KOLUMNE

Schubs in die gewünschte Richtung

Die meisten Menschen sind mit ihrer Altersvorsorge überfordert – und mit komplexen Entscheidungen, die damit verbunden sind. Was also tun? Ganz einfach: Es ihnen so einfach wie möglich machen, die richtige Entscheidung zu treffen. Von Wirtschaftsnobelpreisträger Richard Thaler

Staatliche Rentenkassen sollen sicherstellen, dass die Bürger im Alter genügend Geld haben. Doch die Zukunft dieser Systeme ist bedroht: Die Menschen leben länger und haben weniger Kinder. Wenn deshalb die Renten gekürzt werden, müssen Arbeitnehmer in eigener Initiative Geld ansparen, um die Differenz auszugleichen. Das verlangt ihnen ab, selbst zu entscheiden, wie viel sie sparen und wie sie das Ersparte anlegen. Darauf sind die wenigsten vorbereitet. Wie kann man ihnen helfen? Durch eine automatische Beitrittsregelung zu einem betrieblichen Rentensystem.
Idealerweise rechnet jeder Arbeitnehmer aus, wie viel Geld er im Alter braucht, und spart entsprechend. Dieses Ideal geht leider komplett an der Wirklichkeit vorbei, denn es lässt zwei wichtige Dinge außer Acht. Erstens: Die jeweils passende Sparquote festzulegen wirft ein komplexes mathematisches Problem auf. Zweitens: Es ist nicht gesagt, dass Menschen einen einmal gefassten Plan auch konsequent umsetzen.
Aber welchen Plan? Arbeitnehmer müssen entscheiden, wie viel sie sparen wollen, eine Anlageentscheidung treffen und ihr Portfolio verwalten. Der damit verbundene Aufwand kann Menschen Angst einjagen, und viele machen bei dieser Aufgabe keine sonderlich gute Figur. Sie könnten einen sanften Schubs, einen Nudge, gebrauchen.
Bei einer Umfrage bewerteten 68 Prozent der Arbeitnehmer die eigene Sparquote als „zu niedrig“ und sagten, dass sie mehr beiseitelegen sollten. „Sollten“ ist das entscheidende Wort: Wir sollten auch abnehmen, mehr Sport treiben oder mehr Zeit mit den Kindern verbringen – alles gute Vorsätze, doch die Realität sieht anders aus.
Was dieses „sollten“ aber auch aussagt: Menschen sind offen für Strategien, die ihnen helfen, ihre guten Vorsätze umzusetzen. Sie sind für einen Nudge empfänglich – vielleicht sogar dankbar.
Studien belegen, dass umso weniger Mitarbeiter vom Angebot der Altersvorsorge Gebrauch machen, je mehr Optionen es gibt. Wenn eine Entscheidung für Menschen verwirrend und schwierig ist, kann es leicht passieren, dass sie sich weigern, diese überhaupt zu treffen. Das weiß jedes Unternehmen, das Betriebsrenten anbietet (und mit einem Zuschuss beim Sparen hilft). Der Grund ist in der Regel nicht, dass die Arbeitnehmer nach sorgfältiger Abwägung eine bessere Verwendungsmöglichkeit für ihr Geld gefunden haben, sondern einfach, dass sie das Ganze verbummeln oder vor sich herschieben. Das ließe sich leicht verhindern: Wie wäre es, wenn Firmenangehörige der betrieblichen Altersversorgung ihres Arbeitgebers automatisch beiträten?
Sobald ein Angestellter zum Abschluss eines Pensionsplans berechtigt ist, erhält er ein Formular, das ihn informiert, dass er eine Vereinbarung abschließt (mit vorgegebener Beitragshöhe und Anlageverteilung), sofern er nicht schriftlich erklärt, von dieser Möglichkeit keinen Gebrauch machen zu wollen. In den USA hat sich diese Methode als extrem effizient erwiesen, um die Teilnehmerquote an solchen Sparplänen zu erhöhen.
Hilft der Automatismus, die Trägheit zu überwinden – oder werden die Angestellten quasi ausgetrickst, damit sie Geld auf die hohe Kante legen? Ein aussagekräftiges Indiz ist, dass nur sehr wenige die Einzahlungen in den Pensionsplan wieder aufkündigen. Sie haben endlich ihre guten Vorsätze umgesetzt, dank eines kleinen Schubsers eines Nudge.

Zur Person

Richard Thaler

ist 2017 mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet worden. Der 72-jährige US-Amerikaner lehrt an der University of Chicago. Dieser Beitrag beruht auf dem Buch „Nudge“, das er gemeinsam mit seinem Kollegen Cass Sunstein verfasst hat (Ullstein Taschenbuch, 2010). Der ursprüngliche Text wurde gekürzt und bearbeitet.

Richard Thaler