Wie einfach geht’s einfacher? Lassen sich Rentenpolicen mit all ihren Eigenarten, wenn nicht auf einem Bierdeckel, dann zumindest auf ein paar DIN-A4-Seiten skizzieren? Der Gesetzgeber versucht es: Er schreibt zum 1. Januar 2017 normierte Produktinformationsblätter vor für alle Produkte der Altersvorsorge, die der Staat durch Steuerersparnisse und Zulagen unterstützt.
Jede Riester- und Rürup-Rente bekommt künftig eine zwei Seiten umfassende neutrale Beschreibung von Leistungen und Kosten sowie Risiko und Renditeaussichten. Schriftart, Linien, Farben, selbst den Platz der Markierungen für die Löcher zum Abheften der Blätter legt das Finanzministerium millimetergenau fest. Das „Designmanual“ füllt 100 Seiten.

Die eigens geschaffene Produktinformationsstelle Altersvorsorge (PIA) stuft dazu in enger Kooperation mit dem Fraunhofer-Institut für Techno- und Wirtschaftsmathematik Musterverträge mit typischen Laufzeiten und -beiträgen in Risikoklassen ein, auf einer Skala von 1 bis 5. „Gerade angesichts der niedrigen Zinsen ist es für Verbraucher unumgänglich, das Preis- Leistungs-Verhältnis der einzelnen Altersvorsorgeprodukte genau zu vergleichen und die darin verborgenen Chancen und Risiken zu verstehen“, sagt PIA-Geschäftsführerin Melissa Ruby. Dazu diene das neue Gesetzes-Blatt.

Lob für die neuen Info-Beipackzettel

Für diese neuen Info-Beipackzettel bekommt der Gesetzgeber Lob – auch aus der Assekuranz. „Mit den überarbeiteten Produktinformationsblättern können Verbraucher die einzelnen Anbieter besser untereinander vergleichen“, sagt Tatjana Höchstödter, Expertin für Vorsorgethemen bei der Ergo Lebensversicherung. Die Branche verspricht sich von besser informierten und abgesicherten Verbrauchern mehr Vertrauen in ihre Produkte – und damit bessere Geschäfte. Die entscheidende Frage lautet also nicht: Ist Transparenz sinnvoll? Sondern: Wie lässt sich Transparenz erhöhen?
Durch immer neue Regeln und Verordnungen, glauben die Gesetzgeber. So verpflichtet das Lebensversicherungsreformgesetz (LVRG) die Anbieter seit 2015, Effektivkosten ihrer Produkte auszuweisen. Ziel: Vergleichbarkeit erhöhen. Das europäische Aufsichtssystem Solvency II, seit 2016 in Kraft, fordert mehr Informationen über die finanzielle Lage der Versicherer ein. Auch das zielt darauf ab, Verbraucher und Investoren besser zu informieren. Eine EU-Verordnung über „Basisinformationsblätter für verpackte Anlageprodukte für Kleinanleger und Versicherungsanlageprodukte“ (PRIIPs, siehe Infografik als PDF) ist ebenfalls bereits verabschiedet. Die dazugehörigen Detailvorgaben stehen ebenso kurz vor ihrer finalen Abstimmung. Vom 1. Januar 2018 an muss dann jedem Finanzprodukt ein sogenanntes KID beiliegen. Es sieht ähnlich aus wie das begleitende Infoschreiben für Riester- und Rürup-Verträge, ist aber etwas anders gestrickt.

Wer auf seinen guten Ruf achtet, sollte sein Angebot glasklar formulieren

Prof. Günther Zimmermann, Sprachwissenschaftler und Berater

2018 wird zudem die Versicherungsvermittler-Richtlinie (IDD) in Deutschland Gesetz – sie wird nicht nur die Regeln für Anlageberater und Makler massiv umkrempeln. Auch die laufenden Informationspflichten für Versicherer und Vermittler werden erweitert. Versicherungsvertriebe müssen etwa ihre Beratungsleistung noch stärker dokumentieren.
Überprüft werden all die neuen Regeln von internationalen Gremien, europäischen Aufsichtsbehörden und der deutschen Versicherungsaufsicht. Auch die hat sich das Thema Transparenz groß auf die Fahnen geschrieben.

Versicherer erhöhen selbst die Transparenz

Zusätzlich zu den rechtlichen Vorschriften haben die Anbieter selbst im Lauf der Jahre mit immer neuen Initiativen und Selbstverpflichtungen ihre eigenen Transparenz-Ansprüche freiwillig erhöht: So hat der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) Empfehlungen für eine verständlichere Formulierung von Versicherungsbedingungen veröffentlicht, die viele Unternehmen inzwischen freiwillig anwenden.
Ob und wie all diese Vorhaben miteinander harmonieren, lässt sich schwer sagen – zumal IDD und PRIIPs noch auf sich warten lassen. Viele Experten bezweifeln, dass eine gesetzlich verordnete Transparenz immer im Verbraucherinteresse ist: Wer wühlt sich schon freiwillig durch stetig wachsende Datenberge, um bestens informiert entscheiden zu können?
Zumal sich die Materie nicht wie ein Thriller liest. Versicherungsdeutsch bleibt für Laien schwer lesbar. „Wer auf seinen guten Ruf achtet, sollte sein Angebot vollständig und möglichst glasklar formulieren“, sagt der Sprachwissenschaftler Günther Zimmermann. Der Professor gilt als renommierter Berater für Verständlichkeit und hat auch den GDV bei der Abfassung von Muster-Versicherungsbedingungen beraten.
Der Berater und frühere Vertriebsvorstand beim Lebensversicherer Zurich Deutscher Herold, Hans-Wilhelm Zeidler, erinnert die Branche daran, dass sie selbst einen der wichtigsten Hebel bewegen kann, um Transparenz zu erhöhen: „Viele Versicherungsprodukte sind schlicht zu komplex“, sagte Zeidler auf einer Vertriebskonferenz in Köln. Wollen Versicherer das Vertrauen der Kunden erhöhen, seien sie selbst aufgefordert, ihre Angebote kundenfreundlicher zu gestalten.

Leichter gefordert als umgesetzt, sagt Stefan Heisig, Leiter Vertriebsdirektion Makler Personen bei der R+V Versicherung: So seien etwa manche Lebensversicherungen mit komplizierten Mechanismen ausgestattet, um die Ziele Kapitalerhalt und Rendite zu erfüllen. Diese Mechanik zu verstehen, solle sich niemand zumuten müssen.
Heisig plädiert für eine Transparenz, die es Kunden erlaubt, Chancen und Risiken eines Produkts sauber abzuwägen. Dafür müsse niemand zwingend alle Details seiner Bauweise verstehen: „Man erzählt Autokäufern auch nicht, wie ein Motor funktioniert“, sagt Heisig. Transparenz ist so gesehen mehr eine Sache der Kundenansprache als der Produktgestaltung.
Das gilt auch für das so oft kritisierte Kleingedruckte – also Versicherungsbedingungen, die aus guten Gründen mit gewissen Ausschlüssen und Einschränkungen versehen sind.
Es gehe den Versicherern nicht darum, sich durch detaillierte Risikoein- und -ausschlüsse irgendwelche juristischen Hintertüren offenzuhalten, sagt Manfred Wandt, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Versicherungsrecht an der Universität Frankfurt: „Die Feinabstufung hat vielmehr den Zweck, die typischen Bedürfnisse der Versicherungsnehmer zu möglichst adäquater Prämie zu befriedigen.“ Auch wenn das mitunter zu längeren und komplexeren Verträgen führt. „Der Gesetzgeber und die Rechtsprechung müssen die Kosten und die Effekte auf das Versichertenkollektiv stets mitbedenken, wenn überlegt wird, ob die Transparenz für alle Versicherten oder für eine bestimmte Gruppe erhöht werden soll.“ Anders gesagt: Staatlich vorgegebene Einheitsprodukte, wie sie manche Politiker und Verbraucherschützer fordern, wären vielleicht überaus transparent, aber vermutlich nicht sonderlich effizient – und damit nicht im Kundeninteresse.

Einheitspolicen halten nicht, was sie versprechen

Das Gedankenspiel mit den Einheitspolicen ist spannend, da sich hinter der Forderung nach mehr Transparenz oft die Hoffnung verbirgt, damit Kosten für die Kunden senken zu können. Ein sauberer Effektivkostenvergleich etwa müsste teure Versicherungen schonungslos entlarven, oder?
Das Lebensversicherungs-Reformgesetz hatte erstmals vorgeschrieben, Kunden Effektivkosten für die Verträge auszuweisen. Mehr Transparenz bedeutet jedoch nicht immer mehr Übersicht. Je mehr Vergleichsdaten der Kunde erhält, desto verwirrender kann es werden. Hinzu kommt: Von Nutzen ist der neue Durchblick erst, wenn ein Kunde verschiedene Angebote, abgestimmt auf seinen individuellen Bedarf, einholt.
Um wirksam zu werden, braucht es für die Transparenz deshalb vor allem eines: einfache Zugänglichkeit, die Kunden auch Lust macht, sich umfassend zu informieren.