In den Lärm der Baumaschinen schneidet das Klingeln des Telefons. Martin Hurm geht ran. Der Baustellenleiter diskutiert mit einem Kollegen über die Arbeiten. „Wir müssen zusehen, dass wir beim Betonieren heute im Plan bleiben“, sagt Hurm. Es gibt Pläne. Und es gibt eben die Unwägbarkeiten der Natur. Die sind hier besonders groß, denn die Baustelle erstreckt sich über drei Klimazonen. Während im Tal die Arbeiten bei schönstem Wetter vorangehen, kann ein Wettersturz am Gipfel alles lahmlegen. Mitten im Hochsommer wurde an mehreren Tagen in Folge die Baustelle zugeschneit. „Es hilft ja nichts, dann müssen wir halt schaufeln“, sagt Hurm. „Aber wenn die nächste Wetterfront wieder einen halben Meter Schnee hinhaut, geht das schon an die Substanz.“ Hier oben zählt Organisationstalent genauso viel wie Schwindelfreiheit. Hurm hat Nerven wie Drahtseile. Die braucht er auch.

2015 errichteten Spezialisten mithilfe eines Helikopters einen Baukran auf dem Gipfel. Seither dringen in den Luftraum der Bergdohlen weitere ungewöhnliche Objekte ein. Die Materialseilbahn brachte einen Bagger, nun schweben vor dem Fenster hinter Hurm die Stahlträger am Kranseil. Der wirft einen Blick hinter sich und sagt: „Die Bauarbeiten sind voll im Plan.“

Drei Kilometer schwebt die Gondel über dem Nichts

Dieser Plan war ambitioniert, denn die neue Seilbahn zur Zugspitze stellt gleich drei Weltrekorde auf: In nur einem Streckenabschnitt befördert sie Passagiere über einen Höhenunterschied von 1945 Metern. Dafür wichen die zwei Stützen der alten Eibsee­-Seilbahn und machten Platz für eine neue Stütze, die 127 Meter in die Höhe ragt und die Nordflanke prägt wie ein Wolkenkratzer ein Stadtbild. Mit dieser Konstruktion verlängert sich auch das Spannfeld – die Strecke, in der das Seil frei schwebt – auf 3213 Meter.
Im April ließ Baustellenleiter Hurm die Eibsee­-Seilbahn abmontieren. Vor einer Woche haben seine Mitarbeiter das Seil der alten Bahn an der Talstation mithilfe eines Kegelvergusskopfs mit dem neuen verbunden. Jetzt ziehen sie die beiden Seile mit einer Linearseilzugmaschine nach oben. „Da sind solche Kräfte am Werk, dass wir die Seile nur zwei Meter pro Minute hoch bekommen“, erklärt Seilbahn-­Experte Hurm. „Wenn wir sie oben haben, ist das ein Meilenstein.“

Das erste kommerzielle Hochseekraftwerk steht 89 Kilometer nordwestlich von Borkum. 80 Windräder stehen im rund 40 Meter tiefen Wasser und produzieren jährlich etwa 1,6 Milliarden Kilowattstunden Strom. Das reicht aus, um rund 400.000 Mehrpersonenhaushalte zu versorgen. Foto: Paul Langrock/Zenit/laif

Die Zeit drängt. Für den 21. Dezember ist die Eröffnung der Bahn geplant. Die neuen Gondeln werden bis zum Boden mit beheizbaren Scheiben verglast sein. Sie bieten Platz für 120 Leute, statt für 44 wie zuvor, und können pro Stunde 580 Passagiere zum Gipfel befördern – mehr als doppelt so viele wie die alte Bahn. Das sollte den Stau an der Talstation deutlich verringern, wenn an schönen Tagen wieder bis zu 3500 Leute auf die Zugspitze drängen.
Die Kosten für den Neubau betragen 50 Millionen Euro. Die Kosten für Montage­, Bauleistungs­ und Betriebsunterbrechungsversicherungen sind schwieriger zu berechnen. Mit Unterstützung der Düsseldorfer Rückversicherungspool­-Managementgesellschaft Teko haben die Allianz und Ergo die Risiken gezeichnet. Und die können es durchaus in sich haben: Sollten Bauschäden zum Beispiel zu Verzögerungen bei der Fertigstellung führen, ersetzt die Versicherung der Bayerischen Zugspitzbahn die entgangenen Umsatzerlöse aus dem Ticketverkauf und dem Restaurantbetrieb – im schlimmsten Fall bis zu 18 Monate lang.
Die Versicherungssumme hierfür beträgt 22 Millionen Euro. Eine Summe, die für Franz Scheich, Senior Underwriter der Allianz im Bereich Technische Versicherung, allerdings kein Problem darstellt: Scheich war beeindruckt von der professionellen Herangehensweise des Kunden. „Das gab mir Sicherheit bei einem Projekt, das wir in diesem Maßstab nicht jeden Tag auf den Tisch kriegen.“
Nicht nur der Maßstab, auch das Wetter ist außergewöhnlich. Allianz­-Schadeningenieur Steffen Greiner geriet bei der ersten Besichtigung der geplanten Baustelle am Gipfel in einen Schneesturm. Als Bauingenieur achtet Greiner besonders auf die Stahlbauarbeiten auf dem Gipfel. „Dort oben gibt es kaum Lagermöglichkeiten, Beton, Stahl, Gerät, alles muss auf den Punkt genau geliefert und verarbeitet werden. Dazu die extremen Wetterbedingungen und der tägliche Publikumsverkehr. Das braucht eine sehr gute Planung.“

 

Für uns kommt es auf die Gesamtrechnung an. Die Kosten müssen am Ende immer möglichst gering bleiben

Thomas Raatgering, Spezialist für erneuerbare Energien aus der Abteilung Technische Versicherungen bei der R+V

Entscheidend wird die erste Probefahrt der neuen Gondeln. „Das Risiko eines Schadens ist während der Erprobung der Anlage am höchsten“, sagt Greiner. „Wenn in dieser Phase etwas passiert, wirft das das Projekt um Monate zurück.“ Im Moment stehen die Zeichen gut. Greiner ist zuversichtlich. Planungsbüro und Bahnbetreiber wüssten, was sie tun. „Das müssen wir auch“, sagt Hurm. „So eine Bahn baust du in deiner Seilbahner­Karriere nur einmal. Wir sind also zum Erfolg verdammt.“

Woher Erfahrungswerte nehmen, wenn es keine gibt?

So geht es den Versicherern jedes Mal, wenn sie sich auf Technologien einlassen müssen, die es gerade erst ein paar Jahre gibt. Auf Erfahrungswerte zurückzugreifen geht nicht – mangels Erfahrungswerten. „Umso entscheidender ist die technische Expertise, um mögliche Risikohöhen einzuschätzen“, sagt Axa-­Experte Scholz. Plus ein Quent Vertrauen: Dann gilt für Betrieb und Wartung, was der Hersteller im Handbuch schreibt. „Der Versicherer muss nicht besser wissen, wie sie funktioniert, als diejenigen, die eine Maschine oder technische Anlage konstruiert und gebaut haben“, sagt Scholz. Eine der wichtigen Fragen: „Trauen wir dem Hersteller zu, dass er das kann?“
Mit diesem Vertrauen in Ingenieure, Maschinenbauer und Forscher haben Scholz und seine Kollegen Industrien wachsen sehen, etwa die erneuerbaren Energien.
„Noch vor zwei Jahrzehnten hieß es: Mehr als zwei Megawatt bei Windrädern gehen nicht“, erinnert sich Scholz. „Heute sind wir bei zehn Megawatt angekommen.“ Einer wie Scholz ist inzwischen schwer zu beeindrucken.

Das geht Thomas Raatgering genauso. Der Spezialist für erneuerbare Energien aus der Abteilung Technische Versicherungen bei der R+V sieht immer höhere Türme, immer größere Turbinen, immer längere Rotorblätter. Raatgering weiß: Die Rekordjagd der Branche wäre nicht möglich gewesen, wenn nicht Versicherer wie die R+V das Risiko abdecken würden. Hinter Raatgering hebt sich der Turm eines Windrads weiß vom satten Grün der Wesermarsch ab, über ihm rauschen die mächtigen Rotorblätter. Der R+V-­Experte ist in den Windpark vor den Toren Oldenburgs gekommen, um sich ein Bild von den Anlagen zu machen, die sein Unternehmen versichert. Gemeinsam mit Ralph Müller von der Projekt GmbH, die den Park im Auftrag des Eigentümers betreibt, tritt er ins Innere des Turms. Die beiden steigen in einen offenen Aufzug, der sie im Kriechtempo bis hinauf in die Gondel in 60 Meter Höhe fährt.

Der rasante Siegeszug der Windkraft

Genauso wie sich die Windenergie technisch weiterentwickelt, ist auch das Vertrauen der Betreiber zu den Versicherungen gewachsen. Ein Beispiel ist das sogenannte Condition Monitoring: Sensoren erkennen Schäden, bevor sie eintreten; die Geräteteile können rechtzeitig ausgetauscht werden. „Die Versicherungen wollten keine vorhersehbaren Schäden abdecken“, sagt Müller. Inzwischen sind die Verträge angepasst – weil vorhersehbare Verschleißschäden durch das Monitoring und die stete Wartung ausgeschlossen sind. „Für uns als Versicherer kommt es immer auf die Gesamtrechnung an“, sagt Raatgering. Kosten müssten am Ende möglichst gering bleiben.

 

So eine Seilbahn baust du nur einmal in deiner Seilbahner-Karriere

Martin Hurm, Projektleiter der Zugspitz-Seilbahn

Um Ruhm und Ehre geht es nicht – da unterscheiden sich Erbauer und Versicherer. Die Experten dürfen sich nicht blenden lassen von dem, worum es bei Großprojekten neben dem praktischen Nutzen oft geht: Eindruck schinden. Vom Prestige, das Bauherren und Architekten mit immer tollkühneren Projekten suchen, bekommen die Versicherer eh wenig ab. Schließlich hänge an keinem Wolkenkratzer eine Plakette mit lobenden Worten fürs Unternehmen, das den Bau versichert habe, sagt Scholz im Scherz.
An Hochhäusern zeigt sich, wie das Kräftemessen um neue Rekorde den Fortschritt vorantreibt. 1913 entstand der 241 Meter hohe Woolworth Tower in Manhattan als erster Turm mit einem Stahlskelett im Beton. Das Empire State Building ragte mit seiner Spitze mit 443 Metern fast doppelt so weit in den Himmel und wirkt doch bescheiden im Vergleich zum Burj Khalifa in Dubai und dessen 828 Metern.

Das Prestigerennen ums Höher, Schneller, Weiter

2019 soll die Spitze des saudi­arabischen Jeddah Tower die Ein­-Kilometer­-Marke durchstoßen und dieser damit den Titel „Höchstes Gebäude der Welt“ übernehmen. Anfangs planten die Bauherren sogar, 1,6 Kilometer hoch zu bauen. Doch Statiker und Bodenprüfer warnten, dass der Untergrund ein solches Gewicht nicht tragen werde. Auf dem Weg in solche Höhen stellen sich mit jeder Etage neue Probleme. Beispielsweise droht der Beton beim Hochpumpen auf mehr als 500 Meter Höhe zu erstarren, denn es dauert länger als eine halbe Stunde, bis die Masse oben ankommt. Deswegen müssen Chemikalien beigemischt und der Beton mit besonders viel Druck gepumpt werden.

Die Seilbahn zum höchsten Berg Deutschlands punktet mit gleich drei Weltrekorden: einer 127 Meter großen Stahlbaustütze und einem Gesamthöhenunterschied von 1945 Metern in einer Sektion, ermöglicht durch ein freies Spannfeld von 3213 Meter Länge. Foto: Bayerische Zugspitzbahn Bergbahn AG/fendstudios.com

Ob der Beton noch feucht ist, sieht man sofort. Viele Probleme offenbaren sich jedoch erst später. Während die oberen Etagen eines Hochhauses hochgezogen werden, beginnt in den unteren schon der Innenausbau. Dann werden etwa Rohre verlegt. Wird dabei eine der Verbindungsstellen nicht fest genug zusammengedrückt, leckt sie später und stößt eine Dominokette von Problemen an. Denn Leitungen liegen unter Putz. Bis die feuchte Stelle auffällt, können einige Kubikmeter Wasser in die Wand sickern. Sind diese Wände aus Rigips, blüht dort schnell der Schimmel. „Im schlimmsten Fall werden unten die ersten Bäder saniert, bevor das Haus ein Dach hat“, sagt Axa-­Experte Friedrich Scholz, und fügt im Scherz hinzu: „Schlimmer als beim Kölner Dom.“
Der Bau des Kölner Doms ruhte zwischendurch fast drei Jahrhunderte. Als die Bauarbeiten 1560 eingestellt wurden, gab es allerdings noch keine technische Versicherer: Die erste Versicherung in Deutschland wurde erst 1676 gegründet.

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