Ramin Niroumand fordert die Finanzbranche mit digitalen Geschäftsmodellen heraus und reicht gleichzeitig Banken und Versicherern die Hand: Der 29-jährige Geschäftsführer der Berliner Start-up-Schmiede Finleap (Clark, Solarisbank, Savedo) überraschte „Positionen“ beim Interview in der wuseligen Firmen-Büroetage am Alexanderplatz mit beherzten Aussagen: Von Regulierungsferien für Finanz-Start-ups hält Niroumand nichts, massiv kritisiert er übertriebenen Verbraucherschutz. Stoff für mehr Diskussionen.

Das Neue verdrängt das Alte – das ist die Devise vieler Start-ups. Sie hingegen, Herr Niroumand, streben gemeinsam mit etablierten Versicherern eine „kooperative Revolution“ an. Wie geht die?Indem beide Seiten nur das grundsätzliche Ziel vorgeben und sich ansonsten wenig einmischen. Ein Beispiel: Gemeinsam mit Talanx schicken wir gerade unser neues Unternehmen Elinvar als Plattform für digitalisiertes Asset Management in die Spur. Diskutieren wir dazu aber mit dem Talanx-Management, wer bei Elinvar was bis wann umgesetzt haben muss? Niemals! Wenn wir damit anfangen würden, ginge das garantiert schief. Kooperation heißt: die Stoßrichtung vorgeben, dann aber machen lassen.

Da spielen Manager mit, trotz Kontrollverlusts?Das ist ein Problem. Viele Manager brauchen etwas, an dem sie sich festhalten können – meist eine App, nach dem Motto: Dann kann ich meiner Frau zeigen, was wir da machen.

Die App steht für „Wir sind jetzt voll digital“?Genau. Was aber ein Missverständnis ist, denn oft sind Apps gar nicht einmal nötig. Überhaupt denken viele in der Branche zu stark in Produkten, die sie ihren Endkunden zeigen könnten. Wir hingegen haben ein Inkasso-Unternehmen gegründet – weil man das als Geschäftsmodell wunderbar digitalisieren kann.

Gesetze müssen digitalfreundlicher werden

Und das lassen Sie einfach vor sich hinwerkeln und schauen in zwei Jahren mal, wie’s läuft?Im Idealfall: ja. Aber natürlich ist jede Gründung komplex und benötigt jedmögliche Unterstützung. Unsere Ventures nutzen die Vorteile, die wir als Company Builder zur Verfügung stellen. So nehmen wir den Gründern von der Buchhaltung bis zum Marketing gerade im Anfangsstadium erst mal alles ab, was sie daran hindert, sich nur auf das Produkt zu konzentrieren.

Braucht das Management keine Leitplanken, um zu wissen, was geht und was nicht?Nur grob. Zehn Seiten PowerPoint reichen.

Das ist alles?Was das Management braucht, sind größtmögliche Freiheitsgrade, um das komplette Unternehmen aufzubauen. Die geben wir ihnen – und unterstützen sie zusätzlich durch unsere Expertise, Talente und unser Netzwerk.

Wenn ich investieren möchte, dann will ich doch auch den Daumen drauf halten.Das gilt es auszuschließen. Bei Elinvar etwa haben wir zusammen mit Talanx das richtige Team für diese Aufgabe gesucht. Dieses Team bekommt Geld und die Ansage: Wenn ihr Hilfe braucht, zum Beispiel beim Recruiting, fragt Finleap; wenn ihr Hilfe braucht beim Zugang zu Vermögensverwaltern, fragt Talanx. Anschließend will ich nur noch alle drei Monate deren Quartalsreport sehen, so wie bei jeder anderen Firma auch. Nur so kann Kooperation funktionieren.

Womit ein Versicherer Fremden Einblicke ins eigene Geschäft gewährt. Ist das nicht gefährlich?Das ist die alte Denke. Viele Versicherer verstehen inzwischen: Wir müssen uns selbst angreifen. Nur so finden wir tragfähige neue Geschäftsmodelle, die zu uns passen.

Finleap versteht sich als Start-up-Fabrik. Haben Sie für alle möglichen Ideen und Geschäftsmodelle die Expertise im Haus vorrätig?Definitiv. Wir sehen Finleap als eine Plattform, welche die richtigen Leute mit der richtigen Idee zusammenbringt. Das können Partner sein, die sich im jeweiligen Segment auskennen. Oder auch Investoren, die neben dem Geld auch Kompetenzen mitbringen. Am Ende sind die Gründer diejenigen, die das Unternehmen bauen. Wir helfen nur.

Ist das nicht untertrieben? Finleap sucht bewusst die Teams aus, Sie schubsen die Gründer selbst von der Startrampe.Gerade am Anfang arbeiten wir eng mit den Ventures zusammen. Drei Dinge müssen stimmen, bevor wir loslegen: das Geschäftsmodell, das Team und als Drittes Investoren oder Partner. Nehmen wir Clark: Das Geschäftsmodell gab es, Geld auch. Dann tauchte der erfahrene Start-up-Unternehmer Christopher Oster hier auf und war begeistert: „Digitale Versicherungsmakler finde ich gut.“ 74 Tage später war Clark auf dem Markt – das ist die Geschwindigkeit, die ich meine. Wobei wir in diesem Fall nicht erst auf Investoren gewartet haben, sondern das Ganze selbst finanzierten.

Könnte auch ein Konzern dieses Tempo gehen?Deshalb gründen ja viele Versicherer Innovation Labs und stellen Innovation Officers ein. Aber die hängen eben zumeist in traditionellen Organisationsformen, das ist wie halb schwanger. Und die können natürlich keine Geschäftsmodelle durchsetzen, die unternehmensübergreifend funktionieren. Damit stehen sie sich selbst – zwangsläufig – im Weg.

Was kann ein Unabhängiger wie Finleap besser?Wenn ich Geld von einem Investor bekomme, sagen wir mal: 5 Millionen Euro, dann sage ich ihm: Vergiss das Geld, das ist sowieso weg, dieses Investment musst du gleich abschreiben.

Je komplexer das Produkt, desto eher wird der Mensch gebraucht

Warum gleich so pessimistisch?Aus gutem Grund: Nur wenn ein Investor verstanden hat, dass dieses Geld dafür da ist, Fehler zu machen, kann wirklich etwas Neues entstehen.

Und wenn’s schiefgeht, verlieren dann nicht nur die Investoren, sondern auch Kunden ihr Geld?Um richtig Geld zu verlieren, sind Fintechs viel zu stark reguliert. Durch die hohe Transparenz und die hohe Sichtbarkeit sind Vermögensschäden weitestgehend ausgeschlossen.

Woher soll ich als Kunde wissen, dass bei einem Start-up nicht nur Möchtegerns am Werk sind?Wir haben die flachen Hierarchien und kurzen Kommunikationswege, die man von Start-ups erwartet; zugleich aber kommen viel Erfahrung und Professionalität zusammen. Es gibt Berater – viele aus Technologiefirmen –, Kollegen aus Banken und Versicherungen, versierte Entwickler. Unsere Teams sind eine Kombination aus unternehmerischem Denken sowie Industrie- und technologischem Verständnis.

Warum sollte jemand sein Glück bei Finleap suchen statt bei einem Versicherer? Da passiert auch viel Neues!Versicherer incentivieren ihre Leute über Fixgehälter und nicht über Beteiligung. Bei uns ist jeder beteiligt an den Firmen: das Management und auch jeder Mitarbeiter. Also gibt das Team alles, um seine Firma auch erfolgreich zu machen. Bei den großen Versicherungsunternehmen ist es doch eher selten, dass sich Manager mit dem Vorstand anlegen nur wegen eines Start-ups. Wenn man in einer Organisation ist, will man schließlich seinem Chef gefallen. Das ist nur menschlich.

US-Technologiekonzerne wie Apple, Google oder Amazon drängen ebenfalls auf den Finanzmarkt. Welche Rolle werden sie spielen?Wenn wir uns in etwa zehn Jahren die Finanzwirtschaft angucken, Banken und Versicherungen, dann wird wohl ein Drittel der Umsätze bei den heutigen Anbietern bleiben, falls die sich schnell genug auf die Digitalisierung einstellen. Ein Drittel sehe ich bei den neuen Wettbewerbern, also Fintechs und Insurtechs, und mindestens ein Drittel – wahrscheinlich sogar mehr – bei den Tech-Konzernen, vor allem aus den USA. Die können Digitalisierung, und kaum eine andere Branche kann wahrscheinlich so umfassend digitalisiert werden wie die Finanzwirtschaft. Man muss sich nur die Wertschöpfungskette ansehen: Das Risikomanagement und die Risikoübernahme wird bei Versicherungen verbleiben – auch bei den Rückversicherern, die in Sachen Innovation tatsächlich schon viel geleistet haben. Aber vieles andere könnte bald automatisiert sein.

Vielleicht liegen Sie ja damit falsch: Eine GfK- Umfrage für den GDV hat ergeben, dass Menschen gerade bei komplexen Versicherungen Offline-Angebote deutlich bevorzugen. Ändert sich die Welt doch nicht so schnell?Je komplexer das Produkt, desto eher wird der Mensch gebraucht, das stimmt ohne Zweifel. Deswegen sitzen ja bei unserer Beteiligung Clark echte Versicherungsmakler – nur eben deutlich weniger als bei einem Anbieter, der komplett offline arbeitet. Derzeit ist Clark ein Hybridmodell. Andererseits: Hätte ich mir vor fünf Jahren vorstellen können, dass – um mal ein Beispiel aus meiner Familie zu nehmen – meine Mutter WhatsApp benutzt sowie bei Facebook Nachrichten und Fotos postet? Nein, niemals! Der Wandel geht am Ende immer schneller, als wir es uns vorstellen können.

Lassen sich Versicherungsleistungen so digitalisieren, dass Algorithmen alles übernehmen?Die Finanzbranche ist der einzige Wirtschaftszweig, der zu 100 Prozent digitalisierbar ist. Bei Versicherungen muss vielleicht noch ein Foto eingeschickt werden oder etwa ein Glassplitter. Akzeptiert. Dann sind es in der Assekuranz vielleicht nur 99 Prozent. Das Kerngeschäft aber, das Handling von Informationen, ist komplett digitalisierbar.

In Großbritannien gelten für Fintechs gewisse Regularien nicht, um den Aufbau der Start-ups nicht zu behindern. Was halten Sie davon?Nichts. Wer mit den großen Jungs spielen will, kann nicht im Sandkasten hintendran sitzen. Ich halte mehr davon, Gesetze allgemein digitalfreundlicher machen. Unsere Grundforderung lautet: Der digitale Prozess darf gegenüber dem physischen nicht benachteiligt werden. Nehmen wir die Unterschrift als Beispiel: Wer sagt denn, dass so eine Papierunterschrift sicherer ist als ein biometrischer Fingerabdruck? Absurd!

Trotz all dieser Regulierung haben Sie Clark ja in 74 Tagen an den Start gebracht. So schlimm kann es also mit der Bürokratie nicht sein.Richtig, wenn man sich mit den regulatorischen Feinheiten auskennt. Für uns ist es sogar ein echter Wettbewerbsvorteil. So komplex die Regulierung auch ist, das wirkliche Problem sehe ich eher beim Verbraucherschutz. Da gibt es endlos viele Regeln, die den Bürger komplett entmündigen. Der darf ja eigentlich gar nichts mehr. Natürlich soll der Verbraucherschutz Betrug wirksam verhindern und dagegen vorgehen. Aber wenn alles transparent ist und der Bürger die Kontrolle hat, sollte er diese Kontrolle auch nutzen können.

Verbraucherschützer halten gar nichts davon, wenn sich Kunden nur kurz versichern, etwa weil sie eine Woche Ski fahren wollen. Genau diese Angebote machen viele Insurtechs. Ist die Kritik daran nicht berechtigt?Verbraucherschützer und auch einige Versicherer argumentieren, dass eine Police, die ein ganzes Jahr läuft, billiger wäre. Das stimmt zwar, aber welche Gedankengänge stecken dahinter? Viele Kunden wollen schnell und nur für kurze Zeit eine Police. Der Preis ist zweitrangig. Das empfinden viele Kunden als bequem. Und das ist es auch. Warum also sollten Versicherer diese Angebote nicht auch machen? Es tut mir leid, aber manchmal verstehe ich einige in der Branche wirklich nicht.

Ramin Niroumand, 29, hat als Berater bei Deloitte und der DKB (Deutsche Kreditbank) gearbeitet, bevor er 2014 als Mitgründer und Geschäftsführer zu Finleap stieß. Das Berliner Unternehmen versteht sich als Plattform und „Fabrik“ für digital operierende Start-ups im Banken- und Versicherungsbereich. Zu den Finleap-Start-ups zählen Solaris, eine Banking-Plattform, sowie die Immobilienplattform Zinsbaustein.

Niroumand