KOLUMNE

Wir sind spät dran

Starkregen, Gewitter, Hagelschauer und Überschwemmungen: Viele Menschen haben das Gefühl, das Wetter spielt verrückt. Dieses Gefühl trügt nicht. Das Klima wandelt sich tatsächlich

Die Wetterextreme des Sommers haben die Deutschen alarmiert. Kaum eine Woche verging ohne heftige Gewitter mit Starkregen und Überschwemmungen. Der Eindruck verdichtet sich, dass solche Ereignisse häufiger auftreten und immer öfter ganze Landstriche unter Wasser setzen. Beispiele sind das Rheinhochwasser 1993, das Oderhochwasser 1997, die Flut an der Elbe 2002 oder die Hochwasser an Donau und Elbe 2013. Und jetzt die zum Teil sehr lokalen, extremen Regenfälle vielerorts in Deutschland. Viele Menschen sind besorgt und fragen sich, inwieweit die Unwetter bereits Vorboten des Klimawandels sind.
Der Klimawandel findet statt, ohne jeden Zweifel. So ist die Temperatur der Erde im Zeitraum von 1950 bis 2015 im weltweiten Durchschnitt um ungefähr 1 Grad Celsius gestiegen. Auch in Deutschland gibt es einen deutlichen Temperaturanstieg. Der Weltklimarat IPCC schreibt in seinem Synthesebericht aus dem Jahr 2014: „Der Einfluss des Menschen auf das Klimasystem ist klar.“ Außerdem stellt der IPCC fest, dass es „äußerst wahrscheinlich“ ist, dass die von Menschen verursachten Treibhausgasemissionen „die Hauptursache der beobachteten Erwärmung seit Mitte des 20. Jahrhunderts sind“.
Die Datenlage bei den Niederschlägen ist allerdings nicht ausreichend, um den Einfluss des Menschen zu identifizieren, insbesondere wenn es um einzelne Regionen geht. Das heißt jedoch nicht, dass es diesen Einfluss nicht gibt.
Wärmere Luft kann mehr Wasser in Form des gasförmigen Wasserdampfs aufnehmen, etwa sieben Prozent pro Grad Temperaturanstieg. Allein das erhöht die Wahrscheinlichkeit für mehr und heftigere Niederschläge in unseren Breiten. Leider sind nur von einigen wenigen europäischen und deutschen Wetterstationen qualitativ hochwertige und zeitlich hochauflösende Messungen verfügbar, die es erlauben, den Zusammenhang zwischen Lufttemperatur und Extremniederschlägen im Detail zu untersuchen. Wer die täglichen Niederschläge an diesen Messstationen betrachtet, kann den oben erwähnten Zusammenhang nachvollziehen: Die Extrema verstärken sich um etwa sieben Prozent, wenn die Lufttemperatur um ein Grad steigt.
Hinzu kommen weitere Faktoren, die Extremniederschläge begünstigen. So können sich bei kurzfristigen, sehr lokalen Schauern – den sogenannten konvektiven Niederschlagsereignissen – die Winde in den Wolkensystemen verstärken und die Extremniederschläge noch weiter intensivieren. Die einstündigen Extremniederschläge zeigen tatsächlich eine Verstärkung um mehr als zehn Prozent pro Grad Temperaturanstieg. Und schließlich hat sich in den vergangenen Jahrzehnten das Mittelmeer deutlich erwärmt. Die bei uns gefürchteten und als Vb-Zyklonen bezeichneten Mittelmeertiefs haben deswegen mehr Wasser im Gepäck. Die Oderflut 1997 und die Elbeflut 2002 waren von Vb-Zyklonen verursacht.
Die allermeisten regionalen Klimamodelle prognostizieren für Europa bei steigenden Treibhauskonzentrationen eine Zunahme und Intensivierung der Extremniederschläge. Die Modelle können immer nur eine grobe Annäherung an die reale Welt sein: Wir müssen mit der Unsicherheit leben. US-Präsident Barack Obama zitierte 2015 zu Beginn der Klimakonferenz in Paris unter dem Eindruck der schmelzenden Gletscher in Alaska, die er kurz zuvor besucht hatte, den Bürgerrechtler Martin Luther King Jr.: „There is such a thing as being too late“. Es gibt so etwas wie Zuspätkommen. Und er fügte hinzu, dass dieser Zeitpunkt in Bezug auf den Klimawandel schon fast überschritten sei.

Zur Person

Mojib Latif

Mojib Latif, habilitierter Meteorologe und Klimaforscher, leitet den Forschungsbereich Klimadynamik am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel und lehrt an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

Mojib Latif