KOLUMNE

MONEY FOR NOTHING

Das postkapitalistische Paradies scheint Realität geworden zu sein: Der Zins ist praktisch abgeschafft. Wer Schulden machen will, wird umworben wie selten zuvor. Wer aber Geld zu verleihen hat, bekommt dafür fast nichts. Und es ist der Staat, in Gestalt der Notenbanker, der diese zinsenlose Gesellschaft herstellt. Die Gegenwart, sie kommt der Utopie von der Abschaffung des Zinswirtschaft verblüffend nahe. „Money for nothing“ – was einst die Dire Straits verhießen, scheint inzwischen Realität zu sein. Aber wie lange kann das noch so weitergehen?

Diese Frage hat die Finanzmärkte fest im Griff. Wann immer Befürchtungen wach werden, die Ära des ultrabilligen Geldes könnte bald zu Ende gehen, reagieren die Börsen mit heftigen Ausschlägen. Einerseits. Andererseits sehnen gerade langfristig kalkulierende Kapitalsammelstellen, wie es Versicherungen sind, eine Normalisierung des Zinsniveaus herbei. Schließlich ist die Existenz von sicheren, zinstragenden Schuldtiteln zentral für die dauerhafte Tragfähigkeit ihres Geschäftsmodells.

Für Entwarnung besteht kein Anlass. Ich halte es für das wahrscheinlichste Szenario, dass die Zinsen noch viele Jahre extrem niedrig bleiben werden. Warum? Weil die Schuldenstände immer noch extrem hoch sind. Nicht nur die Staaten, auch Unternehmen und Privatbürger stecken tief in den roten Zahlen: Irland und Japan schieben Verbindlichkeiten von insgesamt 400 Prozent des Bruttoinlandsprodukts vor sich her. Portugal kommt auf 330 Prozent, Spanien auf 300 Prozent. Auch Frankreich, Großbritannien und die USA weisen hohe Werte auf: mehr als 250 Prozent.

Rasche Besserung ist nicht in Sicht. Bei schwachem Wachstum und geringer Inflation geht es mit dem Schuldenabbau quälend langsam voran. Die Schulden selbst bremsen die Wirtschaft und den Preisanstieg; umso stärker, je höher die Zinsen sind, weil umso mehr Mittel in den Schuldendienst fließen.

Genau aus diesem Grund haben die Notenbanken in großem Stil in die Finanzmärkte eingegriffen und Wertpapiere für viele Billionen Dollar, Euro, Pfund oder Yen aufgekauft. So radikal kann Geldpolitik sein: Nicht nur die kurzfristigen Zinsen wurden abgeschafft, sondern auch hochverschuldete Staaten, Unternehmen und Privatbürger vor dem Bankrott bewahrt. Eben dieses Kalkül steckt hinter den sogenannten Quantative-Easing-Programmen, also dem massenhaften Ankauf von Anleihen. So klar sagen es die Notenbanker zwar nicht. Lieber reden sie von „gestörten Transmissionsmechanismen“ oder von „deflationären Tendenzen“. Aber beide Probleme gäbe es ohne die hohe Verschuldung gar nicht.

Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass bislang keine der großen Notenbanken ihre massiven Geldinfusionen wieder abgesaugt hat. Die amerikanische Fed und die Bank von England kaufen zwar derzeit keine zusätzlichen Wertpapiere mehr auf. Dafür sind nun die EZB, die Bank von Japan und andere am Markt aktiv. Amerikaner und Briten erwecken gelegentlich den Eindruck, die Wiedereinführung eines positiven Leitzinses stehe angesichts guter Konjunkturdaten bevor. Aber bislang kam immer irgendetwas dazwischen. Mehr als die jüngste Mini-Zinswende ist kaum zu erwarten.

Selbst wenn die USA, wie erwartet, im September einen ersten Zinsschrittwagen sollten, dürfte kein rapider Anstieg folgen. Solange die EZB und die Bank von Japan im Gelddruckmodus sind, kann sich die Fed kaum kraftvoll in die entgegengesetzte Richtung bewegen: Eine Aufwertung des Dollar würde Amerikas außenwirtschaftliche Position zu empfindlich schwächen.

Dieses Money-for-(almost)-nothing-Szenario dürfte bleiben, solange die Schulden nicht auf erträgliche Niveaus gesunken sind. Das kann dauern – wenn es im bisherigen Tempo weitergeht, leicht bis ins nächste Jahrzehnt.

ZUR PERSON

Henrik Müller

Der promovierte Volkswirt Henrik Müller lehrt wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Müller war zuvor als Redakteur beim Stern und beim Manager Magazin, wo er als Stellvertretender Chefredakteur arbeitete.

Henrik Müller