Wie ein Flickenteppich sah Deutschland im 18. Jahrhundert aus: Zwei Städtchen weiter begannen neue Hoheitsgebiete, mit unterschiedlichen Dialekten, eigenen Gesetzen und Grenzkontrollen, die Reisende aufhielten. Die Route vom Kurfürstentum Hannover nach Frankfurt am Main: eine Odyssee mit vielen Hindernissen.
Versicherungsmakler fühlen sich bis heute allzu oft wie Reisende im 18. Jahrhundert, wenn sie mit Versicherern kommunizieren: überall Schranken, eigene Gesetze und befremdliche Dialekte. „Diese Hindernisse wollen wir zum Vorteil der Vermittler, aber auch der Kunden beseitigen“, sagt Christian-Hendrik Noelle, Geschäftsführer Digitale Agenda, IT und Services beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Nach monatelanger Entwicklungsarbeit startet im Oktober eine neue Ära, die Maklerkommunikation 4.0.
Dieses GDV-Projekt soll Versicherer, Makler und Softwarehersteller sicher, effizient und standardisiert vernetzen. So können Versicherungsmakler bald die Bestandsdaten ihrer Kunden digital in Echtzeit aktualisieren. Der Datenaustausch mit den Versicherern funktioniert dann so weit wie möglich automatisiert und nicht mehr händisch. Und schon gar nicht auf Papier, was bei einigen Anbietern durchaus noch üblich ist.

Die Hürdenparcours der Versicherer

Will ein Versicherungsmakler etwa für seinen Kunden überprüfen, ob die neue Adresse in seine Hausratversicherung übernommen worden ist, muss er sich in das Extranet des Versicherers einloggen. Für die Haftpflichtversicherung bei einem anderen Versicherer muss sich der Makler im nächsten Portal identifizieren. Und suchen. Denn weil es derzeit keine branchenweiten Standards gibt, unterscheiden sich Zugangswege, Menüführung und Design. Und was der eine Versicherer bereits digital anbietet, liefert ein anderer noch in Papierform. Weil Makler mit bis zu 100 Versicherern zusammenarbeiten, können sie sich angesichts der Vielfalt schnell verheddern.

Ab Oktober wird es einfacher. Das Brancheninstitut für Prozessoptimierung, kurz BiPro, hat Normen für verschiedene Datensätze entwickelt, mit denen Vertragsdaten, schaden- und leistungsbezogene Dokumente, Angebote, Tarifierungen und Vermittlerabrechnungen übermittelt werden. Diese Standards sind zwar nicht verbindlich, verbreiten sich aber und sind auf dem Weg, die elektronischen Kommunikationsprozesse in der Assekuranz zu vereinheitlichen – als gemeinsame Sprache für Makler und Versicherer. Auf sie greift auch die Maklerkommunikation 4.0 zurück und verbindet sie mit den Vorteilen der Trusted German Insurance Cloud (TGIC).

Endlich weg mit all dem Papier

Die einheitliche Sprache sieht Stefan Hammersen, Geschäftsführer der Finas Versicherungsmakler GmbH, als Voraussetzung dafür, damit Makler als Kundenberater agieren und nicht überwiegend als Verwalter. „Es ist unmöglich, all die Kundenakten und Kommunikationsvorgänge noch mit Papierdokumenten zu erledigen“, sagt Hammersen. Auf seinem Schreibtisch verteilen sich übersichtlich ein Telefon, Bildschirm, Tatstatur und Maus. „Wir leben hier bereits das papierlose Büro“, sagt Hammersen und lächelt. Finas betreut 200 weitere Versicherungsmakler und somit mehr als 72.000 Kunden, und das komplett elektronisch.
Hammersen ist gespannt, wie die Maklerkommunikation 4.0 die Digitalisierung vorantreiben wird, „denn ich kenne Makler, die arbeiten immer noch mit Kundenakten komplett in Papierform“. Auf elektronische Kommunikation umzusteigen ist zeitintensiv, und diese Zeit haben die Makler sinnvoller genutzt. Denn Umsteiger wussten bislang von vornherein: Jeder Versicherer spielte sein eigenes Spiel.
Viele Makler warten daher seit Langem auf eine branchenweite Initiative. „Durch die Standardisierung und Automatisierung von Verwaltungsprozessen gewinnen Makler mehr Zeit für ihre Kernaufgabe – die Beratung der Kunden“, sagt Andreas Vollmer, Vizepräsident des Bundesverbands der Versicherungskaufleute (BVK). Das Projekt leiste einen wichtigen Beitrag, die Zusammenarbeit zwischen Maklern und Versicherern in das digitale Zeitalter zu überführen.
„Entscheidend für den Erfolg ist, dass möglichst alle Beteiligten teilnehmen“, sagt Hans-Georg Jenssen, Vorstand des Verbands Deutscher Versicherungsmakler. Die Basis dafür ist gelegt: Aufseiten der Versicherer wird das Projekt bereits von 15 Gesellschaften unterstützt. Tendenz steigend, sagt GDV-Geschäftsführer Noelle. „Wir haben den Anspruch, dass sich Makler künftig mit einem Großteil ihrer Partner sicher, einfach und vernetzt austauschen können.“ Im ersten Schritt wird der Abruf von Bestandsdaten und sogenannten Deep-Links in die Maklerportale integriert, später sollen Dienstleistungen wie die Übersendung von Schadendaten folgen.

Die Grenzkontrollen fallen weg

Gerade bei den sensiblen Angaben aus Verträgen und Schadenbeschreibungen ist es wichtig, dass diese Datensätze nicht ungeschützt versendet werden. Daher setzt die Maklerkommunikation 4.0 auf die bundesweit erste sicherheitszertifizierte Cloud-Lösung, um Makler und Versicherer zu identifizieren: die Trusted German Insurance Cloud. Sie löst die ständigen Grenzkontrollen beim Wechsel zwischen den verschiedenen Extranets ab, identifiziert die Nutzer und bestätigt dem Versicherer, dass der anfragende Makler wirklich der ist, der er vorgibt, zu sein.
Die weit verbreitete TGIC unterscheidet die Maklerkommunikation 4.0 von anderen Initiativen, die sich der digitalisierten Kommunikation zwischen Makler und Versicherer verschrieben haben. Schon jetzt sind 18.000 Makler in der TGIC registriert, da über die Cloud auch die Weiterbildungsinitiative „gut beraten“ läuft.
Daten der Kunden werden in der Cloud nicht gespeichert. Die verschlüsselten Daten werden direkt vom Makler an den Versicherer gesendet. Aus dem TGIC erhält die Makler-Software lediglich einen Token, der dem Versicherer die Identität bestätigt. So wird der übertragene Datensatz abgesichert und mit einem sicheren Verschlüsselungsprotokoll über das Internet zum Empfänger übertragen. Die Benutzer haben die Gewissheit, dass Daten immer nur beim gewünschten Empfänger landen, Fremdzugriff ausgeschlossen.

Einmal anmelden, immer drinbleiben

Die Kundenverwaltungsprogramme der Makler werden eine größere Rolle spielen. Makler sollen sich künftig nicht mehr manuell gegenüber dem Versicherer authentifizieren müssen. Das erledigt in Zukunft die Software automatisch mithilfe von Sicherheitszertifikaten. Auch der Datenaustausch läuft automatisiert im Hintergrund. Zudem ermöglicht die Authentifizierung dem Makler den Wechsel von einem Unternehmens-Extranet ins andere, ohne sich erneut einloggen oder auszuweisen müssen. Wer drin ist, bleibt auch drin.
Die ständigen Grenzkontrollen gehören bald der Vergangenheit an. Die Maklerkommunikation 4.0 sorgt für Reisefreiheit in der Versicherungswelt.