Hans meint, er sei fein raus. Zu alt, um Englisch zu lernen? Am Computer arbeiten? Dafür ist’s erst recht zu spät. Solche Vorschläge kontert er immer mit dem Spruch: „Was Hänschen nicht lernt …“
Wie’s weitergeht, weiß jeder: „… lernt Hans nimmermehr“. Sorry, Hans, eines musst du jetzt doch lernen: Dieses Sprichwort ist Blödsinn. „Die Lernfähigkeit lässt im Alter nicht nach“, sagt Christian Stamov Roßnagel von der Bremer Jacobs University. Es schwindet höchstens die Überzeugung, als erwachsener Mensch weiterhin lernen zu können.
Hans steht sich selbst im Weg. „Es ist eher die Selbsteinschätzung, die ältere Mitarbeiter hemmt“, hat Stamov Roßnagel beobachtet. „So kommt eine sich selbst stabilisierende Wahrnehmung zustande.“ Der Organisationspsychologe veranschaulicht das Phänomen an einem Beispiel: „Wenn ein Mann um die 70 am Fahrkartenautomaten steht und nicht zurechtkommt, zweifelt man gleich an seinen kognitiven Fähigkeiten: Der ist wegen seines Alters überfordert. Wenn aber ein 30-Jähriger dort Probleme hat, denkt jeder: Die Dinger sind einfach nicht benutzerfreundlich.“

Wo gelernt wird: Wer lernen will, muss sich schon bald nicht mehr in überquellende Vorlesungssäle quetschen: Das Wissen ist überall abrufbar – und von jedem

Die Unterschiede zwischen Hänschen und Hans werden erst erkennbar, wenn es darum geht, was und wie gelernt wird. „Während sich das Tempo verringert und die reine Aufnahme neuer Informationen schwerer fällt, nimmt die Effektivität zu. Ältere wählen aus, was sie lernen möchten und was nicht“, sagt Regina Egetenmeyer, Professorin für Erwachsenenbildung an der Universität Würzburg. „Sie knüpfen an ihre Lebenserfahrung und an ihr Vorwissen an.“
Das dürfte vor allem die deutschen Unternehmen freuen. Die haben Fortbildungen früher vor allem jüngeren Mitarbeitern spendiert. Warum in einen 55-Jährigen investieren, der übernächstes Jahr in Frührente geht? Und der sowieso nur dasitzt wie der Ochs vorm Berg?
Die Frührente hat sich ebenso erledigt wie der Ochse. Die Jacobs University bewies das mit einem Praxistest: Organisationspsychologen zeigten einer Gruppe von 50- bis 60-Jährigen in „Lernexperimenten“, dass sie genauso gut lernen wie ihre 30-jährigen Kollegen. „Und siehe da“, sagt Christian Stamov Roßnagel, „einige Monate später schnitten sie bei Lerntests genauso gut ab wie die jüngeren Kollegen und brauchten 20 Prozent weniger Lernzeit.“

Jeder Zweite bildet sich fort

Es lässt sich darüber streiten, wie weit diese Erkenntnis in den Unternehmen verinnerlicht worden ist. „Nur neun Prozent beziehen Ältere ausdrücklich in die betrieblichen Weiterbildungsmaßnahmen ein, und nur ein Prozent bietet spezielle Weiterbildungsmaßnahmen für Ältere an“, steht im Fortschrittsreport des Bundesarbeitsministeriums. Nur zwei Seiten weiter folgt allerdings eine optimistisch stimmende Information: Während sich 1979 nur elf Prozent der 50- bis 64-Jährigen im Betrieb fortbildeten, sind es heute mehr als 40 Prozent, also bald jeder Zweite. Das lässt sich übersetzen in: Weiterbildung ja, Extrawurst nein.

Wann gelernt wird: Wer sich weiterbilden will, kann das tun, wenn es zeitlich passt – und wo es passt

Die hätte Berndt Otte auch nicht gewollt. Im Alter von 50 Jahren schrieb sich der damalige Ausbildungsleiter der Berliner Wasserbetriebe bei der DUW ein, der Deutschen Universität für Weiterbildung. Im Masterstudium Bildungs- und Kompetenzmanagement wollte er dazulernen, sich professionalisieren und nebenbei seine Kontakte zu anderen Personalern erweitern. „Ich brauchte einen beruflichen Wendepunkt“, sagt der heute 56-Jährige. Ihn bewegte „der Wunsch, einen Schnitt zu machen, das Vergangene zu reflektieren und sich noch einmal zu verändern“. Immerhin hatte er ja noch 16 Jahre Berufsleben vor sich, heute allerdings als strategischer Fachexperte im Bereich Personalentwicklung der Berliner Wasserbetriebe.
Veränderung, zumindest Abwechslung im Job bräuchten Mitarbeiter jeden Alters, sagt die Alternsforscherin Ursula Staudinger, Gründungsdirektorin des Columbia Aging Centers der Columbia University in New York. „Je höher die Komplexität der Arbeit ist, desto geistig gesünder kommt man im Alter an“, sagt sie. „Leider ist nicht jeder Job komplex.“
Das allerdings kann durch Abwechslung ausgeglichen werden, hat eine Langzeitstudie ergeben. „Arbeiter, die auf der gleichen Ebene der Hierarchie öfter die Tätigkeit wechselten, waren später geistig leistungsfähiger“, sagt Expertin Staudinger. Neurobiologen wie etwa Gerald Hüther überrascht das nicht. „Das Gehirn kann seine Vernetzungen ein Leben lang verändern.“ Hirnforscher wie er sprechen von Neuroplastizität: Bei Bedarf entwickeln sich neue Verschaltungen und Synapsen. „Alles hängt davon ab, ob man sich im Alter noch einmal für etwas begeistern kann.“

Warum gelernt wird: Die Anforderungen im Arbeitsleben ändern sich schneller als je zuvor. Das heißt: Alle müssen dazulernen – unabhängig vom Alter

Der Experte erklärt das so: Die emotionalen Zentren im Mittelhirn besitzen lange Fortsätze, die in alle anderen Hirnregionen hineinreichen. Im Zustand der Begeisterung und Freude werden diese Zentren stark angeregt und am Ende der langen Fortsätze neuroplastische Botenstoffe ausgeschüttet. „Die wirken wie Dünger und bringen die dahinterliegenden Nervenzellen mitsamt ihren Netzwerken dazu, all das, was im Zustand der Begeisterung besonders aktiviert ist, zu festigen und zu stärken“, sagt Hüther. „So werden im Hirn neue Kontakte geschmiedet und bestehende ausgebaut.“ Anders ausgedrückt: wieder was gelernt! Weil es Freude gemacht hat. Sonst wäre kaum etwas hängen geblieben.
Das macht nicht nur Spaß, es schützt auch vor Alzheimer. Diverse Studien legen nahe, dass das Risiko einer Erkrankung für geistig rege Menschen deutlich geringer ausfällt. „Geistig rege“ heißt: offen und neugierig bleiben.
Das hört ja im Ruhestand nicht auf, vielmehr eröffnen sich neue Optionen – weil das „Keine Zeit“-Argument nicht mehr gilt. Was also tun? Endlich Spanisch, Tangotanzen oder Saxofon lernen? Ab in die Volkshochschule oder in die Universität (VERLINKUNG)!

Doktortitel mit 73 Jahren

Gasthörer, das war Sabine Omland zu wenig. Sie wollte selbst wissenschaftlich arbeiten und damit die Welt vielleicht um ein, zwei Erkenntnisschritte voranbringen. Deshalb beschäftigte sich die frühere Lehrerin intensiv mit der nationalsozialistischen Schülerzeitschrift „Hilf mit!“ und analysierte, wie sie während der Zeit des Dritten Reichs als Unterrichts- und Propaganda-Instrument genutzt wurde. Daraus wurde ihre Doktorarbeit, 700 Seiten dick. Mit 73 Jahren wurde die Münsterländerin promoviert, heute ist sie Dr. Sabine Omland.

„Das Thema ist wichtig, aber hätte mir jemand vorher gesagt, wie lange das dauern würde, hätte ich es vielleicht nicht gemacht“, sagt Omland rückblickend, dabei lässt das Thema sie bis heute nicht los. Auf Anfrage hält sie auch Vorträge, und sie teilt ihre Erkenntnisse bei Führungen über den Jüdischen Friedhof und durch die frühere Synagoge von Drensteinfurt, ihrer Heimatstadt.
Auch das ist typisch: Wer geistig aktiv bleibt, tritt gern vor die Haustür und engagiert sich. „Wir lernen ja schon beim Austausch mit den Nachbarn“, sagt Bildungsexpertin Egetenmeyer. „Lernen kann nicht abgeschaltet werden – egal in welchem Alter.“
Gewöhn dich dran, Hans.