KOLUMNE

Das China-Syndrom

Ein schwächeres Wachstum und Börsencrashs haben das Vertrauen in die Krisenfestigkeit Chinas, der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt, tief erschüttert. Zu Unrecht.

Kennen Sie „Das China-Syndrom“? In dem Spielfilm versuchen Michael Douglas, Jane Fonda und Jack Lemmon, einen Super-GAU in einem US-Atomkraftwerk zu verhindern, damit dessen Reaktorkern sich nicht durchfrisst bis ans andere Ende der Welt, nach China.
Wissenschaftlich gesehen ist das Nonsens, nicht einmal ein strahlend-heißer Klumpen aus Uran und Plutonium kann sich quer durch den Globus fressen. Dennoch fühle ich mich in letzter Zeit oft an diesen Film erinnert. Denn bald, befürchten einige Auguren, wird sich wieder etwas quer durch die Welt fressen – in Gegenrichtung: die China-Krise!
Es gibt zugegebenermaßen einige Anzeichen dafür, dass die nach den USA zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt ins Wanken geraten ist. Die Aktienmärkte in Shanghai, Shenzhen und Hongkong sind seit Jahresbeginn um rund 20 Prozent nach unten gerauscht. Die leeren Geschäftshäuser und Wohn-Wolkenkratzer in Chinas Städten nähren den Verdacht auf eine Immobilienblase. Und das Wirtschaftswachstum fällt mit 6,9 Prozent im vergangenen Jahr so niedrig aus wie seit 25 Jahren nicht mehr.
Allerdings ist die Lage keineswegs so schlecht, wie es die Aktienmärkte zuletzt suggeriert haben. So befindet sich der wichtige Dienstleistungssektor in guter Verfassung. Gleiches gilt für den Einzelhandel, wo die Umsätze mit zweistelligen Prozentzahlen wachsen. Und schließlich: China verfügt über hohe Devisenreserven. Diese Kapitalpolster lassen sich schnell mobilisieren, um beispielsweise mithilfe staatlicher Programme die Nachfrage anzukurbeln. Zudem kann Chinas Zentralbank die Geldpolitik weiter lockern. Beides werden die wirtschaftspolitisch Verantwortlichen ohne Zweifel einsetzen, um einen Konjunktureinbruch abzufedern und damit zu verhindern.
Warum aber haben dann die Anleger an Chinas Börsen so panisch reagiert? Das hat viel damit zu tun, wie die Führung in Peking agiert. So wurde die tolerierte Abwertung des Renminbi („Volksgeld“) durch die Notenbank zu Jahresbeginn als Indiz für eine schlechte konjunkturelle Lage gewertet. Darüber hinaus haben die Offiziellen während der Aktienmarktcrashs im vergangenen Sommer und zuletzt im Januar nicht gerade den Eindruck vermittelt, Herren der Lage zu sein. Das ist Gift für das Vertrauen von Investoren.
Problematisch ist das, weil eine Rezession in China tiefe Spuren im Rest der Welt hinterlassen würde – auch in Deutschland, schließlich liefern wir Maschinen, Autos und selbst Lebensmittel im großen Stil ins Reich der Mitte. Auch deshalb haben die Turbulenzen an Chinas Aktienmärkten die europäischen und amerikanischen Börsen angesteckt.
Bisher lässt sich aber nicht vorhersagen, wie groß am Ende des Jahres die Aktienmarktverluste in der größten Volkswirtschaft Asiens ausfallen werden. Für den Euro-Raum lassen die expansive Geldpolitik sowie eine allmähliche Konjunkturbelebung hoffen, dass wir uns von der Entwicklung in Fernost entkoppeln können. Selbst dann muss uns eines klar sein: 2016 wird ein unruhiges Jahr für Investoren.
Die deutsche Assekuranz ist davon wenig betroffen. Versicherer halten im Schnitt nur fünf Prozent ihrer Anlagen in börsennotierten Aktien. Das hat damit zu tun, dass wir vorsichtig sind: Solange die Geldpolitik Bewertungsblasen erzeugen kann, werden Aktien in den Portfolien der Versicherer auch weiterhin nur eine untergeordnete Rolle spielen.
Wir müssen also keine Angst vor einem ökonomischen China-Syndrom haben. Genauso wenig übrigens wie die Helden in dem Spielfilm: Sie konnten den Reaktor noch rechtzeitig abschalten. Es gab ein Happy End.

Zur Person

Klaus Wiener

Klaus Wiener ist Chefvolkswirt des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV).

Klaus Wiener