Der Weg in die demografische Zukunft führt über eine kurvige Straße, vorbei an Wiesen und Hainen. Auf einem Hügel am Rande des Städtchens Gengenbach liegt das Anwesen, das Jürgen Quadbeck gemeinsam mit seiner Frau hier vor 20 Jahren eröffnet hat, um pflegebedürftigen Menschen ein Altern in Würde zu ermöglichen – und dabei neue Wege zu gehen.
Durch eine großzügige Tür betritt der Besucher die Seniorenresidenz Kinzigtal, Quadbeck empfängt im gelben Pullover und mit gewinnendem Lächeln. Im Eingangsbereich sitzen grauhaarige Männer und Frauen und reden über alte Zeiten, draußen gibt es einen kleinen Park mit Rundweg, Weinberg – und Kinderspielplatz. „Damit die kleinen Enkel ihre Großeltern gern besuchen“, sagt der Pflegemanager. Knapp 100 Senioren werden hier betreut – auf Dauer oder in der Tagespflege.

Heim im Grünen: Die Seniorenresidenz Kinzigtal am Rande des Schwarzwalds setzt digitale Technik schon heute im Pflegealltag ein. Foto: Oliver Kröning

Als Elektroingenieur hat Quadbeck in der Medizintechnik gearbeitet, später Kliniken und Heime geleitet. Als die Immobilie in Gengenbach zum Verkauf stand, wurde er zum Unternehmer. Für digitale Technik hat sich der 69-Jährige schon immer interessiert. Eine Leidenschaft, die er mit seinem Sohn Rafael, 22, teilt, der Informatik studiert und im Kinzigtal für die IT zuständig ist.

Mehr als ein digitaler Showroom

Auf den ersten Blick sieht die Wohnung, deren Tür Quadbeck jetzt öffnet, ganz normal aus: Einbauküche, Schlafzimmer, TV-Ecke. Um einen großen Tisch sitzen zehn Senioren und spielen Bingo. Nichts deutet darauf hin, dass sich seit Monaten Pflegedienste, Verbände und Politiker hier die Klinke in die Hand geben, um sich über die digitale Zukunft der Pflege zu informieren. Doch diese Musterwohnung ist mehr als ein Showroom, der demonstriert, was theoretisch möglich ist. Sie ist ein lebendiges Labor, Teil der stationären Tagespflege der Residenz, in der sich digitale Hilfsmittel im Pflegealltag bewähren müssen.

Ein Bettvorleger kann Leben retten und Kosten sparen

Die moderne Technik entdeckt man erst, als Quadbeck der Tür zum Nebenzimmer einen Schubs gibt. Schon schwenkt sie automatisch auf. Im Schlafzimmer liegt eine cremefarbene PVC-Matte vor dem Bett. „Sie ist mit Sensoren ausgestattet“, erklärt Quadbeck. Tritt jemand darauf, funkt sie Signale an eine Empfangsstation, die die Lampen auf dem Weg zum Bad einschaltet.
Dabei können die Sensoren unterscheiden, ob der Bewohner normal aufsteht oder etwa aus dem Bett fällt: Trifft der ganze Körper auf der Matte auf, geht nicht nur das Licht an, zusätzlich erhält das Pflegepersonal einen Alarmruf aufs Handy. Das erhöht nicht nur die Sicherheit, weil Hilfe schneller vor Ort ist, es senkt auch die Kosten: Der smarte Bettvorleger ist mit rund 300 Euro deutlich günstiger als Bewegungsmelder, Videokameras oder Lichtschranken, deren Installation zudem viel aufwendiger ist.

Quadbeck setzt in seiner Seniorenresidenz ganz bewusst auf möglichst einfache Lösungen. „Technik muss bezahlbar bleiben“, findet er. Das gilt auch für die Dusche mit Schutz gegen Verbrühen, die Waage mit Gewichtsansage, den berührungslosen Seifenspender sowie ferngesteuerte Rollläden und Haustüren, die sich per Fingerabdruck öffnen lassen.
Doch während Einzelhandel, Banken und selbst Handwerksberufe den Trend zu digitalen Assistenzsystemen energisch vorantreiben, werden sie in der Altenbetreuung und in Pflegeheimen bisher kaum eingesetzt – trotz der offensichtlichen Vorteile. Experten schätzen, dass zwei von drei Senioreneinrichtungen nicht einmal über ein WLAN-Netz verfügen. „Der Bereich hinkt hinterher“, sagt Johannes Strotbek von der Weißen Liste, einer Ausgründung der Bertelsmann-Stiftung, die sich mit Gesundheitsversorgung befasst. Er erklärt das mit den Strukturen im Pflegebereich: Viele Betriebe würden von Einzelunternehmern gemanagt und hätten nur wenige Mitarbeiter. Da bleibe keine Zeit, um über Digitalisierung nachzudenken.

Immer mehr Pflegebedürftige, immer weniger Beitragszahler

Ein bedenklicher Zustand, denn die Zahl der Pflegebedürftigen steigt rasant. Im Jahr 2015 lag sie bundesweit bei 2,9 Millionen, 2030 werden es etwa 3,5 Millionen sein. Bis 2060 wird noch einmal eine Million hinzukommen. Jeder Deutsche lebt heute im Durchschnitt sieben Jahre länger, als er selbst annimmt. Das Risiko, selbst eines Tages pflegebedürftig zu werden, wird dadurch systematisch unterschätzt – und infolgedessen zu wenig vorgesorgt. Dass gleichzeitig die Zahl der Beitragszahler in den gesetzlichen Pflegekassen sinkt, verschärft das Problem zusätzlich.
Hinzu kommt die wachsende Personalnot bei Pflegekräften. Digitale Hilfsmittel könnten für Entlastung sorgen – etwa ein Sessel mit elektronischer Aufstehhilfe. Erhebe sich der Benutzer, presse sich das Polster von unten gegen sein Gesäß, erläutert Quadbeck. So kann der alternde Mensch ohne fremde Hilfe aufstehen und muss nicht nach dem Pfleger klingeln. Oft sind es solche Kleinigkeiten, die ein selbstbestimmtes Leben im Alter ermöglichen. Auch psychologischen Problemen wie der Angst vor Kriminellen kann man mit digitaler Technik vorbeugen. So können viele alte Menschen durch einen herkömmlichen Türspion kaum noch etwas erkennen.

Gesellschaft: In der Tagespflege werden zehn Gäste in einer Kleingruppe betreut. Das beugt Vereinsamung im Alter vor. Foto: Oliver Kröning

Quadbeck empfiehlt deshalb eine elektronische Alternative: Eine Kamera zeichnet auf, was draußen vor der Tür passiert. Auf einem großen Display im Flur kann der Bewohner problemlos sehen, wer ihn gerade besuchen kommt.
Digitale Technik gibt alten Menschen zudem einen Anreiz, sich zu bewegen. Hier in Gengenbach können die Senioren vom Sessel aus Bowling spielen – mithilfe einer Konsole. Mit dem Controller in der Hand versucht einer der älteren Herren, die Kugel auf dem Bildschirm ins Ziel zu lenken. Der Bewegungsablauf und die vielen Knöpfe sind jedoch zu viel für ihn. „So ein Mist“, lacht er und lässt die Hand sinken.

Die gesetzlichen Kassen sind noch in der Orientierungsphase
„Die ältere Generation ist mit der Digitalisierung wenig vertraut, erklärt Wolfgang Gründinger vom Bundesverband Digitale Wirtschaft. Das ändere sich jedoch rasch. Heute haben bereits mehr als 50 Prozent der über 60-Jährigen das Internet für sich entdeckt. Und mit jeder Altersgruppe, die in den Ruhestand geht, steigt der Anteil.
Dass alte Menschen oft zögern, digitale Hilfen zu nutzen, hat nicht nur mit fehlender Akzeptanz zu tun, sondern auch mit der Frage, wer am Ende dafür zahlt. „Die meisten gesetzlichen Pflegekassen befinden sich in einer frühen Orientierungsphase bei der Digitalisierung“, sagt Gründinger. Die Hilfsmittelverzeichnisse seien nicht eindeutig. Das liege auch daran, dass digitale Assistenzsysteme nicht nur von Hilfsbedürftigen genutzt werden könnten. So können Sprachsteuerungen wie Alexa für Senioren sehr sinnvoll sein. Aber soll die Versicherung dafür zahlen, wenn auch die Enkelin damit ihr Geschichtsreferat zusammenrecherchiert?

Hier kann eine zusätzliche private Absicherung hilfreich sein. „Wenn wir heute über Verbesserungen in der Pflege sprechen, sollten wir auch die Digitalisierung in unsere Überlegungen einbeziehen“, sagt Andreas Besche, Geschäftsführer Pflege beim Verband der Privaten Krankenversicherung. In der Seniorenresidenz Kinzigtal hat man das längst verstanden. Quadbeck führt durch den stationären Pflegebereich. An jedem Bett steht ein Nottelefon, jeder Anruf wird automatisch auf das Handy der zuständigen Pflegekraft geleitet – egal, wo sie gerade ist. Auch die Dienstpläne werden elektronisch erstellt. Und wo früher jede verabreichte Tablette einzeln dokumentiert wurde, gibt es heute für jeden Bewohner ein digitales Profil. Eingetragen werden nur noch Abweichungen von der üblichen Medikation, etwa im Krankheitsfall. „Die Zeitersparnis ist enorm“, sagt Quadbeck. Und die so gewonnenen Stunden werden sinnvoll eingesetzt: in Form von mehr Zeit für die alten Menschen.