KOLUMNE

Wo stecken sie denn, diese Roboter?

Wenn wir nicht aufpassen, kann sich die Automatisierung von Wirtschaft und Gesellschaft zum Sprengsatz für Europas Demokratien entwickeln

Donald Trump versprach im Wahlkampf, wieder Arbeitsplätze für seine Landsleute zu schaffen. Das Wahlprogramm von Marine Le Pen sah vor, den Franzosen ihre Jobs zurückzugeben. Einen wichtigen Umstand übersahen beide geflissentlich: Selbst wenn es wieder Arbeit geben sollte, wird sie zunehmend von einem automatischen Überflieger erledigt – dem Roboter.
Um es mit dem Europäischen Parlament zu sagen: Die Menschheit steht an der Schwelle eines völlig neuen Zeitalters. Künstliche Intelligenz in den verschiedensten Formen revolutioniert unsere Welt und zwingt den Menschen, seine Beziehung zur Arbeit intensiv zu überdenken. Immer mehr Roboter machen immer mehr Menschen am Arbeitsplatz überflüssig und definieren ihre über Jahrhunderte geltende Existenzgrundlage, ihren Status und ihre Identität neu. Ob bei Krebsoperationen oder der Fertigung von Adidas-Schuhen, der Roboter ist längst besser als der Mensch. Wie lange noch, bis fahrerlose Lkw und Busse die Straßen Europas bevölkern?
Im Kampf um Jobs haben Roboter Vorteile, die kein Arbeitgeber ignorieren kann. Roboter sind ohne Arbeitsvertrag, Arbeitsrechte, Gehalt, Urlaub, Mittagspause, Aufenthaltsräume und oft sogar ohne Heizung oder Beleuchtung glücklich. Krank sind sie auch nie.
Wenn die Automatisierung Tag für Tag an Bedeutung gewinnt, muss sich die politische Führung auf nationaler und EU-Ebene auf die Konsequenzen für den Menschen vorbereiten. Höchste Priorität hat dabei eine proaktive Politik, die auf eine Neuausrichtung der Arbeit abzielt. Die Umstrukturierung der Schul-, Aus- und Weiterbildung sowie die Aneignung neuer Arbeitsfähigkeiten verlangen ebenso hohe Aufmerksamkeit wie die Anpassung bestehender Versicherungsverträge. Zeitgleich müssen die Politiker aller Couleur sicherstellen, dass sich der mit der Automatisierung einhergehende technologische Einfluss und der Reichtum nicht in den Händen einiger weniger konzentrieren können.
Derzeit herrscht die Ruhe vor dem Sturm. Roboter vernichten viele Arbeitsplätze, kreieren aber gleichzeitig neue Jobs. Gesellschaftliche Proteste oder politische Unruhen gibt es noch nicht. Das könnte sich mit wachsendem Tempo der Automatisierung ändern. Insbesondere, wenn die Beschäftigten in einer intensiven Übergangsphase in Massen ersetzt würden und sich selbst überlassen blieben. Auch bei einem Rekordanstieg des Bruttoinlandsprodukts würden viele Arbeitslose und ihre Familien um ihren Lebensunterhalt kämpfen müssen. Eine derart dramatische Entwicklung würde zu einer Entfremdung und damit einer Krise des gesamten politischen Systems führen. Auch und gerade in Europa.
Der Weg in die Automatisierung ist nicht einfach. Die aktive Unterstützung aller, die nach neuen Arbeitsweisen oder einem Lebenssinn ohne Arbeit suchen, ist eine gewaltige Aufgabe. Aus politischer Sicht mag es leichter sein, den Jobabbau durch Roboter zu ignorieren. Doch solche Hinhaltetaktiken wären der sicherste Weg in eine Sackgasse, in der schon die Vorspiegelung angeblich neuer Stellen politische Sprengkraft entfaltet.
Im Vergleich zu einer ungeplant ablaufenden Automatisierung könnten die politischen Erschütterungen im Zuge der Wahl Trumps zum US-Präsidenten oder des Brexit-Votums wie harmloses Polit-Geplänkel wirken. Es ist Zeit, dass sich die politischen Entscheidungsträger aufraffen und diese schwierige Aufgabe angehen.
Und zwar jetzt. Sofort.

Zur Person

Nomi Byström

ist promovierte Forscherin an der Fakultät für Computerwissenschaften der renommierten Aalto-Universität in Finnland. Ihre Forschungsfelder sind Informationsrecht, Cyberrecht, Internationales Recht und Europapolitik.