Mit 67 Jahren nimmt Monika Stadtmüller ihr Leben wieder in die Hand – indem sie sich an der Universität Hannover einschreibt. Dort trifft beispielsweise auf den 21-jährigen Björn Beinhorn und wundert sich: Wann bleibt den jungen Studenten bei all der straffen Lernerei überhaupt noch Zeit zum Leben?

Erst in den Ruhestand, dann wieder zur Uni: Frau Stadtmüller, das klingt ganz schön anstrengend.Monika Stadtmüller: Ist es aber gar nicht. Als ich mich mit 67 aus dem Berufsleben verabschiedet habe, bin ich jodelnd die Treppe runtergegangen. Ich wollte nur noch das machen, was ich wirklich möchte. Also bin ich auf Konzerte gegangen, ins Kino und vieles mehr. Das hielt drei Monate, danach wollte ich wieder etwas selbst organisieren und machen. Mein Sohn gab mir den Tipp, an die Universität zu gehen. Ich habe mich für die Kulturwissenschaften entschieden – mit normalem Zugang zu Seminaren und Vorlesungen. Mir war wichtig, nicht nur mit Senioren, sondern auch mit jungen Leuten zusammenzuhocken.

Sie klingen so, als ob Neugier Ihr ständiger Antrieb ist.MS: Mit 47 Jahren habe ich Altenpflege gelernt. Ich musste mich auf meine eigene Beine stellen, weil mein Mann mich und die drei Kinder verlassen hatte. Nach der Ausbildung habe ich Betriebswirtschaft studiert, also BWL. Nachts eine Vollzeitstelle als Nachtwache, tagsüber das Studium an der Fachhochschule in Osnabrück. Danach bin ich in der Hierarchie nach oben geklettert. Von der Pflegedienstleitung zur Heimleitung mit Prokura bis zur Geschäftsführung mit Personalverantwortung für bis zu 400 Mitarbeiter. Ich war zu dieser Zeit 365 Tage im Jahr erreichbar – was makabre Züge hatte. Da steht man im Urlaub auf der Chinesischen Mauer und bekommt einen Anruf, ob die Fenster in einem Pflegeheim aus Holz sein sollen oder nicht. Deshalb war ich nach dem Berufsleben heilfroh, dass ich nicht mehr für alles und jeden erreichbar sein musste.

Ich will die Dinge nicht nur einfach lernen, sondern sie kapieren.

Monika Stadtmüller, 72

Staunt man als junger Mensch darüber, was Frau Stadtmüller schon auf die Beine gestellt hat und weiterhin tut?Björn Beinhorn: Vor solch einem Weg und so viel Elan habe ich großen Respekt. Wenn ich von der Uni nach Hause komme, bin ich kaputt und falle ins Bett. Dann ist erst mal Schicht im Schacht. Vielleicht mache ich anschließend noch mal etwas für mich oder mit Freunden oder gehe Fußball spielen. Aber tagsüber studieren und nachts jobben, das könnte ich nicht. Das wäre mir zu viel. Manchmal sehe ich diesen großen Berg an Dingen vor mir, den ich noch lernen soll. Daran kann man auch verzweifeln.

Warum studieren Sie trotzdem?BB: Gute Frage. Ich studiere Sportjournalismus und Sportmarketing, weil ich Lust hatte, etwas mit Sport zu machen. In den Leistungssport habe ich es aus verschiedenen Gründen nicht geschafft. Aber ich habe so viel Sportler-Gene in mir, dass ich unbedingt etwas mit Sport machen will. Also habe ich mir eine Probevorlesung an der Fachhochschule in Hannover angehört und mir war schnell klar: Das mache ich.

Monika Stadtmüller, 72, hat sich lange Zeit um ihre Familie mit drei Kindern gekümmert. Der Trennung von ihrem Mann folgte eine Ausbildung als Pflegerin plus Studium der Betriebswirtschaftslehre. Neugier und Wille bleiben ihre treuen Begleiter: Stadtmüller ist Mitglied des Seniorenbeirats der Stadt Hannover und studiert erneut, dieses Mal Kulturwissenschaften.

Und wie lernt es sich so?BB: Am Anfang war es erdrückend, jeden Tag von 8 bis 16 Uhr in der Uni zu sein. Mittlerweile bin ich im dritten Trimester, und der Stress hat sich ein bisschen gelegt. In Kürze steht eine Praxisphase mit einem Praktikum an. Und insgesamt habe ich mich besser darauf einstellt, was man als Student zu bringen hat. Jetzt weiß ich auch, dass ich nicht wie an der Uni mit 500 anderen im Hörsaal sitze. Bei uns geht es fast wie in der Schule zu mit 14 Kommilitonen in einem Raum. Und der Professor vorne rattert nicht einfach sein Skript runter, sondern geht auf jeden Einzelnen ein und nimmt sich Zeit. Das finde ich sehr gut. Wer etwas nicht versteht, bekommt es noch mal erklärt.

MS: Der Unterschied zwischen uns ist: Du weißt, dass du innerhalb einer bestimmten Zeit etwas möglichst gut schaffen musst, um gute Berufschancen zu haben. Ich hatte schon einen Job, als ich mit dem BWL-Studium begonnen habe. Ich musste einfach nur bestehen und hatte nicht diesen Druck. Vor den Studenten von heute habe ich große Achtung. Aber sie tun mir irgendwie auch leid, weil sie ständig so konzentriert und fokussiert bleiben müssen. Sie können nicht mehr wie wir früher jeden Abend weggehen. Bei den Studenten, die ich an der Uni treffe, erkenne ich, wie wenig Zeit ihnen für Privates bleibt. Ich weiß nicht, ob ich unter solchen Umständen durchgehalten hätte.

Fällt Ihnen das heute bei den Kulturwissenschaften leichter?MS: Ich wollte nicht schon wieder mit harten Zahlen oder Formeln zu tun haben. Also habe ich mich für die Kulturwissenschaften mit den Schwerpunkten Politikwissenschaft und Geschichte entschieden. Vor allem das Europarecht interessiert mich, weil mir das so ganz nebenbei für meine ehrenamtliche Tätigkeit im Seniorenbeirat der Stadt Hannover hilft. Ich kapiere dank des Studiums, warum manche Dinge im Gesundheitswesen und im Arbeitsrecht so laufen, wie sie im Moment laufen. Und deshalb weiß ich auch, warum ich jungen Leuten nur empfehlen kann, an ihre private Altersvorsorge zu denken.

Entsteht heute durch ein Studium mehr Fach- oder mehr Anwendungswissen?BB: Beides. Das Fachwissen ist die Grundlage, damit ich weiß, wie es geht. Und ich bin sehr froh darüber, dass wir das Erlernte auch gleich praktisch anwenden sollen. Bestes Beispiel: Wir lernen in meinem Studiengang wirklich, wie man einen aktuellen Sportbericht über ein Fußballspiel schreibt. Unser Dozent hat uns das WM-Finale von 1974 per Beamer gezeigt. Und wir sollten während des Spiels einen Bericht schreiben, der fünf Minuten nach Spielende vorliegt. Da spürt man schon den Druck, der künftig im Job als Journalist entsteht.

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