KOLUMNE

Die Jugendpille

Was passiert, wenn ein Wirkstoff auf den Markt kommt, der das Altern verlangsamt und die durchschnittliche Lebenserwartung um etwa 50 Jahre anhebt? Dramatisches.

Stellen wir uns vor: Im Jahr 2020 bringt ein kalifornisches Biotech-Unternehmen einen Wirkstoff auf den Markt, der das Altern verlangsamt. Dank der Jugendpille können Menschen nun ohne weiteres 130 Jahre alt werden. Der Hersteller, Spitzname „Pill Gates“, wird rasch zum reichsten Mann der Erde. Die Verjüngung ist allerdings nicht rückwirkend zu haben. Als die Jugendpille aufkommt, kann ein 70-Jähriger seine verbleibende Lebenserwartung um gerade einmal drei Jahre verlängern. Ein 30-Jähriger kann bereits 30 Jahre älter werden. Und ein Neugeborenes kann die neue Lebenslänge voll ausschöpfen.

Biologische Phasen wie Geschlechtsreife im zweiten oder weibliche Menopause im sechsten Lebensjahrzehnt lässt der Wirkstoff unverändert. Die Menschen werden immer älter und sehen dabei immer jünger aus. Wer ab 2020 die Jugendpille nimmt, kann 2090 – mit 80 Jahren – aussehen, wie man zuvor mit 40 ausgesehen hat. Es gibt auch keinen Grund mehr, mit 30 Jahren besonnener zu werden. Das Gefühl, jung zu sein, hält nun Jahrzehnte länger an, einschließlich der damit verbundenen Risikofreude. In Europa findet die Sekte der „Authentisch Alternden“ Zulauf, eine Gruppe von Pillenverweigerern.

Durch radikale Gesetzesänderungen müssen die Rechtssysteme der sprunghaft angestiegenen Lebenserwartung angepasst werden – für jemanden, der 130 Jahre alt werden kann, ist die herkömmliche Dauer einer Haftstrafe wesentlich leichter zu verschmerzen. Das Aufschieben entwickelt sich zu einer neuen Lebensphilosophie. Zunächst überlagern die geburtenstarken Jahrgänge der 1960er-Jahre, die ins Rentenalter drängen, die langsam spürbaren Auswirkungen der Jugendpille – die Gesellschaft wird vehement älter. Um 2060 stoppt der seit einem Jahrhundert anhaltende Bevölkerungsschwund in den Industrienationen erstmals. Die Bevölkerungszahl erreicht wieder den Stand von 2010.

Die Folgen der Jugendpille machen aus Reformen Revolutionen. Wirtschaftszweige wie Versicherungen und Banken, die ihre Geschäfte an einer nunmehr obsoleten Lebenserwartung ausgerichtet hatten, sehen sich mit drastischen Umwälzungen konfrontiert. Das Rentenalter wird jährlich um ein Jahr erhöht und 2059 drei Jahre lang bei 99 Jahren angehalten; schließlich wird es auf 110 Jahre festgelegt. Das Rentensystem wird vom Umlageverfahren wieder auf das vor der Rentenreform von 1957 betriebene Ansparsystem umgestellt. Die Kosten der Systemumstellung führen zu Renteneinbußen von weit über 50 Prozent und einer Protestbewegung, die in Aufständen einer transeuropäischen Rentnerguerilla gipfelt.

Da mit einem zwölfjährigen Schulbesuch nicht mehr genug Wissen für die kommenden 110 Jahre zu vermitteln ist, wird das kaskadierte Bildungssystem eingeführt: 10 Jahre Unterricht, gefolgt von 20 Arbeitsjahren, dann eine neuerliche Schulzeit etc. Statt eines befürchteten Zerfalls der Generationensolidarität erweisen sich familiäre Bindungen als erstaunlich stark. Da zunehmend vitale ältere Familienmitglieder zur unentgeltlichen Kinderbetreuung zur Verfügung stehen, wird auch das Kinderkriegen wieder attraktiv.

Im ersten Drittel des 22. Jahrhunderts erreichen die „Age Boomer“ die Grenzen ihrer Lebenserwartung. Nach einem Jahrhundert, in dem der Alterstod mancherorts zu einem fast exotischen Ereignis geworden ist, setzt ein massenhaftes Sterben ein.

Es sei denn, irgendwer erfindet bis dahin die nächste Wunderpille. Aber das wäre dann eine ganz andere Geschichte.

Peter Glaser ist nicht nur bekennender Technikfreund, sondern auch Journalist und Schriftsteller. Der Gewinner des Ingeborg- Bachmann-Preises schreibt regelmäßig Kolumnen, etwa für „Technology Review“ – und jetzt für „Positionen“.

Peter Glaser