Die Uhr im Büro von James W. Vaupel tickt rückwärts. Ein farbig markiertes Viertel steht symbolisch für die Zeit, die uns jede Stunde geschenkt wird. Die Lebenserwartung steigt immer weiter, wir werden immer später alt. Das führt uns der 68-Jährige selber lebhaft vor Augen. Für den Direktor vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock und vom Max-Planck Odense Center on the Biodemography of Aging in Odense/Dänemark ist seine Arbeit Lebenselixier. An Ruhestand denkt er noch lange nicht.

Lebe zwölf Monate und du bekommst drei dazu – die Lebenserwartung steigt kontinuierlich. Gibt es eine biologische Obergrenze?
Ein Limit ist derzeit nicht bekannt. Vielleicht werden wir einmal 200 Jahre alt.

Woran liegt es, dass wir langsamer altern?
Wir altern nicht langsamer, sondern der Alterungsprozess setzt später ein. Ein 70-Jähriger fühlt sich heute wie ein 60-Jähriger vor 50 Jahren. In jeder Phase des Lebens sind die Menschen heute im Durchschnitt physisch und mental gesünder. Das liegt vor allem an der Verbesserung der Lebensbedingungen: Wir ernähren uns ausgewogener, treiben mehr Sport, rauchen weniger, haben eine isolierte Wohnung und warme Kleidung, eine bessere medizinische Versorgung und eine höhere Bildung. Wir leben gesünder.

Riesenschildkröten können über 180 Jahre alt werden, Mammutbäume mehr als 3.000. Was können wir von anderen Lebewesen über das Altern lernen?
Wir beobachten seit einigen Jahren Süßwasserpolypen, die die faszinierende Eigenschaft haben, in wenigen Tagen alle ihre Zellen komplett zu erneuern. Das Leben dieser Hydra ist unter optimalen Umweltbedingungen womöglich unbegrenzt. Auch unser Körper kann viele Schäden zum Großteil selbst reparieren. Wenn wir uns etwa ein Bein brechen, heilen die Knochen wieder, wenn wir Strahlung ausgesetzt sind, können unsere Zellen Veränderungen der DNA-Struktur beseitigen. Doch nicht alles wird repariert. Kleine Schäden bleiben zurück, die sich akkumulieren. Vielleicht können wir von der Hydra lernen, wie wir uns vollständig reparieren.

WER LÄNGER ARBEITET,
BLEIBT LÄNGER GESUND.
James W. Vaupel

Polypen sind sehr einfache Organismen. Ist diese Vision denn wirklich realistisch?
Ja. Die Evolution wird Schritt für Schritt dafür sorgen, dass sich das Reparatursystem des Menschen verbessert.

Was stimmt Sie da so optimistisch?
Für die Evolution ist nur relevant, Überleben und Reproduktion zu sichern. Hierfür muss der Körper die beschränkten Ressourcen bestmöglich managen. Der Mensch wurde so gebaut, dass er viel Energie in die Reproduktion stecken kann – schließlich hatten wir früher ein Dutzend Kinder. In das Reparatursystem hat die Evolution vergleichsweise geringer investiert. Heute haben die Menschen in Industrienationen weniger Nachwuchs und genug zu essen. Wenn wir unserem Körper sagen könnten: „Die Fortpflanzung ist gesichert, stecke das, was du an Extra-Nahrung erhältst, nicht in den Fettspeicher, sondern ins Reparatursystem“, könnten wir eines Tages Schäden komplett ausbessern.

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