KOLUMNE

„German Angst“

Der Staat nimmt uns an die Hand, von der Wiege bis zur Bahre. Das führt zu „erlernter Hilflosigkeit“ und dazu, Sicherheit für ein höheres Gut zu halten als Freiheit. Das aber ist gefährlich

Die Geschichte des modernen Staates beginnt mit einer Zauberformel des Engländers Thomas Hobbes: Schutz und Gehorsam. Nach den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges, in dem sich die Menschen um der religiösen Wahrheit willen die Köpfe einschlugen, musste das Leben der Gesellschaft auf eine neue Basis gestellt werden. In dem großartigen, immer noch lesenswerten Buch „Leviathan“ bildet sich diese neue Basis der Gesellschaft durch eine Art Vertrag: Der absolute Herrscher verspricht den Menschen, ihr Leben gegen alle Gefahren zu schützen, und die einzelnen Menschen sind bereit, ihr Naturrecht auf Selbsterhaltung an den Herrscher abzutreten. Seither hat der Staat das Gewaltmonopol. Und seither erwarten die Menschen, dass der Staat ihr ganzes Leben sichert.
Die Gefahr, die in diesem Konzept steckt, hat dann dreihundert Jahre später wiederum ein Engländer, nein: eine Engländerin auf den Begriff gebracht. Maggie Thatcher warnte vor dem Nanny State. Das ist der Staat, der uns von der Wiege bis zur Bahre an der Hand nimmt. Er breitet ein Netz präziser, kleiner Vorschriften über die Existenz eines jeden aus und macht uns auch in den einfachsten Angelegenheiten von seiner Vorsorge und Fürsorge abhängig. Dadurch wird uns die Vorstellung, das eigene Leben in der eigenen Hand zu behalten, immer fremder.
Kant hat das Unmündigkeit genannt, Max Weber spricht von politischer Unreife, und die Sozialpsychologen würden heute sagen: erlernte Hilflosigkeit. Aber Hilflosigkeit und Abhängigkeit machen Angst. Deshalb wollen die meisten Sicherheit statt Freiheit.
Die Welt des Nanny State zerfällt nicht mehr in Arbeiter und Kapitalisten, sondern in Betreute und Betreuer. Dabei entwickelt sich auf beiden Seiten eine unheilvolle Eigendynamik. Die Betreuer und Sozialarbeiter haben ein Interesse an der Hilflosigkeit ihrer Klientel. Und auf der anderen Seite sind diejenigen, die es gelernt haben, sich hilflos zu fühlen, nur noch mit der entlastenden Erklärung ihrer Unfähigkeit beschäftigt. Hier benutzt der Nanny State zwei Techniken: Political Correctness und Nudging.
Politische Korrektheit ist eine Sprachdiktatur, die alle gesellschaftlichen Themen moralisiert und jeden, der noch den Mut zur abweichenden Meinung hat, zum Unmenschen stempelt. „Nudge“ heißt der Schubser in die richtige Richtung des aufgeklärten Verhaltens. Im Klartext geht es um eine Art Sozialvormundschaft im Namen der Mündigkeit. Weil die Leute nicht wissen, was gut für sie ist, schützt sie der Paternalismus des Staates vor ihrer eigenen Unvernunft.
Warum ist dieses Syndrom nun in Deutschland so besonders stark ausgeprägt? Die amerikanische Antwort auf diese Frage ist immer noch richtig: „German angst“. Dazu passt die extreme Risikoaversion und Panikbereitschaft – wir schalten sofort alle Kernkraftwerke ab, weil im fernen Japan eines havariert ist. Dass gerade auch deutsche Intellektuelle nicht zwischen Gefahr und Risiko unterscheiden können, zeigt sich an ihrer Technikfeindlichkeit (von der, Gott sei Dank, unsere genialen Maschinenbauer noch nicht infiziert sind). Hier stellt sich die große Aufgabe einer Psychoanalyse der Nachkriegsdeutschen.
Tiefer in die Geschichte zurück reicht aber die politische Dimension des Nanny-State-Syndroms. Ich meine den Mangel an Liberalismus, die Anbetung des Staates, gerade auch bei den Linken, und die Autoritätshörigkeit. Die Deutschen zucken noch nicht einmal mit der Wimper, wenn man ihnen sagt, zur Politik der Regierung gebe es keine Alternative.

Zur Person

Norbert Bolz

Norbert Bolz lehrt Medientheorie an der TU Berlin und forscht zu den Veränderungen in der modernen Gesellschaft. Entsprechend aktiv bringt sich der eloquent argumentierende Philosoph in aktuelle Debatten ein.

Norbert Bolz