nach.
Ähnliche Entwicklungen gibt es bei Krebs oder Diabetes. In Blogs berichten Diabetes-Kranke, dass es ihnen dank hoch entwickelter Systeme zur Risikoprüfung möglich gewesen sei, ohne weitere ärztliche Unterlagen eine Lebensversicherung abzuschließen.

1 2>