Einen Turm wollten sie bauen, so hoch, dass seine Spitze den Himmel kitzelt. Sie wollten sich ein Denkmal setzen, beweisen, was sie schaffen können. Ein ganzes Volk wollte diesen Turm. Sie brannten die Ziegel und stapelten sich so Schicht um Schicht ihrem Ziel, dem Himmel, entgegen.
Was für ein Mut.
Was für eine Utopie.
Was für eine Anmaßung.
In der Bibel endet die Erzählung mit einem gekränkten Gott, der den Babyloniern die gemeinsame Sprache nimmt, sie in alle Welt verstreut und so den Turmbau zu Babel scheitern lässt.
Dabei braucht es keine göttliche Verstimmung, damit auf Baustellen etwas schiefläuft. Wo Kräne Stahlträger für ein Hochhaus in die Höhe wuchten, Bohrschilde Löcher für Tunnel durch Gesteinsschichten fräsen oder Spezialschiffe Windräder ins Meer stellen, kann viel kaputtgehen. Wenige unaufmerksame Sekunden führen zu tagelangen Baustopps und ein ungeschicktes Händchen am Steuerknüppel zu Schäden in Millionenhöhe. Wo so viele Menschen in babylonischen Dimensionen zusammenarbeiten – das trennt Bibel und Realität –, kann niemand Fehler vermeiden, und die Technik ist um einiges komplizierter als das Schichten von Lehmziegeln.

Nie geht so viel schief wie freitagnachmittags

Fehler löst schon das nahende Wochenende aus: Nie geht so viel schief wie freitagnachmittags. „In der Hälfte der Schadensfälle zahlen wir für menschliches Versagen“, sagt Friedrich Scholz, Direktor Technische Versicherungen bei der Axa.
Technische Versicherer sind sozusagen Anti­-Babylonier. Sie sorgen dafür, dass selbst ambitionierteste Projekte fertig werden. Es geht immer noch länger, höher, weiter. Fehlschläge sind eigentlich tabu, da teuer. Deshalb begleitet fast jedes Projekt eine Versicherung, die bestätigt: Ja, die können das. Deutschland wäre wohl kaum zum Exportweltmeister geworden, hätten nicht Versicherer dem „Made in Germany“ ihr Qualitätssiegel aufgedrückt: Ja, die können das.
Das sagt niemand leichtfertig. Dafür muss die Planung stimmen, und dabei ist der Blick auf die Zahlen so wichtig wie Erfahrungswerte. Sonst übernimmt kein Versicherer das Ausfallrisiko.

Im größten Flughafen der Welt sollen von 2018 an bis zu 150 Millionen Passagiere im Jahr abgefertigt werden. Auf 76 Millionen Quadratmetern für sechs Landebahnen ist auch genügend Platz für 150 Fluggesellschaften. Von Istanbuls neuem Flughafen aus sollen dann 350 Destinationen angeflogen werden. Foto: ZUMA Press/picture-alliance

Und kein Unternehmer. Niemand hätte die 23 Kilometer übers offene Meer führende Hongkong­-Zhuhai­-Macao-­Brücke samt sieben Kilometer langem Tunnel mitgebaut, wären die Arbeiten nicht versichert gewesen. Istanbul bekäme keinen neuen Flughafen, die Zugspitze keine neue Seilbahn, und Hamburg hätte verzichten müssen auf ein neues Konzerthaus, die Elbphilharmonie.
Wo komplexe Maschinen und neue Technologien zum Einsatz kommen, wo Risiken eingeschätzt und die Machbarkeit bewertet werden, müssen die Spezialisten der Versicherer ran. Axa­-Mann Scholz sagt: „Wir versichern alles von der Tunnelbohrmaschine bis zur Montage von Satelliten, vom PC bis zur Dampfmaschine.“
Mit ebendieser Dampfmaschine fing alles an. Deren Kolben trieben die Motoren der Industrialisierung an – falls die Dampfessel nicht barsten. 1845 explodierte ein Boiler in einer Spinnerei im englischen Bolton, zehn Arbeiter starben, die Fabrik stürzte teilweise ein. Seitdem lassen sich Maschinen versichern. Und um Unfälle zu verhindern, taten sich bald Ingenieure zusammen.

 

Eine wichtige Frage für uns: Trauen wir dem Anlagenbauerz, dass er es kann?

Friedrich Scholz, Direktor Technische Versicherungen bei der Axa

Deren Know­how bildet bis heute den Kern der Technischen Versicherer. Vorangetrieben werde die Entwicklung seit hundert Jahren maßgeblich in Deutschland, sagt Hans Mahrla, Sekretär der IMIA. Das Kürzel stand bei der Gründung 1968 für International Machinery Insurers’ Association. Heute fassen Technische Versicherer ihre Aufgaben weiter: Sie schützen den Betrieb von Maschinen, Aufbau, Elektronik und Folgeschäden, sollten Bauarbeiten durch Unfälle gestoppt werden.
Dass deutsche Versicherer in Sachen Technik weltweit so führend sind, hat viel mit den vielen Weltchampions aus dem Maschinen­ und Anlagenbau zu tun, die das Rückgrat der deutschen Wirtschaft darstellen und das „Made in Germany“ erst zur Marke befördert haben: Diese Unternehmen haben meist bei ihren Versicherern aus der Heimat ihr Auslandsgeschäft gegen Verlustrisiken ab­geschirmt; zudem haben sie die meisten der vielen Techniker und Ingenieure ausgebildet, die heute bei den Technischen Versicherern die Risikoanalysen und Kalkulationen erstellen. Dadurch haben hiesige Fachleute so viel Expertise angehäuft, dass kaum ein Großprojekt irgendwo in der Welt gestartet wird, ohne dass sie involviert werden.

Das höchste Gebäude der Welt soll 1007 Meter gen Himmel wachsen. Unterwegs ist, auf 652 Metern, die höchste Aussichtsplattform der Welt geplant. Einmal fertiggestellt, wird der Jeddah Tower auf 500.000 Quadratmetern Büros, Wohnflächen und ein Hotel beherbergen. Foto: Adrian Smith + Gordon Gill Architecture/Jeddah Economic Company

Laut IMIA-Statistik lassen sich die meisten Schäden auf menschliches Versagen, Materialfehler und Feuer zurückführen. Die Deutschland-­Zahlen für 2016 erfassen bei 4,64 Millionen Verträgen rund 656.000 Schäden, der größte davon kostete 19 Millionen Euro. Die Technischen Versicherer in Deutschland nahmen dabei Beiträge in Höhe von rund 2 Milliarden Euro ein und zahlten für Schäden im Wert von 1,4 Milliarden Euro.
Was nach einer erquicklichen Gewinnmarge aussieht, unterschlägt allerdings die Kosten für Gutachter, die unverzichtbar sind, um Risiken einschätzen und Projekte tatsächlich versichern zu können. Um sich in diesem Markt zu behaupten, „sind ohne Zweifel Erfahrung und technisches Know­how sowie Versicherungsexpertise bis hin zur Schadenregulierung entscheidende Faktoren“, sagt IMIA-Sekretär Mahrla. Und da lägen die Deutschen weltweit ganz vorn.

Damit Hochhäuser nicht auf Sand gebaut werden

Die Versicherer planen mit, lange bevor die ersten Bagger anrücken. Olaf Buttkewitz etwa hat den Bau der Elbphilharmonie in Hamburg betreut. Für den Leiter Technische Versicherungen der VHV Versicherungen warf schon der Blick auf die Lage des Konzerthauses die erste Frage auf: Wurde in der Planung der Hafen als Risikostandort einbezogen? „Liegt ein Bauvorhaben am Wasser und gibt es eine Verbindung zum offenen Meer, stellt sich für uns immer die Frage nach beispielsweise dem Sturmflutrisiko“, sagt Buttkewitz. Genauso wichtig: der Untergrund.

„Es heißt nicht umsonst, etwas sei auf Sand gebaut“, sagt Axa­-Experte Scholz. Das Eigengewicht drückt die Bauten in den Boden. „Hochhäuser setzen sich immer. Aber sie müssen sich gleichmäßig setzen.“ Deshalb seien Fundamente so wichtig. Allein Bodengutachten und Risikoschätzungen umfassen Gigabytes an Daten und müssen während des Baus ständig erneuert, überarbeitet und überwacht werden. Kein Wunder, dass Ingenieure, Geologen, Physiker und Chemiker für Technische Versicherer arbeiten. Sie müssen Baustellen besichtigen und die Lage vor Ort bewerten können. In den 17 Jahren, die etwa der Bau des Gotthard­-Basistunnels dauerte, schrieb allein ein Experte der Allianz 127 Berichte von Baustellenbesichtigungen. Auch dieser Tunnel war ein Rekordprojekt: zwei Röhren, je 57 Kilometer lang, der längste Eisenbahntunnel der Welt. Mehr als 28 Millionen Tonnen Gestein wurden aus dem Berg gebrochen, mehr als zehnmal brach die Tunneldecke allein im Bauabschnitt Faido ein, weil der Berg dort zu porös war.

Mehr als zwei Millionen Besucher in sechs Monaten machen die „Elphi“ zur meistbesuchten Touristenattraktion in Deutschland. Die Glasfassade erstreckt sich über 16.000 Quadratmeter. Für die Fassade wurden 1100 unterschiedlich gebogene und bedruckte Glaselemente angefertigt, jedes von ihnen wiegt 1,8 Tonnen. Foto: Dirk Eisermann/ laif

Wer kann und will so etwas versichern? Bei den ganz großen Projekten bleiben am Ende fünf bis sechs Anbieter übrig, die sich das als führender Versicherer zutrauen. Und die müssen oft um die Ecke denken, um Risiken abschätzen zu können. Die Versicherer übertragen beispielsweise das Wissen aus anderen Industrien. In Wolkenkratzern müssen Aufzüge in kurzer Zeit große Höhen erreichen. Durch den Burj Khalifa, der mit 828 Metern gerade die Liste der Megawolkenkratzer anführt, flitzen die Aufzüge mit bis zu zehn Meter pro Sekunde. Technisch eine Meisterleistung, für die Versicherer ein alter Hut. „Im Bergbau fahren schon lange Kabinen bis zu zwei Kilometer in die Erde“, sagt Scholz. Ob ein Aufzug in die Tiefe oder in die Höhe strebt – für Versicherer macht das keinen Unterschied.

Die Zugspitz-Baustelle erstreckt sich über drei Klimazonen

Bis fast auf 3000 Meter Höhe wird eine neue Seilbahn die Besucher der Zugspitze bringen. Schon die Bauarbeiten sind eine Sensation für die Gipfelstürmer. Sie scharen sich an den Fensterscheiben im Café an der Bergstation, um die Arbeiter im Freien zu beobachten.

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